Mit allen Mitteln gegen Spastik

Ein Arzt hält eine Spritze in der Hand (Thomas Siepmann/pixelio.de)
Wird Botox in den Muskel gespritzt, verhindert es die Signalübertragung von Nerven auf den Muskel - und hemmt so die Spastik. (Thomas Siepmann/pixelio.de)

Botulinumtoxin ist das stärkste Gift der Welt. Schon ein Zehnmillionstel Gramm reicht, um einen Menschen zu töten. Richtig eingesetzt ist der Wirkstoff dagegen äusserst hilfreich. Zum Beispiel bei der Behandlung von Menschen mit einer Spastik.

Unter einer Spastik versteht man die erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur infolge einer Schädigung des Gehirns oder des Rückenmarks. Dabei handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Symptom einer Schädigung des Zentralen Nervensystems (ZNS).

Die Beeinträchtigung durch eine Spastik ist sehr unterschiedlich

So vielfältig die Ursachen einer Spastik, so unterschiedlich sind die Auswirkungen. Sie reichen von minimalen Einschränkungen im Bewegungsablauf und der Feinkoordination bis hin zur Schwerbehinderung. Neben den akuten Beschwerden sind vor allem die langfristigen Folgeschäden, die durch die Spastik verursacht werden, zu beachten. Hierzu gehören unter anderem Muskelverkürzungen, Fehlhaltungen, Fehlstellungen der Gelenke, Gelenkdeformitäten und Gelenkschäden wie Arthritis und Artrose.

Ausserdem kann es zu einer seitlichen Krümmung der Wirbelsäule (Skoliose) kommen, die - bei starker Ausprägung - eine Fehlfunktion der Lunge verursachen kann. Menschen, deren Bewegungsfähigkeit besonders stark eingeschränkt ist, leiden zudem häufig unter Durchblutungsstörungen und Druckgeschwüren.

Die Bewegungsfähigkeit bestmöglich erhalten

Da es sich um eine Schädigung des Zentralen Nervensystems handelt, ist eine spastische Lähmung bis heute nicht heilbar. Daher zielt die Behandlung vor allem darauf, Beschwerden zu lindern, Folgeschäden zu reduzieren und die Bewegungsfähigkeit bestmöglich zu erhalten. Je nach Alter des Patienten und Schwere der Spastik lässt sich durch regelmässige Physiotherapie auch eine - zumindest temporäre - Verbesserung des Zustandsbildes erreichen.

Insbesondere bei stark ausgeprägter Spastizität werden zusätzlich zur Physiotherapie Medikamente eingesetzt, die die Muskelspannung senken und schmerzhafte Krampfzustände reduzieren sollen. Allerdings wirken diese auf den gesamten Körper, so dass Nebenwirkungen wie Müdigkeit stets beachtet werden müssen.

Das Nervengift Botulinumtoxin:  ein Zehnmillionstel Gramm ist tödlich

Anders als Medikamente wirkt eine Botulinumtoxintherapie gezielt am Muskel. Botulinumtoxin A, oft kurz als "Botox" bezeichnet, ist eines der stärksten Nervengifte der Welt - schon ein Zehnmillionstel Gramm wirkt tödlich. Mit der Menge eines Salzkorns könnte man eine Stadt der Grösse Nürnbergs vernichten. Dieses drastische Bild zeigt, welch ungeheure Wirkung Botox hat. Für Spastiker indes ist es ein Heilmittel - wenn auch in sehr stark verdünnter Form.

Botox als Heilmittel in der Medizin: Wie das Gift Menschen mit Spastik hilft

Wird Botox in den Muskel gespritzt, verhindert es die Signalübertragung von Nerven auf den Muskel. Die Ausschüttung des Botenstoffs Acetylcholin wird gehemmt. Es kommt zu einer vorübergehenden Denervierung, der Muskel wird geschwächt. Deshalb wird Botulinumtoxin A bei Dystonie, Spasmus hemifacialis und Spastik eingesetzt.

Im klinischen Alltag wird Botox insbesondere bei folgenden Formen der Spastik angewendet: Spastik der Hand, Armbeugespastik, Adduktorenspastik der Beine, Spastik des Fusses (Spitzfuss, Fussinversion, Extension oder Flexion der Zehen).

Nachdem der betroffene Muskel durch eine genaue Untersuchung identifiziert wurde, legt der Arzt die Menge des zu injizierenden Botulinumtoxins fest. Diese ist unter anderem vom Gewicht des Patienten abhängig. Ausserdem ist zu bedenken, dass der Körper mit der Zeit Resistenzen gegen den Wirkstoff bildet.

Insbesondere wenn die Behandlung über einen längeren Zeitraum fortgesetzt werden soll, muss der Facharzt abwägen, ob er eine höhere Dosis verabreicht und dadurch möglicherweise eine schnellere Bildung von Resistenzen in Kauf nimmt. Wie oft man Botulinumtoxin injizieren kann, ist individuell verschieden und noch nicht abschliessend erforscht.

Botulinumtoxin wirkt in drei Schritten - und sechs Monate lang

Trotz der enormen Giftigkeit schwächt Botox den Muskel nicht sofort. Die Wirkung tritt erst nach zwei bis zehn Tagen ein. Nach etwa 14 Tagen hat der Wirkstoff sein Wirkungsmaximum erreicht. Die Wirkungsdauer beträgt drei bis sechs Monate. Um ein optimales Resultat zu erzielen, ist es wichtig, den Wirkstoff möglichst exakt in den betroffenen Muskel zu spritzen.

Daher sollte die Injektion unter sonographischer Kontrolle vorgenommen werden. Ausserdem hilft es, wenn Betroffene möglichst intensive krankengymnastische Übungen machen, solange das Botulinumtoxin wirkt.

Ein realistisches und messbares Therapieziel ist die Grundvoraussetzung

Obschon mit Botulinumtoxin gute Ergebnisse bei der Behandlung der Spastik erzielt werden und keine Nebenwirkungen bekannt sind, sehen Experten realistische und messbare Therapieziele als Voraussetzung für eine Behandlung. Solche Ziele können beispielsweise sein: die Schmerzlinderung, eine Funktionsverbesserung oder die Erleichterung der Pflege.

Interdisziplinäres Team aus Fachärzten und Spezialsprechstunden

Wer eine Behandlung mit Botulinumtoxin in Erwägung zieht, sollte sich vorab genau informieren. Ratsam ist es, die Injektion in Praxen oder Kliniken vornehmen zu lassen, in denen Fachärzte verschiedener Disziplinen zusammenarbeiten.

Durch die enge Kooperation von Orthopäden und Neurologen wird die Vielschichtigkeit der Spastik bestmöglich berücksichtigt. An einigen Kliniken gibt es spezielle "Botox-Sprechstunden", in denen eine grosse Zahl von Patienten mit Sapstik behandelt wird und die Mediziner daher entsprechend grosse praktische Erfahrung haben.

Text: Philipp Jauch - 02/2013

Foto: pixelio.de

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