Warum Antidepressiva schlucken?

Menschen mit Depressionen sind in einer düsteren Stimmlage gefangen. (Bild: Pixabay.com)

Menschen mit Depressionen sind in einer Endlosschlaufe von negativen Gefühlen gefangen. Dabei wünschen sie sich nichts mehr, als sich wieder «normal» zu fühlen. – Doch was ist normal? Und wie können Medikamente helfen?

«Normal» bedeutet, in der Lage zu sein, das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen zu empfinden. Stattdessen sind Menschen mit Depression in einer düsteren Stimmungslage gefangen, aus der sie alleine nicht wieder herausfinden.

Eine tödliche Erkrankung

Menschen mit Depression fühlen sich niedergeschlagen, traurig und antriebslos. Sie verlieren Freude und Interesse an Dingen, die ihnen zuvor Spass gemacht haben. Sie werden lustlos, passiv, schränken ihre sozialen Kontakte ein und haben vielleicht auch Angst. Das Konzentrieren wird schwierig und die Gedanken rotieren. Es ist nicht so, dass diese Menschen es nicht anders wollen würden – sie können es effektiv nicht. Viele fühlen sich deshalb als Versager oder haben sogar Suizidgedanken. Der Körper kann mit Schlaf-, Appetit- oder Sexualstörungen, Kopf- und Rückenschmerzen reagieren. Je mehr dieser Symptome vorliegen, desto schwerer die Erkrankung. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Betroffene rasch fachliche Hilfe in Anspruch nehmen. Doch häufig erkennen sie selbst als letzte, was mit ihnen geschieht. Eine Einmischung des Umfelds oder der Angehörigen kann hier durchaus wünschenswert sein.

Botenstoffe aus dem Gleichgewicht

Eine Depression macht keine blauen Flecken wie ein Bluterguss, aber auch sie entsteht aufgrund krankhafter Veränderungen im Körper. Genauer gesagt im Gehirn, wo Botenstoffe wie Serotonin und Noradrenalin für ein gesundes Gefühlsleben sorgen. Gerät deren Gleichgewicht aus dem Lot, kommt es zur Depression. Ein möglicher Auslöser dafür ist chronischer Stress, wobei hier nicht nur der Stress bei der Arbeit, sondern jegliche Form von Dauerbelastung zählt, sei es z. B. durch chronische Krankheiten, finanzielle Sorgen, Beziehungsprobleme oder den Verlust des Partners. Normalerweise kann sich das Gehirn vor dem Stresshormon schützen. Bei Dauerbelastung versagen diese Schutzmechanismen jedoch, und es kommt zu hormonellen Störungen im Gehirn. Die Behandlung mit Antidepressiva zielt nun darauf ab, die Aktivität dieser Botenstoffe wieder zu normalisieren.

Eine Depression macht keine blauen Flecken wie ein Bluterguss, aber auch sie entsteht aufgrund krankhafter Veränderung im Körper. (Bild: Pixabay.com)

Notwendige körperliche Untersuchungen

Manchmal werden Depressionen auch durch andere bereits bestehende Krankheiten ausgelöst oder verstärkt. Dazu zählen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen oder Eisenmangel. Das kann dazu führen, dass die Depression übersehen wird. Umgekehrt können auch Antidepressiva bestimmte Körperfunktionen beeinflussen. Gewisse Antidepressiva können sich auf das Herz auswirken, andere auf die Leber, sodass bereits vor der Therapie gewisse Abklärungen durchgeführt werden müssen. Es ist wichtig, dass die empfohlenen Bluttests und Untersuchungen wahrgenommen werden.

Was darf man von der Behandlung erwarten?

Menschen mit Depression möchten sich wieder normal fühlen. Das heisst, sie möchten wieder das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen empfinden können: nicht nur Traurigkeit, sondern auch Freude, wenn gute Dinge geschehen. Manche Antidepressiva können zwar die belastenden negativen Empfindungen verringern, unterdrücken aber gleichzeitig auch andere Emotionen. Andere Antidepressiva hingegen können helfen, zur gewohnten Vielfalt von Emotionen zurückzufinden. Die Wirkung der Antidepressiva setzt meist erst in ein paar Wochen ein. Es ist nicht selten, dass verschiedene Medikamente ausprobiert werden müssen, bis das passende gefunden ist. Es braucht also etwas Geduld. Verbessert sich die Stimmungslage, ist es wichtig, dass die Antidepressiva weiterhin regelmässig eingenommen werden, um die Heilung zu stabilisieren.

Text: Dr. C. Schlatter, Medical Tribune public / 11-2017 

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