Die mit dem Espresso tanzt

Anne Rüffer (Bild: Lali Matzel)

Anne Rüffer ist Autorin, Dokumentarfilmerin und Verlegerin und hat langjährige Erfahrung als Journalistin im medizinischen Bereich. Im Jahr 2000 gründete sie zusammen mit Dominique Rub den Sachbuchverlag rüffer&rub, der unter anderem bekanntgeworden ist mit dem Werk «Swiss Paradise» von Rolf Lyssy. Sie ist eine von vier Autorinnen, welche in der neuen Rubrik «Blickwinkel» der Stark mit MS Kampagne mitarbeitet. Ihr Segment heisst «Auf einen Espresso mit…», in welchem Patienten und Experten gleichermassen zu Wort kommen.

MyHandicap: Frau Rüffer, Sie haben in ihrer Karriere bereits viele unterschiedliche Berufe ausgeübt. Haben Sie dabei spezifisch schon Erfahrungen mit Multipler Sklerose gemacht?

Anne Rüffer: Durchaus. Vor über 18 Jahren habe ich als Verlegerin ein Buch über Menschen mit MS herausgegeben, das war in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jürg Kesselring, Chefarzt für Neurologie und Rehabilitation am Rehabilitationszentrum Valens. Schon damals hat es mich sehr bewegt, wie sich das Leben von jemandem verändert, wenn plötzlich eine folgenschwere Diagnose gestellt wird, egal welcher Art. Dies kann eine psychische, aber auch eine körperliche Erkrankung sein oder beispielsweise der Verlust eines Kindes oder eines Partners. Da passieren unglaubliche Veränderungen in Menschen und sie müssen lernen, neue Kräfte zu entwickeln, um damit umgehen zu können. Das ist mein Anreiz bei allen Themen mit denen ich mich gesellschaftlich befasse. Was ist die Qualität des nächsten Schritts, wenn so etwas auf jemanden zukommt. Auch um allenfalls anderen Betroffenen einen Hinweis zu geben oder eine Tür zu öffnen, um damit umzugehen.

Als Verlegerin ist meine Vorgehensweise deshalb immer zweigeteilt. Ich lasse Experten die medizinischen Teile bis ins Detail erläutern, was in einem Buch einfacher ist, da auch Laien es einfach immer wieder nachlesen können. Dazu folgen immer Patientengeschichten und Menschen, die das gleiche Schicksal geteilt haben, damit man beide Seiten der Medaille sieht. Also auf die vollständige Information über die Krankheit folgt dann, wie Betroffene mit der Situation umgegangen sind. Wobei man vorsichtig sein muss, da alle Menschen unterschiedlich reagieren. Nicht jeder Weg führt alle Betroffenen ans gleiche Ziel, aber ich glaube es ist immer wichtig zu zeigen, dass es Wege und Optionen gibt.

MyHandicap: Was motiviert Sie an der Kampagne «Stark mit MS» mitzuwirken?

Anne Rüffer: Ich glaube gerade eine Krankheit wie MS, die so etwas Unheimliches in sich birgt, ist sehr schwer für Betroffene einzuschätzen. Es gibt zwar mittlerweile gute Behandlungsmöglichkeiten, aber was ganz genau los ist, kann man immer noch nicht erklären. Ich denke so eine Ungewissheit ist immer schwierig auszuhalten. Gerade Menschen mit MS, die ständig mit Fragen konfrontiert sind (Kommt ein nächster Schub? Wann kommt dieser? Was verliere ich dann alles?) und diese Ungewissheit aushalten müssen, finde ich sehr eindrucksvoll. In dieser Situation die Stärke zu entwickeln um damit umzugehen, ist schon phänomenal. Es hat mich persönlich interessiert, diese Menschen zu treffen und herauszufinden, welche Möglichkeiten und Wege sie gefunden haben, mit MS umzugehen und auch diese Ungewissheit zu meistern.

Der Espresso darf beim Interview nicht fehlen.

MyHandicap: Ihr Segment heisst «Auf einen Espresso mit…». Warum genau ein Espresso?

Anne Rüffer: Wir alle kennen die Situation, kurz mit jemandem einen Espresso trinken zu gehen. Dies dauert eine bestimmte Zeit und man hat ein kurzes, aber intensives Gespräch. Ich dachte, das passt genau für so fünf Fragen und lässt genügend Platz im weiteren Tag, über das Gesagte nachzudenken. Man muss sich dann natürlich auch kurzhalten und auf den Punkt kommen, ohne viel um den heissen Brei zu reden. Durch diese Kürze gibt es eine Ehrlichkeit, eine Ungeschminktheit in den Antworten, welche bei langen Interviews so nicht durchkommt. Das gefällt mir sehr an dieser Form des Interviews.

MyHandicap: Gibt es für Sie besondere Herausforderungen oder Aufgaben, im Bereich der Zusammenarbeit mit «Stark mit MS»?

Anne Rüffer: Nein, ich denke nicht. Man muss natürlich in kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis mit den Personen aufbauen, aber man dringt ja nicht in die Privatsphäre der Leute ein. Bei einer Reportage ist dies ganz anders, da ist man teilweise sehr lange mit den Personen unterwegs und dringt tief in ihr Leben ein. Es ist auch ganz bewusst im öffentlichen Raum gehalten, da spürt man rasch ob eine gewisse Sympathie vorhanden ist. Das einzige, was ich teilweise als herausfordernd empfinde, ist mit den Erwartungen vor dem Interview umzugehen. Man hat im Vorfeld immer bereits Bilder im Kopf, wie die Person sein wird. Manchmal kommt es aber ganz anders als erwartet. Dies trägt aber zur Ehrlichkeit und Offenheit der Interviews bei und ist nicht negativ zu werten.

MyHandicap: Nehmen Sie auch für sich selbst etwas aus diesen Interviews mit, etwas das für Sie speziell ist?

Anne Rüffer: Nicht direkt. Es ist ja auch mein Beruf. Ich merke einfach, dass ich bei diesen Interviews immer wieder auf Menschen treffe, gerade aus sozialen Bereichen, die sehr engagiert sind. Ich glaube, dass wenn Menschen draussen mehr davon erfahren, wie stark Betroffene sein müssen, können sie auch mehr Verständnis und Respekt für diese Menschen entwickeln. Auch für den Fall, dass jemand im eigenen Umfeld dieses Schicksal erleidet. Diese Aufklärung darüber, woher Menschen mit Beeinträchtigungen oder Handicap kommen und das Sie nicht aufgeben, in unserer wahnsinnig harten und effizienten Gesellschaft, halte ich für besonders wertvoll. Ich denke auch, dass das Umfeld nicht genug darüber erfahren kann, um das auch zu respektieren. Die wahren Herausforderungen in unserer Gesellschaft liegen bei diesen Menschen und es ist natürlich viel einfacher aufzugeben, als weiter zu machen. Aufgeben ist aber keine Option für die Meisten und das finde ich unglaublich mutig. Das sollte die Welt erfahren.

MyHandicap: Vielen Dank Frau Rüffer, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben.

Interview vom 03/2018

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