Schlaganfall! Was ändert sich danach?

Ein junger Mann übt seine Armfunktionen mit einer Krankengymnastin. (Bild: Wikicommons)
Durch einen Schlaganfall verloren gegangene Fähigkeiten können durch Therapien wieder erlangt werden. (Bild: Wikicommons)

Jahr für Jahr erleiden in der Schweiz laut FRAGILE Suisse - Schweizerische Vereinigung für hirnverletzte Menschen und Angehörige - cirka 16‘000 Menschen einen Schlaganfall – häufig mit folgenreichen Behinderungen in ihrem Alltag.

Der Schlaganfall ist die häufigste Ursache für erworbene Behinderungen im Erwachsenenalter. Er kann zeitweise zu Einschränkungen führen – zum Beispiel zu einer Aphasie (siehe dazu unser Aphasie-Artikel), die sich nach und nach legt. Aber er kann sich auch extrem auswirken – wie bei Detlev Feierabend.

Noch vor ein paar Jahren war ein beruflich erfolgreicher und mitten im Leben stehender Mann. Er hatte eine eigene Praxis für Homöopathie und Psychotherapie aufgebaut, engagierte sich ehrenamtlich im Naturschutz und reiste in seiner Freizeit viel durch südeuropäische Länder. „Ich hatte immer das Gefühl, ich kann erreichen, was ich will“, erinnert sich Feierabend.

Urplötzlich riss ihn ein Schlaganfall aus dem Leben heraus, in einen koma-ähnlichen Zustand. Danach war nichts wie vorher. Feierabends linke Körperhälfte bleibt gelähmt. Fortan ist er grösstenteils auf einen E-Rollstuhl sowie auf  Begleitpersonen angewiesen.

Private wie berufliche Auswirkungen

Aufgrund der Lähmung und dem linksseitigen Gesichtsfeldverlust kann Feierabend nicht mehr Auto oder Rad fahren. Haus-, Garten- und Reparaturenarbeiten gehören der Vergangenheit an. An einer Diskussion teilzunehmen oder sich eine Stunde lang auf eine bestimmte Tätigkeit zu konzentrieren, fällt ihm auch heute noch schwer. „Deshalb musste ich meine Praxis und somit meine berufliche Existenz aufgeben“, erzählt Feierabend.

„Lähmungen sind typische Einschränkungen nach einem Schlaganfall“, sagt Dr. Christian Nolte von der Berliner Charité. Nolte ist Oberarzt einer überregionalen Schlaganfallstation und arbeitet auch am Centrum für Schlaganfallforschung in Berlin. „In der Regel leidet die Geschicklichkeit der Hände und Beine. Das führt dazu, dass die Patienten nicht mehr selbstständig laufen oder sich nicht mehr selbstständig ankleiden können“, beschreibt Nolte die Folgen der Lähmungen.

Nur ein Bruchteil der möglichen Folgen

„Aber so vielgestaltig wie die Funktionen, die das Gehirn erfüllt, sind die Einschränkungen nach einem Schlaganfall ebenfalls vielgestaltig“, erklärt Nolte. „Häufige Beispiele sind Taubheitsgefühle, Störungen der Sprache und Einschränkungen im Gesichtsfeld“ – wie sie Detlev Feierabend auch hat. Aber ein Schlaganfall kann sich nicht nur körperlich auswirken, weiss Nolte.

„Häufig gehen mit einem Schlaganfall auch Persönlichkeitsveränderungen wie Teilnahmslosigkeit, Resignation, Depression, Zwangsweinen oder plötzliche Wutausbrüche einher“, bestätigt Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Schäbitz, Chefarzt für Neurologie und Regionalbeauftragter der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe.

„Viele der Auswirkungen sind vorübergehend, entwickeln sich nach einigen Wochen oder spätestens Monaten zurück. Manche Ausfälle können aber auch über Jahre dauern oder gar bleibend sein, je nachdem, wie stark das Gehirn geschädigt wurde“, weiss Schäbitz. Entscheidend ist auch, welches Gebiet im Gehirn durch den Schlaganfall geschädigt worden ist. „Dabei können sehr kleine Störungen durchaus grosse Einschränkungen hervorrufen, wenn sie einen strategisch wichtigen Bereich betreffen. Aber auch grosse Störungen können unbemerkt bleiben, wenn sie in weniger eloquenten Hirnregionen lokalisiert sind“, erklärt Nolte.

Eine alte Frau mit Rollator in einem Park. (Bild: Havlena/pixelio.de)
Manche Veränderungen bleiben dauerhaft - manche gehen nach einer Weile wieder zurück. (Bild: Havlena/pixelio.de)

Andere Gehirnbereiche übernehmen neue Aufgaben

Ob und wann die Einschränkungen zurückgehen, liegt an der so genannten Plastizität des Gehirns. Damit sind Kompensationsmechanismen gemeint, wodurch die Aufgaben im Gehirn neu verteilt werden und Hirnareale neue Bestimmungen übernehmen, also neue Verpflichtungen erlernen. „Die Plastizität ist zwar in jungem Alter grösser, sie ist aber auch noch im hohen Alter vorhanden“, so Nolte weiter.

Was können Betroffene nach einem Schlaganfall tun, um ihre verloren gegangenen Fähigkeiten zurückzuerlangen oder die Auswirkungen zu reduzieren? „Entscheidend ist in erster Linie eine schnelle Notfallversorgung, idealerweise auf einer spezialisierten Schlaganfallstation – einer so genannten Stroke Unit. Denn je früher die Behandlung einsetzt, desto geringer sind die Spätfolgen“, sagt Schäbitz. Umfangreiche Rehabilitationsmassnahmen sollen ausserdem noch in der Stroke Unit eingeleitet werden, an diese die weitere Reha anknüpft.

Detlev: Demut dem Leben gegenüber

„Und letzten Endes hängt es auch vom Betroffenen selbst ab, wie weit er bereit ist, an sich zu arbeiten und möglicherweise auch seine Lebensgewohnheiten umzustellen“, erklärt Schäbitz.

Detlev Feierabend weiss genau, was damit gemeint ist. Auch wenn er in der Reha schnell lernte, mit dem Stock zu gehen, hat er sich bereits mit seinem E-Rollstuhl arrangiert. „Ich habe den Schlaganfall und seine Folgen akzeptiert. Ich leide, was ich leiden muss und geniesse, was ich geniessen kann.“

Dieselbe Einstellung hat auch Isabel Martini. Die heute 35-Jährige hatte ihren Schlaganfall vor fünf Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war sie von einer psychischen Erkrankung auf bestem Wege zurück ins Leben. Danach verlor sie ihre Fähigkeit zu gehen, bis heute. Nachdem ihre Reha nicht wie erwartet verlief – es kam eine extreme Spastik in ihrer linken Körperhälfte hinzu –, litt Martini unter heftigsten Depressionen.

Rehaerfolg ist auch Einstellungssache

Erst als die Rollstuhlfahrerin ihren heutigen Lebensgefährten sowie später einen neuen Job – beide über MyHandicap – fand, bekam sie ihr Leben wieder in den Griff. Ihr Partner, der wie sie  einen Schlaganfall erlitten hatte, kann im Gegensatz zu ihr wieder laufen. Von ihm lässt sie sich immer wieder aufs neue Mut machen.

„Heute schmeisse ich neben meinem Job noch meinen Haushalt grösstenteils alleine, kaufe selber ein, erledige meine Ämter- und Behördenwege selbst und bekoche mich auch selber, soweit das alleine machbar ist“, erzählt Martini von ihrem „neuen“ Leben.

Noch vor einem Jahr hätte sie sich ein so selbständiges Leben nie und nimmer zugetraut.

Martini ist ein gutes Beispiel dafür, was nach einem Schlaganfall möglich sein kann. „Man kann sich selbst ganz neu entdecken und ist manchmal überrascht, was so alles an verborgenen Talenten in einem stecken. Not kann verdammt erfinderisch machen“, sagt sie selbstbewusst.

Prof. Dr. Schäbitz und Dr. Nolte. (Bild: MyH)
Prof. Dr. Schäbitz vom EvKB und Dr. Nolte von der Berliner Charité. (Bild: MyH)

Ziel: weitestgehende Selbstständigkeit

Martini hat ihren Weg gefunden. „Nicht jede Therapieform ist für jeden Patienten gleich gut geeignet. Möglicherweise kann eine andere Therapieform bessere Erfolge erzielen“, sind sich Nolte und Schäbitz einig.

Für Schlaganfallpatienten gibt es eine Vielzahl an Therapien. Dazu sagt Nolte: „Etablierte Therapieformen sind die Krankengymnastik, die Ergotherapie und die Sprachtherapie. Moderne Therapien sind beispielsweise die „forced use“-Therapie (dabei wird das gesunde Körperteil für die Dauer der Therapie festgebunden, damit der Betroffene „gezwungen“ wird, das andere Körperteil zu einzusetzen) oder die Spiegeltherapie.“

Bei kognitiven und psychischen Störungen kann eine neuropsychologische Therapie angesetzt werden, ergänzt Schäbitz. Er weist darauf hin, dass wissenschaftliche Studien Rehabilitationserfolge belegen. „Dabei ist Erfolg in vielen Fällen aber nicht im Sinne einer ‚Heilung’ zu verstehen, sondern als Fortschritt des Einzelnen im Hinblick auf das Rehabilitationsziel ‚weitestgehende Selbstständigkeit’“, erklärt er.

Welche ist die richtige Therapie für mich?

Welche Therapien Betroffene eingehen sollen, erörtert man am besten mit seinem Therapeuten und natürlich auch mit dem behandelnden Arzt, idealerweise einem Facharzt. „In jedem Fall sollte sich der Betroffene über Unterstützungsmöglichkeiten informieren“, sagt Nolte – zum Beispiel beim Schlaganfall-Dienst des Universitätsspitals Zürich.

Die Académie FRAGILE Suisse bietet Personen mit Hirnverletzung das richtige Umfeld für optimale Lernerfolge.

Auch der Kontakt zu einer Selbsthilfegruppe und somit der Austausch mit anderen Betroffenen kann hilfreich sein. Fragile bietet deshalb Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige an. Unter diesem Link finden Sie aufgeteilt nach Regionen Informationen und Daten zu den lokalen Selbsthilfegruppen.

Und – weil im Falle eines Schlaganfalls jede Minute zählt – wissen Sie eigentlich, wo sich Ihre nächste Stroke Unit befindet? Das verrät Ihnen die Webseite der Schweizerischen Hirnschalggesellschaft Neureovasc, wo Sie auf einen Blick alle spezialisierten Kliniken und Notfallstationen sehen.

Text: Thomas Mitterhuber – 02/2011

Bilder: Wikicommons, pixelio.de, MyH

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