Bitte nicht helfen!

Der Daumen einer Hand zeigt nach unten und in rot ist geschrieben "Abgelehnt". (Bild Gert Altmann/pixelio.de)
Behinderte Menschen müssen selber bestimmen, ob sie Hilfe brauchen. (Bild: Gert Altmann/pixelio.de)

Viele Menschen sind heutzutage für die Anliegen behinderter Menschen sensibilisiert und möchten ihnen spontan Hilfe anbieten. Daraus entstehen oft Konflikte.

Neulich in einem Kölner Supermarkt. Der 28jährige Jürgen hat keinerlei Probleme mit den täglichen Einkäufen. Mit gekonnter Routine bewegt er seinen Rollstuhl durch die Regale.

Was ihm allerdings sehr Mühe bereitet, sind die ungebetenen Zwangshelfer. „Kaum bin ich im Supermarkt, nähert sich bereits ein Schatten von der Seite, schnappt sich meine Münze und holt für mich den Einkaufswagen aus dem Depot“, sagt Jürgen: „Ob ich diese Hilfe wirklich möchte, scheint niemanden zu interessieren.“

Katja hat schon Ähnliches erlebt. Die gebürtige Berlinerin ist ein absoluter Profi im turbulenten Verkehr der Hauptstadt. Hilflos ist sie eigentlich nur bei „ungebetenen Helfern“.

„Wenn mich ein Fussgänger am Strassenrand erblickt, kriegt er gleich ein Blaulicht im Kopf und schiebt mich ungefragt über die Strasse,“ sagt Katja. „Mit dem Zwangshelfen hören sie nur auf, wenn ich sie anschreie oder ihnen auf die Finger klopfe.“ Ein blosses „Nein, danke“ reiche da nicht.

Eine Männerstirn mit der Aufschrift "Stress". (Bild: Gert Altmann/pixelio.de)
Zwangshilfen können bei behinderten Menschen Frustrationen und Stress auslösen. (Bild: Gert Altmann/pixelio.de)

Die Autonomie des Gegenübers respektieren

Für den Dimplompsychologen Tim Glogner braucht es auf beiden Seiten Verständnis und Feingefühl, um solche Situationen konfliktfrei zu lösen. „Viele meinen es ja wirklich gut, doch manchmal vergessen sie dabei, die Autonomie des Gegenübers zu respektieren“, sagt Glogner: „Hier ist auf beiden Seiten Dialog gefragt. Wenn dieser nicht stattfindet, entsteht für beide Parteien Frustration.“

„Es ist sehr wichtig, dass beide Seiten etwas unternehmen, um diesen Konflikt zu entschärfen“, sagt Mathes Dues. Der Psychologe, Schauspieler und Regisseur Mathes Dues hat bis vor kurzem noch im MDR die Sendung „Selbstbestimmt – Leben mit Behinderung“  moderiert.

„Nichtbehinderte Menschen sind oft überfordert, wenn sie in den Kontakt mit behinderten Menschen treten würden. Sie möchten spontan helfen, fühlen sich aber gleichzeitig verunsichert, da sie wenig Übung im Dialog mit behinderten Menschen haben.“  Der behinderte Mensch seinerseits fühle sich degradiert, wenn er ungebeten herumgeschubst oder bevormundet werde.

Zwei Silhouetten und Wortwolken mit der Aufschirft "bla bla bla". (Bild: Gert Altmann/pixelio.de)
Der Helfer muss im Vorfeld abklären, ob der behinderte Mensch Hilfe braucht. (Bild: Gert Altmann/pixelio.de)

Zuerst fragen, dann helfen

Der nichtbehinderte Mensch sollte zuerst nachfragen, ob seine Hilfe überhaupt erwünscht sei, meint Mathes Dues: „Wenn sich eine ältere Dame mit ihren Einkauftaschen abschleppt, reisse ich ihr diese ja auch nicht aus der Hand, sondern frage zuerst höflich, ob ich beim Tragen behilflich sein kann.“

Der behinderte Mensch seinerseits solle eine Sensibilität für die Unsicherheit des Gegenübers entwickeln und die Hilfeleistung, wenn er sie wirklich nicht braucht, höflich aber bestimmt ablehnen, zum Beispiel mit den Worten: „Es ist sehr nett, dass Sie mir helfen möchten, aber ich komme schon alleine klar.“

Wenn er allerdings Hilfe brauche, sollte er klare Anweisung geben, wie und bis zu welchem Grad ihm der andere helfen soll.  Tim Glogner sagt dazu: „Wichtig ist, dass der Helfer im Vorfeld abklärt, was der behinderte Mensch kann, was er selber probieren möchte, auch wenn es vielleicht zunächst langsamer geht.“

 

Text: Michel Benedetti – 09/2011

Bilder: pixelio.de

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