Forenkommunikation: Respekt & Anteilnahme

Screenshot eines Monitors mit Firefox. (Bild: tommyS/pixelio.de)
Wie kann Kommunikation in einer anonymen Atmosphäre - beispielsweise über das Internet - gelingen? (Bild: tommyS/pixelio.de)

Psychologe Tim Glogner gibt Tipps, wie Kommunikation in Internetforen gelingen kann.

Liebe Leser,

bitte stellen Sie sich die ehrliche Frage: Sind Ihre Beiträge im Forum wirklich immer respektvoll?

Würden Sie dieselbe Antwort geben, wenn Sie einfach – wie durch einen Zaubertrick – in derselben Situation Ihres Gesprächspartners stecken würden? War in Ihrer Antwort – zumindest der tiefe ehrliche Versuch – Ihrem Gegenüber auf eine positive Art eine Lösungsmöglichkeit zu vermitteln?

Oder steht eher der Wunsch im Vordergrund, in jedem Fall Recht zu haben? Sind Sie also stark mit Ihrer eigenen Meinung identifiziert?

Umgang mit verschiedenen Meinungen

Was ist eigentlich eine Meinung? Die hier vertretene Ansicht ist: Es ist eine gedankliche Haltung.

Ich denke, jede Meinung / Haltung kann man als (inspirierende) Anregung für den Anderen sehen, es geht in einem konstruktiven, zwischenmenschlichen Austausch nicht darum, Recht zu haben, den anderen ins Unrecht zu versetzen und dann als sogenannter „Sieger“ den Platz zu verlassen.

 „Gesiegt“ hätte man in gewissem Sinne nur, wenn das Gegenüber sich positiv berührt fühlt und das äussert. Oder aber: Wenn das Gegenüber, oder man selbst sich bedankt, aber höflich zu verstehen gibt, dass es oder man selbst mit dieser Aussage, mit dieser gedanklichen Haltung persönlich nicht so viel anfangen kann.

Zwei Statuen stehen gegenüber und schauen sich in die Augen; die eine Statue hat eine zornige Miene. (Bild: PeterHMH/pixelio.de)
Wenn man negative Emotionen spürt, sollte man nicht gleich drauflos schreiben, sondern eine Pause einlegen. (Bild: PeterHMH/pixelio.de)

„Beiträge, die mich in Wut versetzen“

Schwingt in einer Antwort, in dem Beitrag, den ich selbst schreibe oder lese, Aggression, „Druck“, Ironie, Neid, Tratschsucht (= versteckte Aggression) mit?

Manchmal können solche Emotionen auch eine gewisse „Lust“ entstehen lassen: Es könnte eine Art Lust sein, die man empfindet, wie wenn in einem Film sieht, dass irgendjemand sein “Fett wegkriegt“ und dann hat man ein Empfinden wie: „Das geschieht dem jetzt recht!“

Wenn Emotionen wie Wut (oder die versteckteren Formen wie Ironie, Neid, Tratschsucht etc.) da sind und auftauchen, muss das kein Problem sein.

Es kann sogar als positiv betrachtet werden, wenn diese an die Oberfläche kommen (auch Schmerz oder Trauer, die vielleicht von der Wut verborgen werden, können Sie zart zulassen und liebevoll annehmen; gegebenenfalls heftig weinen, ohne sich aber in Selbstmitleid zu verlieren).

Ein Forum soll wechselseitiges, konstruktives Wachstum in der menschlichen Gemeinschaft initiieren. Klar taucht - möglicherweise sogar viel - „Negativität“ in uns auf, vielleicht gerade in einer anonymeren und dadurch „neutraleren“ Atmosphäre wie in einem Internetforum.

Und es wäre, wie gesagt nicht förderlich, auch nicht ehrlich diese Negativität zu verleugnen. Jeder kennt das, das verbindet uns.

Negative Emotionen, Negativität ist da, das ist so, das ist also an sich noch nicht negativ. Ausserdem kennt - wie gesagt - wahrscheinlich jeder Mensch das, was beschrieben wurde.

Negative Emotionen werden erst dann negativ, wenn ich sage:

  1. Das ist negativ, die Emotionen darf ich nicht haben.
  2. Und dann diese Emotionen mit den entsprechenden Gedanken gegen Andere richte.
  3. Oder: Was auch manchmal geschieht: Die Emotionen und Gedanken gegen mich selbst richte, das heisst mich selbst z.B. abwerte, schlecht mache.

Gefühle und Gedanken, die auftauchen, werden dann im Forum benutzt um:

  1. Andere ins Unrecht zu setzen, gegen andere zu „kämpfen“.
  2. Oder: sich mit anderen gegen andere zu verbünden, um diese abzuwerten
  3. Auch: man macht sich selbst schlecht, sagt und glaubt z.B. ernsthaft: Man sei zu nichts nütze, um Mitleid etc. zu erhaschen

Erkennt man diese Negativität und diese möglichen Reaktionsmuster in sich selbst, ist das schon ein grosser Schritt - ein Bewusstwerdungsprozess hat eingesetzt - es ist also keinesfalls Schwäche.

Aber es ist nicht förderlich für jeden von uns, dieser „Negativität“ und den daran gekoppelten Reaktionsmustern weiterhin zu folgen (offenkundiger oder subtil in versteckterer Form).

Diplompsychologe Tim Glogner. (Bild: MyH)
Anregungen zur Forenkommunikation von Diplompsychologe Tim Glogner. (Bild: MyH)

Gesunder Umgang mit Negativität

Ideal wäre es, wenn wir Emotionen, negative Phantasien zulassen, wahrnehmen, fühlen und erst mal - gegebenenfalls auch eine längere Zeit - nichts (damit) machen; einfach nur fühlen und ruhig damit sein. Sich durch ein bewusstes Fühlen (ein Auftauchen und vergehen lassen) allmählich davon loslösen.

Also nicht gleich drauflos schreiben, alle Wut dem anderen überstülpen. Vielleicht eine Pause machen und ein Glas Wasser trinken. Ein Spaziergang an der frischen Luft kann hilfreich sein. Sport kann hilfreich sein.

Und dann aus einer grösseren inneren Ruhe einen liebenswürdigeren, schöneren Kommentar abgeben! Und dann geduldig warten, was mit einem selbst und den Anderen geschieht.

Denn es kann nach der hier vertretenen Auffassung davon ausgegangen werden, dass alle positiven Veränderungen Einfluss auf das Ganze haben, also auch auf die vermeintlich Anderen haben. Wir können also jeder für sich und somit auch gemeinsam unsere „Negativität“ erforschen und mit dem Licht unseres Bewusstseins verändern.

Oft entsteht die gerade beschriebene „Negativität“ auch aus einer scheinbaren Hilflosigkeit heraus. Die hier vertretende Ansicht ist: Ein Mensch, der anerkennt verletzlich und hilflos zu sein, ist stark, weil er der Wahrheit ins Gesicht sehen kann. Und dieser Schritt offenbart Kraft und Potential für Neues.

Schreiben Sie mir Ihre Erfahrungen und Anregungen!

Ihr Tim Glogner

Bilder: pixelio.de, MyH

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