Ein Dorf für Menschen mit Demenz

Luftbild des geplanten Dorfes für Menschen mit Demenz
So könnte sich das Dorf für Menschen mit Demenz dereinst präsentieren. Die Gebäude mit den roten Dächern würden neu gebaut, andere Gebäude abgerissen (Foto: Dahlia Oberaargau AG)

Nach dem Vorbild der niederländischen Siedlung „De Hogeweyk“ soll in der Schweiz ein Dorf für Menschen mit Demenz gebaut werden. Darin werden sich Erkrankte möglichst frei bewegen und alltäglichen Dingen nachgehen können. 

Im nordöstlichsten Teil des Kantons Bern liegt Wiedlisbach. Die Gemeinde zählt etwas mehr als 2200 Einwohnerinnen und Einwohner. Bekannt ist sie vor allem wegen ihres gut erhaltenen, mittelalterlichen Ortskerns. In den letzten Monaten hat aber ein neues Projekt für Schlagzeilen gesorgt: Das 1891 ursprünglich als „Armenanstalt“ gegründete Oberaargauische Pflegeheim Wiedlisbach OPW soll nämlich nach niederländischem Vorbild in ein Dorf für Menschen mit Demenzerkrankungen wie Alzheimer umgebaut werden.

Ehrgeiziger Zeitplan

„Unser Zeitplan ist ehrgeizig“, erklärt OPW-Geschäftsfüher Markus Vögtlin gegenüber MyHandicap. Bis in fünf bis sieben Jahren soll das Dorf fertig gestellt sein, in dem Menschen mit Demenz, wenn auch abgeschirmt von der Aussenwelt, ihrem oftmals ausgeprägten Bewegungsdrang nachgeben und alltäglichen Dingen nachgehen können.

Zu Beginn sollen rund 100 Menschen wie zu den Zeiten leben können, als die Krankheit noch nicht begonnen hatte, ihre Erinnerungen zu löschen. Ein späterer Ausbau ist angedacht.

Niederländisches Vorbild

Als Vorbild für das Schweizer Projekt dient die Siedlung „De Hogeweyk“ in Weesp bei Amsterdam. Vögtlin war vor Ort und zeigt sich beeindruckt von dem, was er gesehen hat. In „De Hogeweyk“ leben rund 150 demente Menschen. Im Dorf können sie einkaufen, sie lassen sich beim Friseur die Haare schneiden. Sie geniessen einen Restaurant-Besuch oder nehmen an einem Tanznachmittag teil.

Eine Frau ist mit einer Gehhilfe unterwegs
Demenzkranke Menschen sollen sich im Dorf selbständig bewegen können (matchka/pixelio.de)

Pflegepersonal als Teil des inszenierten Dorflebens

240 Angestellte sorgen dafür, dass die Senioren ein möglichst normales Leben führen können. Das Pflegepersonal ist aber äusserlich nicht als solches erkennbar, sondern agiert als Verkäufer, Frisör oder Kellner als Teil des inszenierten Dorflebens.

Die Patienten leben in Sechser- bis Achter-Wohngemeinschaften, verteilt auf 23 Häuschen und Wohneinheiten. Jeder dieser WGs sind ein bis zwei Pfleger zugeteilt. Auch sie tragen keine weissen Kittel, nichts soll die Demenzkranken an ein Heim erinnern.

Verschiedene Lebensstile

Da sich an Demenz erkrankte Menschen am ehesten noch an frühere Zeiten erinnern, präsentiert sich die Anlage wie eine Filmkulisse aus vergangenen Tagen. Für die Bewohnerinnen und Bewohner gibt es je nach ihrer Herkunft sieben verschiedene Lebensstile, von städtisch über christlich bis hin zu indonesisch, da viele Niederländer aus der ehemaligen Kolonie Indonesien stammen. Nicht nur die Einrichtungsgegenstände in der Wohngemeinschaft sind entsprechend gewählt, sondern auch die Gestaltung der Aussenanlagen.

Eine „Zeitreise rückwärts“

Auch in Wiedlisbach sollen Dorfbilder entstehen, wie sie den an Demenz erkrankten Menschen bekannt sind. „Menschen mit Demenz machen während des Krankheitsverlaufs eine Zeitreise rückwärts“, sagt Markus Vögtlin. „Wir wollen ihnen ein möglichst bekanntes Umfeld schaffen.“ Von den Vorteilen ist er überzeugt: „Die Betroffenen fühlen sich wohl, sind ruhiger und sie verspüren weniger Ängste.“

Firmenschild eines ehemaligen Musikgeschäftes
Demenz-Patienten unternehmen eine „Zeitreise zurück“. Entsprechend soll auch das geplante Dorf gestaltet werden (CFalk/pixelio.de)

Positive Reaktionen

Die Reaktionen auf das Schweizer Projekt sind positiv. Vögtlin erklärt gegenüber MyHandicap, die Idee sei ausnahmslos gut aufgenommen worden. Auch die Bevölkerung in Wiedlisbach stehe hinter dem Projekt und finde es gut, dass etwas für Menschen mit einer Demenzerkrankung getan werde.

Birgitta Martensson, Geschäftsleiterin der Schweizerischen Alzheimervereinigung, sagte in einem Interview mit den az-Medien: „Es entspricht den Bedürfnissen, eine Wohnform zu haben, die möglichst viele Freiheiten bietet“. Gleichzeitig brauche es den geschützten Rahmen.

Und auch der Kanton Bern begrüsst das Projekt. Gegenüber der Zeitung „Der Bund“ erklärte Markus Loosli, Vorsteher des Alters- und Behindertenamts, dies sei eine Supersache, das Konzept überzeuge ihn.

Vorbehalte in Deutschland

Vorbehalte hinsichtlich solcher Projekte hat hingegen die Deutsche Alzheimergesellschaft. Gegenüber dem Online-Portal „DERWESTEN“ sagte deren Sprecher Hans-Jürgen Freter in Bezug auf „De Hogeweyk“, er freue sich zwar über die positive Entwicklung der niederländischen Patienten. Generell habe er aber ein Problem damit, Sonderbereiche für an Alzheimer erkrankte Menschen zu schaffen. „Man sollte sie lieber integrieren und in Einrichtungen in der Nähe ihrer Familien unterbringen“, so Freter.

In der Schweiz schreitet das Projekt aber voran. Die Bedingungen für den Bau wurden zum Jahreswechsel geschaffen. Eine deutliche Mehrheit der Trägergemeinden sprach sich für die Integration des OPW in die „Dahlia Oberaargau AG“ aus. Hintergrund des OPW-Strategiewechsels waren unter anderem die umfangreichen Investitionen, die im Pflegeheim in Wiedlisbach so oder so anstehen würden, denn die Gebäude sind in die Jahre gekommen.

Die Integration des OPW in die Dahlia Oberaargau AG bietet nun die Möglichkeit für eine Innovation, die bereits bei ihrer Vorstellung Schlagzeilen gemacht hat.

 

Text: Patrick Gunti – 02/2012
Fotos: Dahlia Oberaargau AG / pixelio.de

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