Humoristischer Befreiungsschlag

Jupe Haegler und Reto Meienberg haben Multiple Sklerose und sitzen im Rollstuhl. Dem Alltag mit einer Behinderung begegnen die beiden in ihren Büchern schonungslos.  Die Texte mit tiefen Einsichten in das Leben mit dem Handicap stammen von Meienberg. Jupe zeichnet dazu die Cartoons mit einer grossen Portion schwarzer Humor.

Die beiden Bücher „Behinderte sind auch nur Menschen“ und „Müssen Behinderte immer auffallen?“ sind keine leichte Kost. Auf eine bissige Art und Weise zeigen sie auf, auf welche Probleme und Vorurteile behinderte Menschen überall stossen. Dabei wird die Schmerzgrenze zeitweise arg strapaziert. Aber die Themen sind nun mal aus dem Leben gegriffen und als Betroffene besitzen die Autoren gewissermassen „Narrenfreiheit“.

Cartoon aus "Behinderte sind auch nur Menschen" Ein Mann im Rollstulhl nagelt seinen Stock an die Wand. Text: MS ist... ...wenn man seinen Stock nicht mehr braucht.
MS ist... ...wenn man seinen Stock nicht mehr braucht (Jupe Haegler/Cosmos Verlag)

Trotzdem Leben

In ergreifenden Kurzgeschichten schildert Reto Meienberg in beiden Büchern verschiedene Schlüsselerlebnisse und Anekdoten aus seinem Leben mit Multiple Sklerose. Er berichtet über seinen Umgang mit der Krankheit und wie sie je länger je mehr in seinen Alltag eingreift. Der Leser bekommt auch mit, dass Hilfsmittel nicht einschränken, sondern die Lebensqualität verbessern, wenn die nötige Akzeptanz vorhanden ist. In den Texten offenbart Meienberg auch, wie er gelernt hat, sich mit seinem neuen Dasein zu arrangieren und sich den Lebensmut zu wahren.

Aber auch der Umgang seiner Umgebung mit ihm und seiner Behinderung wird zum Thema. Denn häufig ist dieser geprägt von Unsicherheit und übertriebener Rücksicht. Manchmal schleicht sich auch Wut ein, über die Krankheit und was sich diese alles mit seinem Körper erlaubt. Meienberg lässt aber auch Platz, um mal über sich selber zu lachen. Unter den Strich bleibt er zuversichtlich und zeigt ungeachtet seiner Schwierigkeiten ein lebenswertes Leben. Oder wie er es in einer Geschichte nennt: ein Trotzdemleben.

Angriff auf Vorurteile

Die Zeichnungen von Jupe sind undiplomatisch direkt. Er bricht mit Tabus, wie sie nur einer brechen kann, der selber betroffen ist. Mit den Cartoons nimmt er Abschied vom Bild des immer lieben, bescheidenen und dankbaren Behinderten. Zu stark schränkt eine Behinderung das Leben der Menschen ein und zu gross sind noch die Vorurteile der Gesellschaft gegenüber Leuten mit Handicap. Die Bilder schaffen ungewöhnliche Perspektiven, lassen auch Platz für die dunkelsten Seiten des Lebens mit Behinderung. Schwarzer Humor, der auch mal richtig weh tut. Da werden vermeintlich rücksichtsvolle Mitmenschen genau so karikiert, wie auch ignorante Zeitgenossen vorgeführt werden. Gängige Vorurteile, wie behinderte Menschen sind, werden kräftig durchgeschüttelt. Und so manches, was am Anfang als gut gemeint begann, entpuppt sich dann als das Gegenteil von gut gemacht.

Cartoon aus "Müssen Behinderte immer auffallen?" Ein Mann ohne Arme versucht mit dem Mund eine Nadel einzufädeln.
Weshalb sind Behinderte so ungeduldig? (Jupe Haegler/Cosmos Verlag)

Müssen Behinderte Sex haben? Dürfen Behinderte fröhlich sein? Muss man mit Behinderten immer langsam und laut reden? Sind alle Behinderten so wehleidig? In ihrem zweiten Buch „Müssen Behinderte immer auffallen?“ illustriert Jupe Haegler 66 solcher Fragen mit zynischen Karikaturen. So wird  jedem Betrachter vor Augen geführt, wie absurd solche Fragestellungen eigentlich sind.

Wichtiger Tabubruch

Für die Autoren sind die Bücher ein Befreiungsschlag. Diese Werke sind für sie ein Mittel, besser mit ihrer Krankheit umzugehen, eine Möglichkeit, sich gegen die Multiple Sklerose aufzulehnen. Auch für Leser mit einem Handicap sind diese Bücher wichtig. Sie können sich damit identifizieren und so auch über ihre Widrigkeiten im Leben schmunzeln. Für Leute ohne ein Handicap sind die Bücher im ersten Moment sicher nicht einfach anzuschauen. Der Tabubruch verunsichert. Aber wer sich auf die Bücher einlässt, kann sich vielleicht besser in die Situation von behinderten Menschen hineinversetzen. Denn wie sagt schon der eine Buchtitel: Behinderte sind auch nur Menschen.

Bilder: Jupe Haegler, Cosmos Verlag, www.cosmosverlag.ch

Text: hia - 06/2008- MyH

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