Armut im Alter: 3-Säulen-Modell als reine Theorie

Eine alte Frau dreht sich von der Kamera weg. (Bild: Rike/Pixabay)
Von Armut betroffene Menschen schämen sich häufig, ihre Ansprüche geltend zu machen. (Bild: Pixabay)

Ein Leben lang arbeiten und dann im Rentenalter finanziell trotzdem nicht über die Runden kommen? In der reichen Schweiz gehört dies leider zum Alltag. Erhebungen von Pro Senectute zufolge bezogen 2013 fast 186'000 aller Rentner Ergänzungsleistungen (EL). Etwa 12 % aller Rentner sind auf EL angewiesen.

Viel ist dieser Tage vom Sozialstaat die Rede, davon, dass viele Menschen diesen ausnützen wollen, davon, dass wir uns das nicht mehr leisten können. Arbeitslose, Menschen in Armut, Personen mit einer Behinderung, Alte, Migranten und Flüchtlinge - alle stehen sie - getragen von populistischen Parolen von rechts - unter dem Verdacht, faul zu sein, nicht arbeiten, den Staat schlicht ausnützen und Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe beziehen zu wollen.

Das reichste Land der Welt

Unzweifelhaft ist die Schweiz ein reiches Land, in dem es den meisten Menschen finanziell gut geht. Gemäss dem "Global Wealth Report" der Allianz ist die Schweiz sogar das reichste Land der Welt. Trotz einer in den letzten Jahren im europäischen Vergleich schwachen Vermögensentwicklung steht die Schweiz nach wie vor mit einem durchschnittlichen Netto-Geldvermögen pro Kopf von 146'540 Euro und deutlichem Abstand vor den USA an der Spitze.

Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich

Gleichzeitig hält der Bericht eine signifikante Zunahme der Ungleichheit der Vermögensverteilung fest. Und diese sich öffnende Schere zwischen Arm und Reich stellt auch Pro Senectute, die grösste Dienstleistungsorganisation für ältere Menschen in der Schweiz, fest. "Das vorherrschende Bild der reichen Rentner ist einseitig und entspricht nicht unserer Erfahrung aus der Sozialberatung. In keiner Altersgruppe sind die Unterschiede bei Einkommen und Vermögen so gross wie bei den Senioren", erklärt dazu Pro Senectute-Direktor Werner Schärer.

Unsichtbare Armut

"Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Pro Jahr gibt es in der Schweiz 5000 neue EL-Beziehende, sprich Pensionierte, deren Rente und Bezüge aus AHV und Pensionskasse nicht ausreichen, um den Lebensabend in angemessener Weise zu verbringen", so Schärer weiter. Gemäss den Erhebungen von Pro Senectute ist jeder achte ältere Mensch in der Schweiz von Armut betroffen. Schärer: "Über 75% der Armutsbetroffenen leben zuhause und benötigen zur Existenzsicherung Ergänzungsleistungen. Weil Betroffene sich aus Scham oft zurückziehen, bleibt Armut im Alter unsichtbar." Die Zahl der Bedürftigen dürfte in Tat und Wahrheit denn auch wesentlich höher liegen, weil sich viele Betroffene schämen, ihre Ansprüche geltend zu machen.

Vier glückliche Rentner lächeln nach einer Partie Golf. (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)
Das Bild der reichen Rentner in der Schweiz ist einseitig. (Bild: Rainer Sturm/pixelio.de)

3-Säulen-Modell nur für eine Minderheit

Die Gründe für die vielfach tiefen Einkommen im Alter und fehlende Ersparnisse sind vielfältig. So ist das Schweizer 3-Säulen-Modell der Altersvorsorge nur für Minderheiten Tatsache. Nach Erhebungen des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes aus dem Jahre 2012 können nur gerade ein Drittel der Männer und weniger als ein Fünftel der Frauen auf Leistungen aus allen drei Säulen zurückgreifen.

Weitaus öfter kommt es vor, dass das Haushaltsbudget aus AHV-Renten und Geld aus der beruflichen Vorsorge gebildet wird. Dies traf auf 44,4 % der Männer und 37,2 % der Frauen zu. Für 12,7 % der Männer und 37,7 % der Frauen beruht die Altersvorsorge jedoch einzig auf einer Säule: der AHV.

Frauen von Armut stärker betroffen als Männer

Aus diesen Zahlen lässt sich ableiten, dass Frauen im Rentenalter besonders oft von Armut betroffen sind. Die Studie "Das vierte Alter ist weiblich" zeigt auf, warum dies so ist. Viele Frauen arbeiten zumindest im zweiten Teil ihrer beruflichen Karriere Teilzeit, sie steigen als Mütter aus dem Arbeitsprozess aus und später wieder ein, und bezahlen entsprechend weniger Beiträge in die berufliche Vorsorge ein. Sie kümmern sich unentgeltlich um die Kinder und pflegen oftmals andere Angehörige.

Ausserdem sind sie häufig schlechter entlöhnten "Frauenberufen" tätig und verdienen auch in gut bezahlten Jobs schlechter als ihre männlichen Kollegen. Die Benachteiligung im Erwerbsleben, welcher Art auch immer, führt zu finanziellen Benachteiligungen im Rentnerdasein.

Leben am Rande des Existenzminimums

Was es konkret heisst, an der Grenze es Existenzminimums zu leben, zeigt sich am Beispiel der heute 81jährigen Klara H.* Sie arbeitete bis zur Geburt des ersten Kindes 100 %, stieg dann aber aus dem Beruf aus. 12 Jahre später, kurz nach der Geburt des dritten Kindes, kam es zur Scheidung. Die Pensionskassengelder waren auf mirakulöse Weise verschwunden. Die Alimentenzahlungen des Ex-Mannes blieben die meiste Zeit aus, Klara H. begann wieder zu arbeiten, zuerst Teilzeit, später und bis zur Pensionierung Vollzeit. Im Rentenalter konnte sie noch länger im Beruf bleiben. Schlussendlich ging sie mit 65 in Rente. In zu Verfügung stehendem Geld heisst das für sie heute monatlich: Eine AHV-Rente von 2100 Franken und 150 Franken aus der beruflichen Vorsorge. Um über die Runden zu kommen, erhält sie 650 Franken Ergänzungsleistungen.

Nun lässt sich argumentieren, dass man mit knapp 3000 Franken im Monat nicht gezwungen ist, sich unter einer Brücke ein Obdach zu suchen. Natürlich - fragt sich nur, ob das der Anspruch im reichsten Land der Welt sein darf. Denn die Rechnung ist schnell gemacht:  Ohne Ergänzungsleistungen könnte sich Klara H. ihr bescheidenes Leben nicht finanzieren.

Die Kosten für Ergänzungsleistungen haben sich in den letzten 15 Jahren fast verdoppelt, auch wegen der zahlreichen Pensionäre, die mit ihrer Altersvorsorge allein knapp die Miete, Krankenkasse und etwas zu Essen finanzieren können. Nichts desto trotz wollen die Gegner des Sozialstaats und Beschwörer der Eigenverantwortlichkeit nun auch bei den EL die Schrauben andrehen. Auch hier gilt es den aus ihrer Sicht grassierenden Missbrauch einzudämmen. Als Beispiel werden dann Einzelfälle aufgezeigt, wo sich Menschen ihre Pensionskassengelder für Wohneigentum auszahlen lassen und später dann unter Umständen mittellos dastehen.

Für Klara H. - die ihre kargen AHV-Bezüge auch noch versteuern muss - müssen sich die nun laut werdenden Forderungen nach strengeren Regeln beim Bezug von Ergänzungsleistungen wie ein Hohn anhören.

* Name der Redaktion bekannt

Text: Patrick Gunti 11/2014
Bilder: Pixabay / pixelio.de

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