"Demenz muss in allen Gesundheitsberufen zum Thema werden"

Dr. Andreas Studer (Foto: FPS)
Dr. Andreas Studer, Leiter der Psychogeriatrie am Universitären Zentrum für Altersmedizin und Rehabilitation Felix Platter-Spital in Basel. (Foto: FPS)

Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen steigt und mit ihr die Versorgungszahlen von Menschen mit einer Demenz in Spitälern und Kliniken. MyHandicap hat sich mit Dr. Andreas Studer, Leiter der Psychogeriatrie am Universitären Zentrum für Altersmedizin und Rehabilitation Felix Platter-Spital in Basel, über die zahlreichen Herausforderungen unterhalten, die es zu bewältigen gilt.

MyHandicap: Dr. Studer, in den Spitälern und Kliniken werden infolge der demografischen Entwicklung immer mehr Menschen mit einer Demenz-Erkrankung behandelt. Wie herausfordernd ist diese Situation für die Spitäler?

Dr. Andreas Studer: Die Herausforderung ist gross. Die Nationale Demenzstrategie geht davon aus, dass bereits heute in Schweizer Akutspitälern jedes Jahr rund 50'000 Menschen mit Demenz behandelt werden. Und diese Zahl wird zunehmen, denn infolge der demografischen Entwicklung gibt es immer mehr betagte und hochbetagte Menschen, also Menschen über 80 Jahren. Die Prävalenzraten für Demenzen steigen nach dem 65. Lebensjahr steil an. Und gerade Hochbetagte sind häufig multimorbid, das heisst, sie leiden gleichzeitig an verschiedenen Erkrankungen, was entsprechend die Chance erhöht, dass sie in einem Spital behandelt werden müssen.

MyH: Welches sind die grössten Herausforderungen für die Spitäler?

AS: Wir haben auf verschiedenen Ebenen Herausforderungen zu bewältigen. Ein Bereich ist die erschwerte Diagnostik, weil demenzkranke Patienten ihre Situation oft nicht überschauen, also demenzbedingt nicht wahrnehmen, an was sie leiden. Oft haben sie auch Mühe, Worte zu finden für ihre Beschwerden und Leiden. Hier spielt das Umfeld eine wichtige Rolle, das uns möglicherweise mit wichtigen Zusatzinformationen versorgen kann.

Auch auf Ebene der Therapie sind die Angehörigen gefragt und bei Entscheiden einzubeziehen. Denn die verschiedenen zur Auswahl stehenden Therapieformen - nehmen wir als Beispiel eine Krebserkrankung mit Operation, Bestrahlung, Therapie etc. - kann die Patienten schnell überfordern. Es stellt sich hier die Frage, was dem Patienten überhaupt zuzumuten ist, wie die Behandlungen angepasst werden können etc. Und letztlich stellt sich dann auch die Frage, ob die Therapie je nach Krankheit und Stadium der Demenz überhaupt Sinn macht. Wenn der Nutzen marginal ist, dann ist Zurückhaltung angebracht.

Die Situation ist für das medizinische wie auch das pflegerische Personal herausfordernd. Demente Patienten brauchen angepasste Informationen, resp. die Informationen müssen öfters wiederholt werden. Andererseits müssen die Informationen so umschrieben werden, dass sie die Patienten begreifen können. Zusammenfassend heisst das: Mehr Zeit und eine intensivere Betreuung stehen im Mittelpunkt.

MyH: Die meisten Demenzpatienten kommen nicht wegen ihrer Demenz ins Spital, sondern weil sie gestürzt oder erkrankt sind. Spitäler müssen also akute gesundheitliche Probleme behandeln. Welche Risiken bestehen für die Patienten, wenn bei der Betreuung die Demenzerkrankung in den Hintergrund tritt?

AS: Wenn die Demenz des Patienten nicht wahrgenommen wird, sind auch die Diagnostik und die Therapie nicht auf die spezifischen Bedürfnisse angepasst. Dies kann zu Verhaltensstörungen oder psychischen Störungen führen, zu Verweigerung oder auch Aggressivität des Patienten. Gerade deshalb ist die Begleitung entsprechend dem Demenzstadium wichtig.

MyH: Wie oft kommt es vor, dass Demenzerkrankungen erst wegen eines Klinikaufenthaltes bemerkt werden?

AS: Das ist nicht selten der Fall. Generell geht man davon aus, das ein Drittel der Demenzerkrankungen bekannt und auch dokumentiert sind. Bei einem Drittel wird eine Erkrankung vermutet und bei einem Drittel weiss man es nicht. Auch hinsichtlich Spitaleintritten kann also davon ausgegangen werden, dass die Demenz nur bei einer Minderheit bekannt und auch dokumentiert ist.

MyH: Wie gut sind die Spitäler heute auf die besonderen Anforderungen eingerichtet?

AS: Bei Akutspitälern ist das unterschiedlich, aber grundsätzlich lässt sich festhalten, dass die Situation stark verbesserungsfähig ist. Anders sieht es in spezialisierten Geriatrie-Einrichtungen aus, wo mehrfach erkrankte, ältere Menschen untersucht, akutmedizinisch behandelt und versorgt werden.
Eines der wichtigen Ziele der Nationalen Demenzstrategie packt diesen Punkt an, indem den Demenzkranken und ihren Bezugspersonen flexible, qualitativ hochstehende und bedarfsgerechte Versorgungsangebote entlang der gesamten Versorgungskette zur Verfügung stehen sollen.

MyH: Sind spezielle Stationen für demenzkranke Patienten in Krankenhäusern ein Thema?

AS: In Akutspitälern nicht, nein. Spezielle Demenzstationen in jedem Fachbereich wären nicht umsetzbar. In vielen Spitälern entstehen jedoch immer mehr geriatrische Abteilungen, wo multimorbide ältere Patienten mit Demenzkrankheiten behandelt werden.

Im spezialisierten Einrichtungen gibt es bereits entsprechende Angebote, wie die geriatrischen Stationen in psychiatrischen Kliniken oder – als Gegenmodell - wie bei uns am Felix Platter-Spital mit der schweizweit einzigen Psychogeriatrie integriert in der Geriatrie.

MyH: Wie geht das Felix Platter-Spital die demenzsensible medizinische und pflegerische Betreuung an, was für ein spezifisches Konzept wird verfolgt?

AS: Das universitäre Zentrum für Altersmedizin ist die grösste geriatrische Klinik in der deutschsprachigen Schweiz. Wir richten den Fokus auf Demenz und vermitteln Demenzkenntnisse auf allen Abteilungen. Bei uns durchlaufen alle Patienten systematisch eine Basisuntersuchung, um eine mögliche Demenz festzustellen. Für Patienten, bei denen die Demenz stark ausgeprägt ist, verfügen wir über eine psychogeriatrische Abteilung mit 20 Betten.

MyH: Menschen mit Demenz reagieren in Überforderungssituationen oft verwirrt oder aggressiv. Wie schulen Sie das Pflegepersonal?

AS: Generell ist die spezifische Ausbildung für Pflegefachkräfte hinsichtlich des Umgangs mit Demenzpatienten noch ein Nischenangebot. In diesem Bereich ist noch viel Schulung notwendig. Bei uns am Felix Platter-Spital ist das jedoch ein grosses Thema. Unsere Pflegefachkräfte haben in der Regel spezifische Ausbildungen besucht.

In diesem Rahmen werden auch Kenntnisse und Fertigkeiten zum Umgang mit Aggression vermittelt. Es wir erklärt,  wie es zu Aggression kommt, wie man sich schützt, aber auch Deeskalations-strategien oder Griffe, mit denen man Aggressionen abwehren kann, ohne den Patienten zu verletzen.

Dank regelmässiger Fortbildungen können die Pflegenden praktisch und psychisch besser mit dem Druck umgehen. Das gibt ihnen mehr Sicherheit und fördert ein offenes und selbstsicheres Auftreten. Das ist sehr wichtig, denn gerade wer Unsicherheiten zeigt, kann damit die Aggressivität des Patienten fördern.

MyH: Wir haben bereits die Rolle der Angehörigen angesprochen...

AS: Ja, die Rolle des persönlichen Umfelds des Patienten ist sehr wichtig. Viele Abläufe lassen sich nur mit ihnen zusammen organisieren. Sie übernehmen Verantwortung, sie erklären, sie erläutern, sie haben den persönlichen Zugang zum Patienten. Zu beachten ist dabei aber auch die psychisch-soziale Situation der Angehörigen. Für sie gilt es Lösungen zwischen Wunsch, Verpflichtung und Grenzen des Machbaren zu finden. Das ist sehr schwierig und kann das Umfeld auch überfordern. Tritt eine solche Überforderung ein, wenn Angehörige beispielsweise die Situation und die eigenen Kräfte nicht richtig einschätzen können, oder wenn sie zwischen Wünschen und Versprechungen auf der einen und der Realität auf der anderen Seite aufgerieben werden, können sie auch selber zum Problem werden. (Link zu Hilfe und Entlastung für Angehörige)

MyH: Welche Massnahmen und Lösungen stehen für Sie in den nächsten Jahren im Zentrum?

AS: In den Akutspitälern gilt es das Bewusstsein zu stärken, dass Demenzkranke bereits heute häufig anzutreffende Patienten sind und die Fallzahlen in den kommenden Jahren steigen werden. Die Nationale Demenzstrategie geht heute von 110'000 Menschen mit Demenz in der Schweiz aus.

Bis 2030 wird sich diese Zahl verdoppeln, bis 2050 verdreifachen. Darauf sind die Angebote auszurichten. Die Demenz muss in allen Gesundheitsberufen zum Thema werden und der Einbezug der Fachkompetenz (Geriatrie und Alterspsychiatrie) ist sicherzustellen.

MyH: Das Felix Platter-Spital bietet seit mehreren Jahren den Zertifikatskurs "Umgang mit Demenzbetroffenen" (siehe Linkbox) an. An wen richtet sich dieser Kurs und wo werden die Schwerpunkte gesetzt?

AS: Der Kurs richtet sich an Pflegefachkräfte ebenso wie an Mitarbeitende im Bereich der Therapien und auch an Leitungspersonen im Gesundheitswesen. Er ist breit abgestützt und sehr praxisorientiert. Er vermittelt Wissen und dessen Umsetzung auf die eigene Situation. Hochqualifizierte Dozenten vermitteln praktische Vorgehens- und Verhaltensweisen im Umgang und in der Kommunikation mit Menschen mit Demenz, aber auch Grundlagen der Demenz, ethische Aspekte, das angesprochene Aggressions-Management uvm.

MyH: Dr. Studer, herzlichen Dank für das Interview.


Interview: Patrick Gunti 06/2014
Bild: FPS

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