Nach dem Schlaganfall: Eine grosse Kurve in das neue Leben

Ein Schlaganfall ist ein heftiger Einschnitt in das Leben der Betroffenen und deren Angehörigen. Was ein Schlaganfall bedeuten kann, zeigt der Erfahrungsbericht von Johannes Maierhofer.

Bei mir hat der Schlaganfall meinem Leben, wie ich es bis dahin geführt habe, ein jähes Ende gesetzt und ein komplett neues Leben begründet. Der Schlaganfall war ein Reset, ein Neubeginn. Er hat völlig neue Voraussetzungen in einer neuen Welt geschaffen. Ich hätte nie gedacht, dass ich mich einmal in dieser Welt wiederfinde. Ich habe vorher nicht einmal gewusst,  dass es diese Welt gibt, geschweige denn für mich.

In dieser neuen Welt konnte ich nicht mehr schlucken, nicht mehr reden, nicht mehr stehen und gehen,  nicht mehr greifen nicht mehr schreiben, nicht mehr Auto fahren usw. Ich bin einfach nur dagelegen, habe nichts gesehen, nicht reden können und mich nicht willkürlich bewegen können.  In der neuen Welt nach dem Schlaganfall war ich an das Bett gefesselt und ich musste wieder vieles lernen, wenn ich es wieder können wollte.

Die Welt wieder sehen und entdecken

Der Aufenthalt in diversen Krankenhäusern hat 2010 sieben Monate gedauert. Im ersten Monat war ich bewusstlos, dann nicht orientiert, langsam habe ich die Welt wieder sehen und entdecken können. Am Anfang musste ich mit dieser neuen Lage erst vertraut werden.  Das ist mir nicht immer leicht gefallen.  Schliesslich bedeutete diese Lage auch einen Verlust von Vielem, das für mich vorher selbstverständlich war: schlucken, essen, sitzen stehen, gehen usw.

Eintritt in eine neue Welt

Die Beziehungen zu anderen Menschen sind auf ganz neue Beine gestellt worden: Freunde,  von denen ich dachte,  dass sie mit mir durch dick und dünn gehen,  waren plötzlich weg.  Stattdessen waren neue Leute da, die ich nicht gekannt habe: Freunde, medizinisch Tätige, wie Ärzte, Therapeuten, Schwestern oder Pfleger. Leute, die vorher und nachher da waren, die mir gezeigt haben, dass sie auch in dieser neuen Welt zu mir stehen, haben mich glücklich gemacht und gestärkt. So hat diese neue Welt nach dem Schlaganfall auch einen neuen Kreis von Leuten bedeutet: Leute, die mir nahe stehen in dieser neuen Welt,  Leute, auf die ich mich verlassen konnte.

So war der Schlaganfall bei aller Schwierigkeit auch ein Eintritt in eine neue Welt, die völlig anders und für alle Beteiligten eine Herausforderung war.

Gut und zukunftsweisend mit der neuen Situation umgehen

Seit dem Schlaganfall sind mittlerweile einige Jahre vergangen. Das waren Jahre, in denen wir alle viel zu lernen hatten und die für alle Beteiligten eine grosse Herausforderung waren.

Wir alle waren aufgefordert, mit der neuen Situation,  die sich aus dem Schlaganfall ergeben hat, gut und zukunftsweisend umzugehen. Jeder von uns war gefordert, den Weg in die Zukunft im neuen Kleid zu gestalten. Schliesslich hat einer von uns einen Schlaganfall gehabt und das gilt es zu berücksichtigen.

„Kann er so weit gehen, kann er essen, wo setzen wir ihn hin, wie können wir ihn hören usw.“ Aufgrund der Veränderungen, die sich durch den Schlaganfall ergeben haben, hat sich für jeden von uns die Aufgabe ergeben, die Chancen,  die sich auf diesem neuen und unbekannten Pflaster zu erkennen und zu nutzen.  Für mich als Patienten war das eine Herausforderung, ebenso wie für alle,  die auf diesem Weg sind.

"Ich orientiere mich am Leben, wie es mich umgibt"

Wohin orientiere ich mich? – diese Frage hat sich oft an mich gestellt! Die Antwort war für mich eindeutig: Ich orientiere mich am Leben, wie es mich umgibt. Ich möchte in die Welt passen, in der ich bin! Ich möchte wieder essen, stehen, gehen können, damit ich an dieser Welt teilnehmen kann! Gottseidank ist mir das bis jetzt gelungen und ist der Weg noch nicht abgeschlossen! In der Zwischenzeit kann ich wieder essen, stehen, gehen, schreiben.

Auf diesem Weg habe ich interessante Erfahrungen gemacht:

-    Ich muss daran glauben und selbst alles tun, um meinen Weg zum Ziel möglich zu machen - natürlich habe ich manchmal geschwitzt und hat dieser Weg länger gedauert, als mir lieb war!
-    Auf dem Weg zu einem Ziel gibt es Helfer, die mit Fachkompetenz und Idealismus helfen! Ihre Bemühungen, mir zu helfen möchte ich durch mein Bemühen veredeln!
-    Jeder Erfolg ist wie ein kleiner Sieg! Ich habe viele Siege erleben können und mir jeweils das Geschenk des Erfolges machen können!
-    Jeder noch so weite Weg fängt mit dem ersten Schritt an und erfordert viele weitere Schritte. Der Weg zurück ins Leben ist wie eine Wanderung, die man zu Fuss gehen muss: Mit Bedacht, langsam und manchmal in Serpentinen, wenn das Ziel nur durch einen steilen Weg zu erreichen ist!
-    Die Suche nach dem Licht ist wie die Suche nach den Chancen eine Orientierungshilfe. – Ein Leuchtturm! Dem Licht nachzustreben, motiviert, den Problemen nachzugeben, heisst auch, die Steine um seinen Hals zu sammeln und die Ertrinkungsgefahr zu erhöhen!
-    Glaube kann Berge versetzen!

Jetzt nach einigen Jahren weiss ich ebenso wie alle anderen, dass es mit Glauben und Optimismus leichter geht. Ich möchte ebenso wenig wie alle anderen, mein eigener Feind sein, und dem, was vor dem Schlaganfall für mich wichtig war, aber jetzt nicht mehr möglich oder wichtig ist, nachstreben.

Hilfe gebraucht, Hilfe bekommen

Ich habe auf dem Weg zurück Hilfe gebraucht und Hilfe bekommen. Es war Hilfe von vielen Seiten: Neben meinen Lieben in meiner Umgebung waren es viele Helfer aus dem medizinischen Bereich: Ärzte, Therapeuten,  Schwestern und Pfleger. Sie alle haben mir geholfen, auf sie und auf ihren Idealismus konnte ich mich verlassen!

Auf der Suche nach dem Weg in die Zukunft waren viele Impulsgeber von
Bedeutung.  Sie alle haben akzeptiert,  dass ich ein Leben ohne Reserve gestalten muss - darauf galt es für alle Rücksicht zu nehmen. Der Weg vom Schlaganfall bis zum heutigen Zeitpunkt ist eine grosse Kurve in das neue Leben. Ich lade alle Betroffenen ein, das neue Leben, so wie es ist, anzunehmen und daraus das Beste zu machen.

Buchtipp
„Mit einem Schlag ist alles anders“ Johannes Maierhofer und 14 Mitautoren aus drei verschiedenen Bereichen: Patient, Angehörige und Freunde, medizinisch Tätige, zu bestellen bei s.maierhofer@futuremanagement.at

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!