Erst recht! Fünf Frauen mit Behinderung gehen ihren akademischen Weg

Deckblatt des Buches, abstraktes Bild
Fünf Geschichten über fünf ganz normal aussergewöhnliche Frauen (Foto: avanti donne)

Frauen mit Behinderung müssen nicht selten aussergewöhnliche Wege gehen. Weil ihnen das, was sie könnten, nicht zugetraut wird. „Erst recht“, ein Buch über fünf beeindruckende Frauen von Inge Sprenger Viol.

Für Sie gelesen von Bettina Gruber und zur Verfügung gestellt von AGILE

Die Idee zum Buch entstand nach dem Tod der schweizweit bekannten Akademikerin Irene Häberle im Jahr 2005. Es sollte dem beeindruckenden Leben Häberles nachspüren, schreiben die Initiantinnen im Vorwort. Vier weitere Porträts von Frauen mit verschiedenen Behinderungen sind dazugekommen. So unterschiedlich deren Lebensumstände auch sind, alle zeichnen sich durch den Willen aus, das Leben selbst in die Hand zu nehmen. Ihr Hauptaugenmerk liegt dabei nicht auf den Einschränkungen, die sich ihnen in den Weg stellen, sondern auf dem, was sie lernen, erreichen, erleben möchten.

Jetzt erst recht!

Die im Folgenden angerissenen Lebensgeschichten geben den Inhalt des rund 140-seitigen Buches nur bruchstückhaft wieder. Sie sollen Lust auf mehr wecken. Der Autorin Inge Sprenger Viol ist es gelungen, fünf facettenreiche Porträts zu gestalten.

Was sich bei aller Unterschiedlichkeit der Biografien zeigt: Bei Hindernissen zu resignieren wäre eine verständliche Reaktion auf widrige Lebensumstände. Die hier portraitierten Frauen haben eine andere Strategie gewählt. Mit Energie haben sie versucht, bei Enttäuschungen einen Plan B zu entwerfen und sich wieder aufzurappeln, manchmal wohl mit einem trotzigen „erst recht!“. Ein Mutmacherbuch, im Sinn der Herausgeberin avanti donne, der Kontaktstelle für Frauen und Mädchen mit Behinderung.

Eine Frau geht ihren Weg

Als erstes begegnen wir also Irene Häberle, deren Kindheit durch Jahre im Sanatorium und Spitalaufenthalte geprägt war. Es ist kaum zu glauben, aber dank Irenes Auffassungsgabe und der Beharrlichkeit ihrer Mutter erreichte sie die Handelsmatura und studierte Versicherungsmathematik. Trotz Widerständen von Lehrern, die ihr dies nicht zutrauen wollten.

In der Rückschau werden aber auch Menschen sichtbar, die im richtigen Moment da waren und Mut machten. Es ist beeindruckend, wie Irene Häberle mit ihren Behinderungen aufgrund der nicht ausgeheilten Tuberkulose ihr Leben anpackt.

Häberle verbringt mit ihrer Freundin ein Semester in Paris, arbeitet bei einer Versicherung, reist wenig später nach Indien und wird fast nebenbei zur Entwicklungshelferin. Sie engagiert sich bei den „Christen für den Sozialismus“. Ab 1979 organisiert sie das UNO-Jahr der Behinderten für 1981 in der Schweiz.

Hände eines Priesters
Die gehörlose Pfarrerin Katrin Müller hat ihre Behinderung zu ihrer Stärke gemacht (Jürgen Reitböck / pixelio.de)

Als Behinderung noch ein Grund dagegen war

Auch Susanne Schribers Start ins Leben war schwierig. Als Baby zur Adoption freigegeben, verbrachte sie ihre ersten Jahre in einem Heim für Sozialwaisen, eine glückliche Kleinkinderzeit. Ein Spitalaufenthalt danach bleibt ihr als schweres Erlebnis in Erinnerung.

Die Berufswahl einige Jahre später verlief nicht nach ihren Vorstellungen. Aus praktischen Gründen musste sie das Wirtschaftsgymnasium besuchen. Die Aufnahme ins Lehrerseminar wurde ihr aufgrund ihrer Körperbehinderung verweigert. Nach dieser herben Enttäuschung entschied sie sich für das Studium der Pädagogik. 1981 begann sie im Kontakt mit anderen behinderten Studierenden ihre Behinderung im gesellschaftlichen Kontext zu deuten.

Die gehörlose Pfarrerin, die zuhören kann

Wir begegnen der gehörlosen Pfarrerin Katrin Müller. Nach einer Pockenimpfung nahm deren Hörvermögen kontinuierlich ab. Dass sie in der Schule gefördert wurde, verdankt sie einer aufmerksamen Sonderklassenlehrerin. Am liebsten wäre sie Ärztin geworden. Sie wollte in ihrem Beruf für Menschen da sein.

Aufgrund ihrer Behinderung entschied sie sich für Theologie. Die Zusammenarbeit mit grossen Theologen und ihre Assistenzstelle an der Uni öffneten ihr eine weite Gedankenwelt. Sie liebt die bildende Kunst und schrieb auch ihre Dissertation zu diesem Thema. Seit über zwanzig Jahren arbeitet sie nun als Pfarrerin und ist eine wirkliche Seelsorgerin, die im Gespräch spürt, was ihr Gegenüber bedrückt.

Nicht zerbrochen, sondern gekämpft!

Therese Stutz Steiger, die ehemalige AGILE-Präsidentin, erzählt von ihrer Kindheit, welche durch die Glasknochenkrankheit (Osteogenesis Imperfecta) mit vielen Knochenbrüchen geprägt war. Dass sie nicht auf Schulreisen und in Landschulwochen mitgenommen wurde, war für das Mädchen bitter. Beim Turnen nicht dabei zu sein, war für das quirlige Mädchen eine Qual.

Dennoch war ihr Berufswunsch Lehrerin, was ihr aber verweigert wurde mit der Begründung, sie könne keinen Turnunterricht erteilen. Als Alternative entschied sie sich darum fürs Gymnasium und das Studium der Medizin.

Als sie während der Ausbildung begriff, dass sie nie als Kinderärztin würde praktizieren können, fiel sie in ein tiefes Loch. Trotzdem schloss sie ihre Ausbildung ab und fand beim Bundesamt für Gesundheit eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Gesundheitsförderung war und ist für sie ein wichtiges Arbeitsfeld.

Ausblick auf Base Camp, im Hintergrund majestätisch der Mount Everest
Bis in den Himalaya zog es Barbara Müller, eine der fünf Portraitierten (Foto: wikicommons)

Auf in steinige Höhen

Zum Schluss schliesslich lernen wir die Geologin und Extrembergsteigerin Barbara Müller kennen. Das Mädchen aus dörflichem und handwerklichem Milieu war als Kind sehr wissbegierig und las, was es in die Hände bekam. Die Schule absolvierte sie mit Leichtigkeit, nur für handwerkliche Tätigkeiten hatte sie nichts übrig.

Das Sehproblem, das sich einstellte, wurde als Kurzsichtigkeit mit einer Brille korrigiert. Die Eltern sprachen sich gegen den Besuch des Gymnasiums aus. Sie erinnert sich an eine lustlose und konfliktbeladene Sekundarschulzeit. In all der pubertären Auflehnung merkte sie, dass mit ihren Augen wirklich etwas nicht stimmte. Sie behielt ihre Ängste für sich, isolierte sich. Die Frauenfachschule, auf die sie ihre Eltern schickten, war für sie der Horror.

Sie schloss ihre Lehre als Schriftsetzerin nur ab, um auf dem zweiten Bildungsweg die Matura zu erlangen, welche sie mit Leichtigkeit schaffte. Sie blühte wieder auf.

Auf Island fiel der Entscheid für das Studium der Geologie. Und sie wollte in den Himalaya. Während ihres Studiums nahm ihr Sehvermögen weiter stark ab, bis sie 1990 endlich die richtige Diagnose erhielt: Retinitis Pigmentosa (eine Netzhauterkrankung, die zur Erblindung führt). Doch zurück zum Beruf: Die Gesteinselemente, die sich in so vielen Alltagsgegenständen wiederfinden, sind ihre grosse Leidenschaft. Heute weiss Barbara Müller allerdings nicht, wie lange sie ihre Forschungsstelle an der ETH noch behalten kann.

MyHandicap dankt AGILE für diesen Einblick in ein echtes Mutmacherbuch. Wer mehr darüber erfahren möchte, bestellt sich am besten gleich das Buch bei avanti donne!

 

Text: AGILE

Bilder: avanti donne / wikicommons

Inge Sprenger Viol, Erst recht!

Aussergewöhnliche Wege von Frauen mit einer Behinderung, herausgegeben von avanti donne eFeF-Verlag 2010.

ISBN-978-3-905561-83-8.

Preis: CHF 26.-- zzgl. Versand.

Auch als barrierefreies PDF erhältlich. Zu bestellen bei avanti donne

Links zu diesem Artikel