Burnout: Dem Tempo nicht mehr gewachsen

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Professor Matthias Burisch (Foto: zvg)

Prof. Matthias Burisch ist einer der anerkanntesten Burnout-Experten. Im MyHandicap-Interview äusserst er sich über die dramatsich steigende Zahl von „Ausgebrannten“, über den Trend zur Selbstaus- beutung und darüber wie sich die Wirtschaft dem Thema stellt.

MyHandicap (MyH): Prof. Burisch, wie lautet Ihre Definition von Burnout?
Prof. Matthias Burisch (MB): Es gibt Dutzende von Definitionen, die aber alle nicht überzeugen. Ich werde da keine weitere hinzufügen. Einigermassen Einigkeit besteht über die folgenden Punkte:

  • Burnout ist ein krisenhafter Prozess. So etwas bricht nicht von einem Tag auf den anderen aus.
  • Burnout ist im Kern etwas Emotionales, das gleichwohl Körper und Geist in Mitleidenschaft ziehen kann.
  • Burnout kann zu völliger Arbeitsunfähigkeit, aber auch zum Suizid führen.
  • Burnout verursacht bei den Betroffenen (und den ihnen Nahestehenden) Leid, aber auch beträchtliche betriebs- und volkswirtschaftliche Kosten.
  • Meine eigene Theorie besagt, dass Burnout-Prozesse dann beginnen, wenn Dauerstress in Fallensituationen zu einem chronischen Gefühl der Hilflosigkeit geführt hat.

Starke Zunahme der Zahl der Betroffenen

MyH: Die Erkrankungen nehmen seit Jahren stetig zu. Ihre Erklärung?

MB: Der Anstieg ist in der Tat so atemberaubend steil, dass ich das nicht mehr allein mit veränderten Diagnosegewohnheiten oder höherer Sensibilität der Betroffenen erklären mag, obwohl auch das eine Rolle spielt.

Die Welt hat sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren in einem Tempo verändert, dem viele Menschen nicht mehr gewachsen sind. Dabei geht es vielen wirtschaftlich besser; denken wir an die sogenannten Schwellenländer. Aber es scheint, dass materieller Wohlstand oberhalb eines gewissen Punktes die Lebenszufriedenheit nicht mehr steigert.

Auch in den „entwickelten“ westlichen Gesellschaften gibt es schon lange einen Trend, sein Lebensglück weniger aus menschlichen Beziehungen speisen zu wollen als aus Leistung, Erfolg und den Annehmlichkeiten, die daraus folgen. Wenn nun aber in diesem Sektor die Probleme zunehmen, dann schlägt das stärker auf die Befindlichkeit durch als früher, weil das Korrektiv fehlt.

Man muss heute vielerorts härter und länger arbeiten, ohne dass die Wirkung berechenbar wäre; der Ausgang ist ungewisser geworden. Man kann alles richtig gemacht haben und dennoch scheitern.

Man kann ohne eigenes Zutun seinen Arbeitsplatz verlieren. Beispielsweise in Frankreich erreicht man rein biologisch das Haltbarkeitsdatum schon Mitte Vierzig. Oder man findet nicht mal Arbeit. Nach allem, was man liest, sind die gegenwärtigen Revolutionen in Nordafrika auch eine Revolte der Jungen, die einerseits wesentlich besser ausgebildet sind als ihre Eltern, andererseits aber keine adäquaten Jobs finden. Ähnliches findet übrigens in Griechenland und Italien statt.

Und die, die Arbeit haben, spüren überall die Entgrenzung des Privatlebens. Das verstärkt noch einmal den genannten Trend: Wer für die Pflege von Beziehungen weniger Zeit und Kraft übrig behält, kann auch weniger Bindungen aufbauen oder halten. Da reichts dann nur noch fürs Surfen im Internet. Aber ob das stabilisiert?

MyH: Welchen Einfluss hat das generell viel höhere Tempo, mit dem sich unsere Gesellschaft verändert?

MB: Alles muss viel schneller, viel oberflächlicher erledigt werden. Burnout-Kliniken haben nicht selten „Genuss-Training“ im Programm, wo Menschen wieder lernen, wie Blumen riechen. Das sagt schon allerlei.

MyH: In ihrem Standardwerk „Das Burnout-Syndrom — Theorie der inneren Erschöpfung“ schreiben Sie vom „neuen Trend zur (freiwilligen) Selbstausbeutung“. Können Sie uns dies erläutern?

MB: Die Vordenker an dieser Stelle, zum Beispiel der Berliner Philosoph Klaus Peters, sprechen von „interessierter Selbstgefährdung“ als Folge von „indirekter Steuerung“. Letztere ist ein Führungsprinzip, das als Management by Objectives schon vor mehr als 50 Jahren propagiert wurde, aber erst seit Mitte der 90er Jahre in vielen Branchen flächendeckend eingeführt ist.

Dieses Prinzip — Gib die Ziele vor, aber nicht die Wege — sollte zur Entfesselung von Kreativität und Eigeninitiative führen und war insofern gut gemeint. Dagegen spricht nichts, wenn die Ziele unter Mitsprache derer, die sie erreichen sollen, vereinbart werden. Und wenn die notwendigen Ressourcen bereit gestellt werden.

In vielen Branchen werden aber Ziele einseitig von oben vorgegeben, beispielsweise x Prozent Umsatzsteigerung, und es ist klar, dass jeder selbst sehen muss, wie er das schafft; mehr kosten darf es nicht. Unter solchen Umständen arbeiten heute Arbeitnehmer wie Existenzgründer in der Startup-Phase: Bis zur Erschöpfung.

Denn die einzige Ressource, die sie einsetzen können, ist ihre Zeit und Kraft. Sie unterlaufen, ja sabotieren unter Umständen Regeln, die ihre eigene Gefährdung begrenzen sollen. Sogar die Gewerkschaften schauen eher ratlos zu, denn natürlich will niemand die Ertragskraft von Unternehmen gefährden, die ja die Arbeitsplätze stellen sollen. Und die Unternehmen profitieren natürlich von dieser Art Selbstausbeutung, jedenfalls kurzfristig.

Der "typische" Burnout-Kandidat

MyH: Welche Menschen sind mehr, welche weniger gefährdet?

MB: Abstrakt formuliert: Vor allem die "Unbegrenzten", die beinahe alles „mit sich machen lassen“ bzw. selbsttätig über alle Grenzen gehen, sich alles zumuten, um das Unmögliche möglich zu machen. Punktuell kann daraus Grosses erwachsen, zum Beispiel in der Kunst oder in der Wissenschaft. Ein langes, gesundes und zufriedenes Leben wird daraus aber kaum.

MyH: Ein Burnout ist ein schleichender Prozess. Welches sind die Warnsignale?

MB: Davon gibt es eine Menge: Gehetztheit, Nervosität, chronische Anspannung. Verminderte Emotionskontrolle, also Reizbarkeit, Tränenausbrüche oder Apathie. Sozialer Rückzug, also Kontaktmeidung, Schwierigkeiten  beim Zuhören.

Leistungsabfälle: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen, Flüchtigkeitsfehler, Verzettelung in Kleinigkeiten, unnötige Überstunden.

Nachlassendes Engagement: Dienst nach Vorschrift, Negativismus, Sarkasmus. Krankheitsanfälligkeit zum Beispiel gegen Infektionen. Ein Signal, das Alarm auslösen sollte, ist die bleibende Unfähigkeit abzuschalten. Dadurch leidet auch der Schlaf. Und das kann in Teufelskreise münden.

MyH: Gibt es für Familienmitglieder oder Arbeitskollegen Anhaltspunkte, anhand derer sie erkennen können, dass jemand gefährdet ist?

MB: Vieles von dem gerade Gesagten merkt die Umwelt eh früher als die Betroffenen. Das Dumme ist, dass die dann verleugnen, verdrängen oder abwehren. „Nur noch bis zur nächsten Wegkreuzung, dann wird alles besser!“ Aber danach kommt meist das nächste Steilstück.

MyH: Wie lässt sich eine 60-Stunden-Arbeitswoche am besten mit den Interessen der Familie und den persönlichen Interessen in eine Balance bringen – oder anders gefragt, wie kann man einem Burnout vorbeugen?

MB: Na ja, eine 60-Stunden-Woche ist ja nicht gottgegeben. Wo es wirklich nicht anders geht, oder wo das eigenen Bedürfnissen entspricht, ist es gut, sich klar zu machen, dass nicht die schiere Arbeitsmenge die Belastung bestimmt, sondern die Gefühle, die mit der Arbeit verbunden sind.

Wenn die Sache Spass macht, zum Beispiel weil sie eigenen Bedürfnissen entspringt oder einen höheren Sinn stiftet, sind auch noch längere Zeiten völlig unbedenklich - allerdings würde ich das dann nicht mehr Arbeit nennen. Vorbeugung kann bedeuten, mehr Spass und Spiel in das eigene Arbeitsleben zu integrieren. Und sich um Gelassenheit zu bemühen, wo der Spass aufhört.

MyH: Wenn das Vermeiden eines Burnouts nicht gelingt – kann es einem gelingen, selber aus der Falle zu kommen oder ist professionelle Hilfe unumgänglich?

MB: Ich hoffe ja, dass gründliches Nachdenken in den Frühstadien eine Menge bewirken kann. Unter anderem deshalb schreibe ich relativ viel und gebe Interviews wie dieses. Andererseits habe ich oft erlebt, dass eine einzige professionelle Beratung von ein bis zwei Stunden, die nicht die Welt kosten muss, viel in Bewegung setzt, was dann eigenständig weitergeführt werden kann. Insofern rate ich doch, früher Hilfe zu suchen, bevor die Probleme sich verselbständigt haben.

Spätestens ab dem zweiten Stadium kommt man mit Bordmitteln schwer wieder raus. Dann kann auch das private Umfeld nicht mehr viel ausrichten, zumal es meist selbst in Mitleidenschaft geraten ist.

Wirtschaftlicher Faktor

MyH: Burnouts wie auch andere psychische Erkrankungen kosten den Staat und die Wirtschaft ein Vermögen. Gerade Unternehmen sind gefordert, denn sie brauchen gesunde Mitarbeiter. Wie erleben Sie das Verhalten von Firmen und Organisationen dem Thema gegenüber?

MB: Alarmiert, aber ratlos. Es muss erst richtig teuer werden, bis etwas in Gang kommt. Bevor man aber auf das Management schimpft, sollte man sich klar machen, dass die selbst mächtig unter Druck stehen. Auch bewegen sich Spitzenmanager in Kreisen, in denen es gefährlich ist, irgendwelche Schwächen auch nur zur Kenntnis zu nehmen. Immerhin: Es kommen Anfragen, und es laufen bei uns erste Pilotprojekte. Die Initiative dazu kommt meist aus dem Mittelmanagement oder von der Arbeitnehmervertretung. Mein Eindruck ist übrigens, dass die Schweiz ein bisschen weiter ist, dank unter anderem Rolf Schweiger...

MyH: Wie unterstützt das 2008 von Ihnen gegründete Burnout-Institut Norddeutschland einerseits Betroffene, andererseits Unternehmen?

MB: Auf unserer Website kann man einen erprobten Fragebogen samt Auswertung und ausführlichen Tipps zur Selbsthilfe bestellen. Es gibt dort auch einen Link zu einer Broschüre, die man gratis herunter laden kann. Peu à peu werden wir dort weiteres Informationsmaterial bereitstellen, das wir für nützlich halten. Wir arbeiten unter anderem an einem kurzen Merkblatt, das man beispielsweise einer Kollegin ins Postfach legen kann, wenn man den Eindruck hat, die brauchts.

Darüber hinaus bin ich publizistisch ziemlich aktiv. Augenblicklich sind drei Aufsätze in Arbeit, einer davon für PRO MENTE SANA in der Schweiz. Unternehmen bieten wir Organisationsdiagnosen, Präsentationen, Workshops und Coaching an. Für grössere Projekte und Spezialthemen (z. B. Entspannungsverfahren, Meditation) kooperieren wir mit Expert(inn)en.

MyH: Professor Burisch, ganz herzlichen Dank für das Interview.

 

Text: P. Gunti 03/2011

Bild: zvg

Zur Person:
Prof. Matthias Burisch studierte Psychologie in Hamburg, wo er auch promoviert und habilitiert wurde. Er gründete den Praxisschwerpunkt „Organisations- und Personalentwicklung“, den er von 1982 bis 1992 und von 2006 bis 2008 leitete. Bekannt wurde Burisch vor allem durch seine Veröffentlichungen zum Burnout-Syndrom.

Sein Buch „Das Burnout-Syndrom — Theorie der inneren Erschöpfung“ hat sich seit der ersten Auflage 1989 im deutschsprachigen Raum als Standardwerk zum Thema etabliert. Im Herbst 2010 erschien bei Springer die 4. Auflage, die gegenüber der vorigen von 2006 um ein aktualisierendes Kapitel erweitert wurde.

Neben seiner universitären Tätigkeit arbeitet Matthias Burisch als Berater, Trainer und Coach für Einzelne und Organisationen. Dabei widmet er sich besonders Themen wie Burnout-Prävention (seit 2008 im Rahmen des Burnout-Instituts Norddeutschland) und Führungs-Kompetenzen.

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