Beratung auf Augenhöhe

Raphael Wobmann sitzt auf einer Treppe
Der Leiter der U25 Beratung Raphael Wobmann

Die Peer-to-Peer-Beratung von [U25] Schweiz geht in der Jugendsuizidberatung ganz neue und erfolgreiche Wege.

Manuela ist 14 Jahre alt. Und sie hat die Nase voll von ihrem Leben. Ihre Eltern haben sich scheiden lassen, als sie neun war, und der neue Partner der Mutter belästigt sie seit zwei Jahren sexuell. Sie schämt sich, darüber zu reden. Alkohol und Drogen lassen sie die Probleme nur für kurze Momente vergessen, das «Aufwachen» danach und die Erkenntnis, dass sich nichts geändert hat, sind frustrierend. Mit 12 begann sie sich zu ritzen, mit 13 versuchte sie sich zum ersten Mal, das Leben zu nehmen. Danach folgten noch weitere drei Suizidversuche.

Manuela ist leider kein Einzelfall. Im Gegenteil- die Schweiz zählt weltweit zu den Ländern mit den höchsten Suizidraten. Die Zahl der Selbstmordversuche versuche liegt in unserem Land gemäss Experten bei über 70´000, davon fallen etwa zehn Prozent auf Minderjährige. Das bedeutet: Etwa jede Stunde versucht sich ein junger Mensch in der Schweiz zu töten. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr. Etwa 140 Kinder und Jugendliche nehmen sich jährlich in der Schweiz das Leben. Damit ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache in der Altersgruppe der 15- bis 29-jährigen. Angesichts dieser Zahlen wundert es niemanden, dass der zuständige UN-Ausschuss im Februar dieses Jahres von der Schweiz sofortige Präventionsmassnahmen fordert.

Vertrauen als Gesprächsbasis

Eine solche erfolgreiche und innovative Jugendsuizidprävention bietet [U25] Schweiz an. Die Zielgruppe sind suizidgefährdete Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zwischen acht und 25 Jahren – also genau jene Altersgruppe mit den meisten Suizidversuchen. Das Projekt bietet den Betroffenen auf eine ganz neue Art und Weise Hilfe und Unterstützung: Die professionell ausgebildeten, ehrenamtlichen Peer-Beraterinnen sind im gleichen Alter wie die Jugendlichen und haben oft selbst schon eine schwere Lebenskrise erfolgreich bewältigt. Sie sprechen die jungen Menschen deshalb «auf Augenhöhe» an, was bei den Betroffenen rasch eine tiefe Vertrauensbasis aufbaut. Erwiesenermassen öffnen sich junge Menschen gegenüber Gleichaltrigen nämlich viel eher und vertrauen ihnen Probleme, Gedanken und Geheimnisse an, über die sie mit erwachsenen Beraterinnen und Beratern nie sprechen würden.

Ein verzweifelter, junger Mann (Bild: Thinkstock by Getty)
Die Beratung bei U25 Schweiz ist kostenlos und anonym. (Bild: Thinkstock by Getty)

Ein solches Angebot gab es in der Schweiz noch nicht, und bis heute ist [U25] die einzige Suizidberatungsstelle auf Peer-Basis. Der offene Kommunikationsstil, ähnlich geführt wie im gewohnten Umfeld, ermöglicht es den Betroffenen, durch Anregungen und vor allem selbstgesteuert Lösungsstrategien zu finden und Ressourcen aufzubauen. Hinter den PeerberaterInnen stehen professionelle SozialarbeiterInnen oder Psychologen, die die jugendlichen Peers in ihrer Arbeit stützen und coachen. Das Angebot von [U25] ist für jugendliche Nutzer kostenlos, anonym und online jederzeit verfügbar.

Das Konzept einer Peerberatung war am Anfang auch nur eine Idee. Eine Idee, geboren aus den direkten Gesprächen mit Jugendlichen, die in schweren Lebenskrisen stecken. «Sie erzählten uns, dass sie Hemmungen haben, mit Erwachsenen über ihre Probleme zu reden», erklärt der Projektleiter von [U25] Schweiz, Raphael Wobmann. «Und sie sagten, dass es viel einfacher sei, mit gleichaltrigen Freundinnen darüber zu sprechen. Das brachte uns Sozialarbeiter dann auf die Idee, für unser Projekt junge Frauen und Männer zu suchen und diese dann professionell zu Peer-Beratern auszubilden. Wir haben gesehen, dass diese Idee bereits in Deutschland erfolgreich umgesetzt wird, und so haben wir sie dann in die Schweiz gebracht.» So entstand Anfang 2014 das Projekt Jugendsuizidhilfe [U25]Ostschweiz. Im ersten Jahr konnten 25 Peers über 500 Jugendliche beraten und betreuen und nachweislich etliche junge Leben retten. «Die Kinder und Jugendlichen nehmen unsere Ratschläge ernster als jene von Psychiatern oder Ärzten.»

«Auf Spenden angewiesen»

Die Nachfrage von betroffenen Jugendlichen ist riesig – so gross, dass [U25] im März einen neuen Standort in der Region Bern/Solothurn eröffnet hat. «Wir werden von Anfragen förmlich überrannt», sagt Wobmann, «leider ist es uns aus finanziellen Gründen momentan nicht möglich, weitere Peers auszubilden und zusätzliche Standorte einzurichten. Viele der Kinder und Jugendlichen, die uns schreiben, müssen wir darum vertrösten und auf Wartelisten setzen. Das tut uns natürlich weh, denn wir würden auch ihnen gern helfen. Dafür sind wir aber auf Spenden angewiesen.»

Mittlerweile ist man auch an Hohen Stellen auf den nachhaltigen Erfolg von [U25] Schweiz aufmerksam geworden. So bestätigte kürzlich sogar Bundesrat Alain Berset, dessen Innendepartement für das sensible Thema verantwortlich ist, dass sich «... [U25] Schweiz für einen anspruchsvollen und wichtigen Ansatz zur Prävention von Jugendsuizid einsetzt».

Ach ja, und was wurde aus Manuela? Auch sie hat sich nach ihrem vierten Suizidversuch an die Help-Line von [U25]Schweiz gewendet. Seit acht Monaten wird sie dort von unserer Peer-Beraterin Jacqueline betreut, die beiden tauschen sich regelmässig aus. Kurz vor Weihnachten schrieb Manuela (im Original-Wortlaut): «ich war heute denn ganzen tag draussen und war auch auf der autobahnbrücke. ich habe sofort kopfkino bekommen. ich wollte springen ich bin drauf geklettert aber dann habe ich an dich gedacht und bin runter gegangen ich wollte springen habe es wegen dir nicht getan. (...) ich habe oft an dich gedacht weil du mich verstehst.» Heute ist Manuela dabei, ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen. Sie lebt in einer betreuten Wohngruppe, hat eine Lehrstelle in Aussicht und ist bis über beide Ohren verliebt.

Text: Manuel Kämmerling - 06/2015
Bilder: Verein U25 & Thinkstock by Getty

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