Herausforderung Alter und Behinderung

Ein älterer Herr mit Langlauf-Skiern in der Hand schaut in die Ferne. (Rainer Sturm/pixelio.de)
Die steigende Lebenserwartung der Menschen hat zwei Seiten: Einerseits gibt es mehr aktive und rüstige Senioren... (Rainer Sturm/pixelio.de)

Die Lebenserwartung der Menschen steigt, auch diejenige der Menschen mit Behinderung. Diese erfreuliche Entwicklung bringt grosse Herausforderungen mit sich.

Wie geht die Gesellschaft mit der steigenden Zahl behinderter Menschen um? Wo werden die Betroffenen alt, wer sorgt für sie? Und inwieweit ist ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit Behinderung im Alter noch möglich?

Viel ist die Rede von den demografischen Veränderungen unserer Gesellschaft. Die Lebenserwartung steigt, die Menschen werden immer älter, Senioren sind länger aktiv und selbstständig. Den Errungenschaften der modernen Medizin und veränderten Lebensformen sei's gedankt. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Gleichzeitig gibt es auch immer mehr alte Menschen mit einer Behinderung. Nur mit Inklusion und Integration kann es gelingen, die gewaltigen Herausforderungen zu bewältigen.

75 Prozent der behinderten Menschen ist über 55jährig

Gemäss dem Statistischen Bundesamt (Destatis) lebten zum Jahresende 2011 in Deutschland 7,3 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung. Somit waren 8,9 Prozent der gesamten Bevölkerung schwerbehindert. Die Statistik zeigt klar auf, dass Behinderungen bei Senioren schon heute sehr häufig sind: So waren 29 Prozent der schwerbehinderten Menschen 75 Jahre und älter. Knapp die Hälfte gehörte der Altersgruppe zwischen 55 und 75 Jahren an.

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Erhebungen des Bundesamtes für Statistik in der Schweiz. Demzufolge wird die Anzahl Menschen mit Behinderungen auf rund 1,4 Millionen geschätzt. Davon gilt etwa ein Drittel als stark beeinträchtigt. Lediglich 8 Prozent der jungen Erwachsenen zwischen 16 und 24 Jahren leben mit einer Behinderung, während es bei den Personen ab 85 Jahren 46 Prozent sind. Insbesondere ab 55 sowie auch ab 75 Jahren ist ein starker Anstieg zu verzeichnen.

Eine alte Frau steht in einem Park. (Petra Bork/pixelio.de)
... andererseits wächst mit dem Alter das Risiko, eine Behinderung zu erfahren. (Petra Bork/pixelio.de)

Das Alter als Grund für eine Behinderung

Bei den Millionen von Senioren mit einer Behinderung gilt es zu unterscheiden: Einerseits handelt es sich um Menschen, die auf Grund ihres Alters eine Behinderung erfahren, andererseits um Menschen, die seit der Geburt oder seit einer frühen Lebensphase mit einer Behinderung leben. Es kommt aber häufiger vor, dass bei Menschen im Alter Behinderungen auftreten, als dass Menschen mit Behinderungen alt werden. Sprich: die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung steigt im Alter.

Unterschiedliche Problemstellungen

Die Situationen der beiden Gruppen unterscheiden sich jedoch und die Problemstellungen sind nicht die gleichen. Einen interessanten Beitrag dazu verfasste vor einigen Jahren der deutsche Psychologe und Psychotherapeut Dr. Michael Wunder.

Er hält fest: "Wesentliche Unterschiede von alten Behinderten zu anderen alten Menschen bestehen in den Bereichen Selbstbild, Verarbeitungsmöglichkeiten altersbedingter Körperveränderungen und Leistungseinbussen und Möglichkeiten der Erfahrung von Zufriedenheit durch Lebenserfüllung. Dem entgegen werden die Bereiche der materiellen Sicherheit, der besonderen gesundheitlichen und pflegerischen Versorgungsbedarfe und der spezifischen Anforderungen an die Wohnversorgung in der Literatur zwar ebenfalls als gravierende Probleme dargestellt, aber nicht als different zur Situation anderer alter Menschen beschrieben."

Ein Mann im Rollstuhl wartet vor einer geschlossenen Türe. ( Uta Herbert/pixelio.de)
Ob mit Behinderung alt werden oder im Alter eine Behinderung erfahren: Die Herausforderungen für Betroffene und Gesellschaft sind gross. (Uta Herbert/pixelio.de)

Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Herausforderungen und Fragen, die sich in Folge der steigenden Zahl von alten Menschen mit Behinderungen stellen, sind zahlreich. In der 2009 vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung erstellten Studie "Alt und behindert: Wie sich der demografische Wandel auf das Leben von Menschen mit Behinderung auswirkt" werden sie zusammenfassend wie folgt skizziert:

  • Künftig mehr Hilfebedarf: Die steigende Lebenserwartung und die damit verbundene demografische Alterung der Gesellschaft haben zur Folge, dass es in Zukunft deutlich mehr ältere Menschen mit Hilfe- und Pflege-Bedarf geben wird.
  • Mehr chronische Erkrankungen: Dank des medizinischen Fortschritts sterben immer weniger Menschen an akuten Erkrankungen. Dafür steigt das Risiko, an chronischen Leiden zu erkranken, etwa ab einem Alter von 50 Jahren linear an.
  • Mehr psychische Leiden: Psychische Erkrankungen führen immer häufiger zu Behinderungen und einem Bedarf an Eingliederungshilfe.
  • Mehr Demenzfälle: Mehr als ein Drittel aller über 85-Jährigen leidet an einer Alzheimer-Demenz. Es ist damit zu rechnen, dass Menschen mit Altersdemenz neben den Menschen mit langjähriger Behinderung künftig die zweite grosse Gruppe von Menschen stellen werden, die der intensiven täglichen Begleitung bedürfen.
  • Personen mit geistiger Behinderung werden zu Rentnern: Die meisten Menschen mit geistigen und mehrfachen Behinderungen haben ihre Erwerbsphase in speziellen Werkstätten verbracht und während dieser Zeit bei der Familie oder in einem Heim gelebt. Für diese Personen bedeutet das Altwerden eine besondere Herausforderung. Denn ihre eigenen Eltern sind kaum noch in der Lage, sie zu versorgen, und die meisten Betreuungseinrichtungen sind noch nicht ausreichend darauf vorbereitet, ihnen als Senioren die nötige Assistenz und ein Zuhause zu bieten, in dem sie ihren Alltag selbst bestimmen können.

Lösungsvorschläge könnten gemäss der Studie sein (Zusammenfassung):

  • Gesundheitliche Prävention kann Trendwende einleiten: Mit Präventionsprogrammen für die gefährdeten Bevölkerungsgruppen liesse sich der Anstieg von Behinderungen mildern, die aufgrund chronischer Erkrankungen entstehen.
  • Mehr Kinder brauchen Förderung und Integration: Die gemeinsame schulische Ausbildung von Kindern mit und ohne Behinderung sollte der Regelfall statt Ausnahme sein. Ausserdem ist die Betreuung von Familien mit gefährdeten und behinderten Kindern durch die Sozial- und Jugendämter zu verbessern.
  • Eine effizientere Organisation bei den Kostenträgern spart Aufwand und Geld: Die Schnittstellen zwischen den Zuständigkeiten verschiedener Kostenträger sollte klarer geregelt und die Verwendung der Mittel mehr in die Hände der Einzelnen und ihrer direkten Begleiter gelegt werden.
  • Inklusion hilft allen: Eine wirkliche Teilhabe ist erst erreicht, wenn Menschen mit Behinderung selbstverständliche Teilnehmer am öffentlichen Leben werden. Die Zukunftsaufgabe der Profis der Behindertenhilfe wird sein, private Initiativen und Menschen mit Behinderung zusammenzubringen. In einer Gesellschaft mit immer mehr alten Menschen wird diese Art von Solidarität und bürgergesellschaftlichem Engagement lebensnotwendig.
  • Lange überfällige Reformen werden unter neuem Druck möglich: Der durch den demografischen Wandel ausgelöste Kostendruck auf die Sozialsysteme zwingt zu Reformen. Gute Ideen und Konzepte existieren schon länger – es fehlt aber bisher die Bereitschaft der Gesellschaft, gewohnte Strukturen aufzubrechen und damit verbundene Sicherheiten aufzugeben.

Menschen mit Behinderung haben ebenso wie Menschen ohne Behinderung ein Recht darauf, ihr Leben auch im Alter möglichst autonom und selbstbestimmt zu führen. Die Herausforderungen sind gewaltig. Schon nur wenn sich die Gesellschaft für die Teilhabe aller behinderter Menschen öffnet und auf allen Ebenen Barrieren abbaut, ist ein erster Schritt getan.

 

Text: Patrick Gunti - 04/2013

Fotos: pixelio.de

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