Zwei Kreative, die sich in der Kunst nicht behindern lassen

Portait Phil Hubbe (Foto: Phil Hubbe)
Cartoonist Phil Hubbe lebt mit MS (Foto: Phil Hubbe)

Phil Hubbe lebt seit Mitte der 80er Jahre mit Multipler Sklerose. Justin Black hat seit frühester Kindheit eine Muskelschwäche. Doch beide lassen sich durch ihre Erkrankung nicht behindern. Die körperlichen Schwächen machen sie durch kreative Geistesleistungen wett.

Hubbe zeichnet lustige Cartoons und Karikaturen für Tageszeitungen und Zeitschriften. Menschen mit Behinderung dürfte er auch durch seine „behinderten Cartoons“ bekannt sein. Darin verarbeitet er, bewusst nicht immer politisch ganz korrekt, auf kreative Weise das Leben mit Behinderung.

Black bezeichnet sich selbst zwar nicht als behinderten Künstler, ist aber im kreativen Bereich trotzdem sehr vielseitig. Als freier Journalist und Autor schreibt er Texte für diverse Auftraggeber. Darüber hinaus produziert er kurze Spiel- und Werbefilme.

Für MyHandicap haben die beiden kreativen Köpfe sich Gedanken gemacht, wie für sie Behinderung und Kunst zusammen passen.

Seit frühester Kindheit

Phil Hubbe: Ich muss gestehen, dass meine Erkrankung für mich nicht der Auslöser war, mit dem Zeichnen anzufangen. Seit frühester Kindheit habe ich mit dem Bleistift auf dem Papier meine eigenen Welten erschaffen. Später habe ich dieses Hobby dann zum Beruf gemacht.

Zwar haben mir die Ärzte damals gesagt, es ist sehr wahrscheinlich, dass ich aufgrund der Multiplen Sklerose mit dem Zeichnen aufhören muss. Aber sie haben sich geirrt.

Die Erkrankung behindert mich in vielen Dingen, die mir Spass gemacht haben. Doch zeichnen kann ich noch immer. Und darüber bin ich sehr froh. 

Portait Justin Black (Foto: Claudia Buhl-Löwinger)
Justin Black ist Filmproduzent und Journalist (Foto: Claudia Buhl-Löwinger)

Justin Black: Nun, bei mir hat die Behinderung schon sehr dazu beigetragen, dass ich heute so kreativ tätig bin. Im Gegensatz zu Phil Hubbe sitze ich im Rollstuhl und kann so gut wie nichts mehr alleine machen.

Deshalb habe ich mir bewusst Tätigkeiten gesucht, bei denen es nicht auf einen gesunden Körper, sondern auf den gesunden Geist ankommt. Schreiben und Filme bearbeiten kann man am Computer. Und daran kann ich die meiste Zeit noch alleine arbeiten.

PH: (lacht) Mit dem Computer arbeite ich nur, um den Kunden einen Cartoon zuzumailen. Oder wenn grosser Zeitdruck besteht. Ansonsten arbeite ich lieber wie in alten Zeiten mit der Feder.

JB: Ich wäre aufgeschmissen, wäre die Technik nicht auf dem heutigen Stand. Einen Text diktieren zu müssen ist etwas ganz anderes, als wenn man ihn selbst schreiben kann… Allerdings gibt es auch Menschen, die ganze Bücher diktiert haben. Sogar Buchstabe für Buchstabe. Das zeigt, es ist wohl nur eine Sache der Gewohnheit. Schliesslich musste ich mich auch erst an meine Spezialtastatur gewöhnen.

Filmtechnisch läuft heute eh alles digital. Konzeption und Nachbearbeitung geschehen am Computer. Und bei den digitalen Kameras hat man gleich ein Bild auf dem Monitor, so dass ich demjenigen, der die Kamera für mich hält, genau sagen kann, was er verändern soll, damit es so wird, wie ich es will.

PH: Ich glaube, gerade für Menschen mit schweren körperlichen Einschränkungen eröffnet die heutige Technik sehr viele Möglichkeiten. Besonders auch im kreativen Bereich.

JB: Absolut.

Ein ganz anderer Zugang

PH: Wenn man kreativ tätig ist, gibt das einem einen ganz anderen Zugang zu Bereichen, in denen man sonst behindert ist. Ich persönlich kann beispielsweise keinen Fussball mehr spielen oder sonstigen sportlichen Aktivitäten nachgehen. Das ist eine der anfangs erwähnten Einschränkungen durch die Multiple Sklerose.

Mit meinen Cartoons für die Fussballzeitschrift „Kicker“ habe ich aber trotzdem die Möglichkeit, mich beim Fussball einzubringen. Auf einer ganz anderen Ebene. Eine sehr interessante Sache.

JB: Ja, das ist das Tolle am kreativen Arbeiten. Dinge, die man selbst aufgrund der eigenen Einschränkungen nicht machen kann, können trotzdem ausgelebt werden. Und das noch wesentlich vielfältiger, als man es vielleicht körperlich machen könnte.

Phil Hubbe zeichnet zum Beispiel einen Cartoon mit Fussballern, andere malen vielleicht ein Bild von einer Situation und ich lasse eine Figur in einer Geschichte oder einem Film etwas erleben.

Das Leben verarbeiten

PH: So kann man nicht nur Träume leben, sondern auch das wirkliche Leben verarbeiten. Meine eigene Lieblingsfigur ist MS Rainer. Seine Geschichten sind zum Grossteil autobiografisch. Auch wenn MS Rainer im Rollstuhl sitzt und ich nicht. Aber der Rollstuhl ist für mich „das“ Symbol dafür, anders zu sein. Nicht unbedingt behindert. Denn das ist man nicht, sondern man wird es häufig nur.

JB: (lacht) Mein Reden…

PH: Nicht alle Geschichten, die MS Rainer durchmachen muss, habe ich auch selbst erlebt. Es stecken jedoch viele Gefühle und zum Teil auch Ängste von mir in dieser Figur.

Auszug aus dem dritten Buch von Phil Hubbe mit behinderten Cartoons (Foto: Lappan Verlag)
Phil Hubbe hat bereits drei Bücher mit nicht immer politisch ganz korrekten Cartoons zum Thema Behinderung veröffentlicht (Foto: Lappan Verlag)

JB: Ich habe das Thema Behinderung in meinen Filmen erst ein Mal aufgegriffen. Dabei habe ich zwar auch eigene Erfahrungen verarbeitet, aber es war nicht so, dass ich gesagt habe: „Das muss ich jetzt aber mal los werden!“

Ein solches Gefühl hatte ich eher bei einem anderen Projekt. Kein Film, aber trotzdem sehr kreativ: Die Wheelshirts. Eine T-Shirt-Kollektion für (Rollstuhl-) Fahrer mit flotten, selbstironischen Sprüchen, um zu einem lockereren Umgang beizutragen. Allerdings sind Wheelshirts nichts im Vergleich mit den „behinderten Cartoons“ von Phil Hubbe. (grinst)

Behinderten-Cartoons

PH: (lächelt) Ja, meine Behinderten-Cartoons… Darin verarbeite ich häufig auch Situationen, die mir nicht selbst widerfahren sind, sondern die mir zugetragen wurden. Aber ich möchte mit diesen Cartoons nicht unbedingt „aufrütteln“. Die behinderten Cartoons sollen in erster Linie dasselbe, wie alle anderen Cartoons auch: Unterhalten.

Begonnen habe ich damit so um die Jahrtausendwende. Im Fernsehen sah ich eine Reportage über John Callahan. Selbst behindert, zeichnete er Karikaturen zu eben dieser Thematik. Meine Freunde sagten damals zu mir: „Mensch! Das kannst du doch auch!“

JB: Und das kam gut an?

PH: Nicht überall. Ich schickte meine ersten Cartoons dieser Art an Betroffene, die mich nicht kannten. Sie fanden das toll und hatten auch noch die eine oder andere kreative Kritik.

Das Fachmagazin „Handicap“ veröffentlichte dann als erster regelmässig meine Cartoons. Aber ausserhalb der „Szene“ gab es starke Berührungsängste. Es dauerte zwei Jahre, den Verlag zu überzeugen, mein erstes Buch heraus zu bringen. Das Satire-Magazin „Eulenspiegel“ weigerte sich, meine Cartoons zu drucken. Man fürchtete empörte Leserbriefe. Das ist schade.

Wieso sollte man nicht über Rollstuhlfahrer oder Prothesenträger lachen dürfen? Man macht sich ja nicht über sie lustig, weil sie behindert sind, sondern über bestimmte Situationen, die sich durch eine Behinderung ergeben könn(t)en.

JB: Ja, das ist wirklich schade. Schliesslich heisst es doch immer, es soll niemand ausgeschlossen werden. Aber ich habe festgestellt, dass Menschen ohne Behinderung da sehr viel verklemmter sind als diejenigen, die selbst ein Handicap haben. Zum Beispiel, wenn ich ihnen ein Buch von Phil Hubbe zeige.

PH: Ja, das stimmt.

JB: Ich glaube, das liegt daran, dass der Umgang mit behinderten Menschen heutzutage leider immer noch etwas Besonderes ist.

Und hier sehe ich eine weitere Chance in der Kreativität von behinderten Menschen. Mit den heutigen Möglichkeiten, kann es auch jemand mit stärksten körperlichen Einschränkungen schaffen, dass man nicht wegen seiner Behinderung, sondern aufgrund seiner kreativen Leistungen über ihn spricht.

PH: Richtig! Viele meiner Auftrageber ausserhalb der „Szene“ wissen gar nicht, dass ich behindert bin.

Text: Justin Black - 04/2010

Fotos: Phil Hubbe, Lappan Verlag, Claudia Buhl-Löwinger

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!