„Better call Saul“ und die darin thematisierte Elektrosensibilität

Elektronische Geräte können elektromagnetische Wellen abgeben, welche von elektorsensiblen Personen wahrgenommen werden.

Elektrosensibilität wird plötzlich zum Thema. Und dies ausgerechnet  bei einer Erfolgsserie des US-Senders AMC, die auch über Netflix ausgestrahlt wird. Einer der zentralen Haupt-Charaktere ist elektrosensibel – eine bislang nur wenig thematisierte Form von Handicap.

Wir stellen es bei uns um Forum immer wieder fest: Filme und Serien, in denen Handicaps und chronische Krankheiten thematisiert werden, werden von unseren Lesern nicht nur gerne konsumiert, sondern auch umfangreich diskutiert und auf ihren Realitätsgehalt hin abgeklopft – und natürlich erfreuen sich vor allem heutige Serien, als eine Art XXXL-Film, besonderer Beliebtheit nicht nur bei unseren Lesern, sondern den meisten Fernsehzuschauern. Allerdings: Serien, die als sogenanntes Spin-Off produziert werden, also einen oder mehrere Nebencharaktere aus einer bereits bestehenden Erfolgsserie aufgreifen und um sie herum eine neue, abzweigende Handlung stricken, sind meist keine nennenswerten Erfolge beschieden. Die grosse Ausnahme von dieser altbekannten Regel stellt aktuell „Better call Saul“ dar. Die Show erzählt die Geschichte des schmierigen Anwalts Saul Goodman, der im weltweit gefeierten Drogen-Serien-Epos „Breaking Bad“ eine wichtige und beliebte Nebenfigur spielte. Während der überwiegende Teil aller Spin-Offs schon früh, oft bereits nach der ersten Staffel, sang- und klanglos mangels Einschaltquoten bzw. Zuschauerinteresse eingestellt werden, kann „BcS“, wie seine Fans es abkürzen, bereits auf vier erfolgreiche und eine in Produktion befindliche fünfte Staffel blicken.
Damit kommt diese Serie nunmehr auf die gleiche Staffel-Anzahl wie die Ursprungsserie und besitzt auch in der Schweiz eine grosse, treue Anhängerschar.

Überzeichnet aber wahr im Kern

Zentraler Serien-Bestandteil ist das schwierige Verhältnis zweier ungleicher Brüder: Hier der kleinkriminelle Loser Jimmy McGill (der erst im späteren Serienverlauf sein titelgebendes Alter Ego Saul Goodman annimmt), der sich nebenbei zum Anwalt ausbilden liess und dem kein Trick zu schmutzig ist. Dort sein wesentlich älterer Bruder Charles. Der ist nicht nur ein Musterbürger, sondern auch Mitbesitzer einer riesigen Kanzlei und höchsterfolgreicher Rechtsgelehrter. Eigentlich wären die Fronten bei einer so krassen Rollen-Diskrepanz geklärt. Doch Charles leidet an einer bislang medial kaum thematisierten Erkrankung, er ist elektrosensibel. Und auf den folgenden Zeilen wollen wir darauf näher eingehen – Achtung, minimale Spoiler-Gefahr! Schon in den allerersten Folgen wundern sich die Zuschauer, warum Jimmy, bevor er Charles Haus in einer gepflegten Upperclass-Vorstadtsiedlung betritt, sein Handy im Briefkasten zurücklässt. Wo man innen fulminante Beleuchtung und zeitgenössische Digitaltechnik erwartet, wird Charles Haus auch nur von Camping-Gasleuchten mehr schlecht als recht erhellt. Und Jimmy ist nicht zuletzt deswegen auf Besuch, weil er die Lebensmittel-Kühlbox, die Charles statt eines Kühlschranks betreibt, mit frischem Eis füllen möchte.

Charles ist elektrosensibel

Denn Charles ist elektrosensibel. Die Anwesenheit von elektromagnetischen Wellen verursacht ihm körperliches Unbehagen, das sich bis hin zu Ohnmachtsanfällen steigert und das für die Serie von zentraler Bedeutung ist. Dies gibt dem eigentlich überlebensgrossen Bruder des kleinen Versagers nicht nur ein schweres Story-Handicap, sondern lässt auch viele Zuschauer ratlos zurück: Gibt es das? In der Tat, Elektrosensibilität ist eine sehr reale Krankheit. Das BAFU fand schon 2004 bei einer offiziellen Erhebung bis zu fünf Prozent der Bevölkerung – und Experten gehen für heute von einer noch höheren Dunkelziffer an Nichtdiagnostizierten aus. Allerdings haben an diesem Punkt die Serienmacher ihre (ansonsten gut erledigten) Hausaufgaben nicht gemacht. In BcS wirkt Charles Elektrosensibilität ähnlich wie Kryptonit auf Superman. Je näher die elektromagnetische Quelle kommt, desto schwächer wird er. Das ist stark überzeichnet. Denn die tatsächliche Krankheit prägt sich für die meisten Menschen anders aus.

Kopfschmerzen und Müdigkeit

Überall, wo Strom fliesst und wo Funkwellen sich verbreiten, entstehen elektromagnetische Felder unterschiedlichster Stärke. Zwar hat kein Mensch ein Sinnesorgan dafür und ein Grossteil bekommt von diesen Wellen im Alltag auch nichts mit. Allerdings gibt es die wie erwähnt gar nicht so kleine Gruppe jener, die unter der fachsprachlich bezeichneten Elektromagnetischen Hypersensibilität EHS leiden. Bei EHS-Patienten drückt sich die Anwesenheit von Elektromagnetismus, auch in geringerem Umfang, durch körperliche Probleme aus – die jedoch nur in den allerseltensten Fällen so ausfallen wie bei Charles McGill. „Echte“ Elektrosensibilität ist ungleich vielschichtiger. So listet das Schweizer Institut für biologische Elektrotechnik eine ganze Brandbreite  möglicher Symptome der Elektrosensibilität:

  • Schwächegefühle, häufig dadurch verursacht, dass Elektromagnetismus die Synthese des „Müdemacher-Hormons“ Melatonin stört
  • Tinnitus bzw. ähnliche Ohrgeräusche, welche mutmasslich ihre Quelle in Auswirkungen von Wellen auf die Signalübertragung zwischen Gehör und Hirn haben
  • Schlafstörungen und Müdigkeit, ebenfalls durch Störungen der Melatonin-Synthese sowie Auswirkungen auf Neurotransmitter
  • Chronische Schmerzen in Rücken und Gelenken, ausgelöst durch über die elektromagnetischen Falschsignale verhärtete Muskeln
  • Probleme der Schilddrüse und des Stoffwechsels, ebenfalls darauf zurückzuführen, dass sich die Strahlung auf Nerven-Signale auswirkt

Zudem sind viele Mediziner der Ansicht, dass auch niedrigschwelliger Elektromagnetismus, der über lange Zeit einwirkt, eine signifikante Rolle bei einigen Krebsarten spielt. 2011 setzte die Weltgesundheitsorganisation WHO elektromagnetische Felder auf ihre 2B-Liste – „Possibly carcinogenic“, möglicherweise krebserregend.

Leider überall

Doch so sehr man die Serie dafür loben muss, Elektrosensibilität überhaupt zu thematisieren, muss man ihr auch eines ankreiden: die Krankheit wird immer augenzwinkernd dargestellt. Charles McGill hinterlässt beim Zuschauer zu leicht den Eindruck eines „armen Irren“, bei dem die Krankheit nur vorgeschoben ist, weil er mit seinem Leben nicht zurechtkommt – auch wenn das so direkt nicht kommuniziert wird. Da fällt ein weiterer kleiner Fehler kaum auf: Anfangs ist Charles noch symptomfrei, wenn der Raum, in dem er sich befindet, frei von Elektrogeräten und Handys ist. Erst in späteren Folgen beginnt er, sein Haus innen abzuschirmen. Genau das ist es in der Realwelt: Elektromagnetismus bombardiert uns heute von innen und außen. Bloß abschalten allein brächte Betroffenen nur wenig. Die Zahlen an EHS-Geschädigten steigen vornehmlich, weil sich seit dem Jahrtausendwechsel die Zahl an Quellen vervielfacht hat. Wie erwähnt waren es 2005 rund fünf Prozent unserer Einwohner. Tatsächlich könnten heute bis zu 20 Prozent mehr oder weniger ausgeprägt elektrosensibel sein. Früher war bis auf Radio- und Funk sowie die relativ geringen Zahlen an Elektrogeräten pro Haushalt unsere Umwelt relativ Elektromagnetismus-frei. Doch Jahr für Jahr steigen nicht nur die Zahlen von Elektrogeräten, sondern kommen auch immer mehr Funkwellen hinzu. Zwar forschen verschiedene Wissenschaftsdisziplinen am Problem. Alle eint jedoch, dass sie der Ansicht sind, dass es umso bedenklicher ist, je höher die Frequenzen sind – einer der Hauptgründe dafür, warum sich immer mehr Menschen mit schwersten Bedenken gegen die Aufstellung neuer Handymasten etc. wehren.

Fazit

Die Erfolgsserie Better call Saul gehört zu den ersten, die elektromagnetische Unverträglichkeit als zentralen Teil der Story einbaut. Doch wie so oft, wenn Handicaps medial erstmalig dargestellt werden, bleibt ein „G’schmäckle“, denn vieles wird verzerrt dargestellt oder unter den Tisch fallen gelassen. Allerdings sollte das nicht davon abhalten, der Serie eine Chance zu geben – insbesondere, wenn man zuvor Breaking Bad genossen hat.

 

Text: MyH, März 2019

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!