Rollstuhlgängige Wohnungen in der Schweiz zu teuer

Gesucht: Bezahlbare und hindernisfreie Wohnungen für Rollstuhlfahrende
Gesucht: Bezahlbare und hindernisfreie Wohnungen für Rollstuhlfahrende (Rainer Sturm/pixelio.de)

In der Schweiz fehlt es an günstigem Wohnraum für Menschen im Rollstuhl. Nach Erhebungen der Behindertenorganisation Procap kostet über die Hälfte der auf dem freien Markt angebotenen Mietwohnungen monatlich über 2000 Franken.

Dieser Betrag liegt weit ausserhalb der finanziellen Reichweite von Menschen, die zur Bestreitung ihres Lebensunterhaltes auf IV-Renten und Ergänzungsleistungen angewiesen sind.

Im letzten Herbst waren hierzulande von 3220 ausgeschriebenen rollstuhlgängigen Mietwohnungen nur 102 günstiger als 1000 Franken pro Monat. Total 402 Wohnungen – oder lediglich 12 Prozent – wurden unter 1500 Franken angeboten.

Mindestens 53 Prozent der Wohnungen kosteten gar mehr als 2000 Franken. Zudem waren 9 Prozent der Wohnungen ohne Mietpreisangabe auf dem Markt. Die Erfahrung zeigt, dass diese Wohnungen grösstenteils teurer als 2000 Franken sind.

Rollstuhlgängige Wohnungen

Zusätzlich erschwert wird die Wohnungssuche dadurch, dass nur ein Drittel des gesamten Wohnungsangebots überhaupt Mietwohnungen sind, sagt Urs Schnyder von der Wohnberatung der Behindertenorganisation Procap, welche die aktuellen Zahlen erhoben hat. Übrigens, Procap bietet eine Wohnungsbörse an, bei der rollstuhlgängige Wohnungen ausgeschrieben und gesucht werden können.

Zu teuer vom Bodensee bis in die Romandie

Das knappe und überteuerte Angebot gilt für die ganze Schweiz. So sind im Kanton Zürich von 748 rollstuhlgängigen Mietwohnungen nur sechs Wohnungen billiger als 1000 Franken und 19 Wohnungen billiger als 1500 Franken. Mindestens 75 Prozent der Wohnungen kosten gar mehr als 2000 Franken.

Ein ähnliches Bild ergibt sich im Kanton Bern, wo von 259 rollstuhlgängigen Mietwohnungen nur 18 billiger als 1000 Franken und 56 billiger als 1500 Franken sind. Mindestens 43 Prozent der Wohnungen kosten mehr als 2000 Franken. Und im Kanton Aargau finden sich unter 505 rollstuhlgängigen Wohnungen auch nur 48, die weniger als 1000 Franken im Monat kosten. Nicht besser präsentiert sich die Situation in der Romandie.

Ergänzungsleistungen reichen nicht aus

Diese enorm hohen Mietpreise liegen weit ausserhalb dessen, was sich Menschen im Rollstuhl in der Regel leisten können und deutlich über den Beträgen, die der Kanton als Ergänzungsleistung (EL) für selbständiges Wohnen anrechnet. Bei alleinstehenden Personen im Rollstuhl können nämlich allerhöchstens 1400 Franken, bei Verheirateten 1550 Franken pro Monat berücksichtigt werden. 

Wohnen im Heim dreimal teurer

Im Vergleich zu den Kosten einer Heimbetreuung fällt auf, wie wenig das Wohnen in den eigenen vier Wänden von Menschen mit Behinderung finanziell unterstützt wird: 41 Prozent der IV-Bezüger sind auf Ergänzungsleistungen angewiesen.

Seit 2008 das Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung revidiert und die Höchstbeträge bei der Berechnung der Ergänzungsleistungen für Personen, die dauernd oder längere Zeit in einem Heim oder Spital leben, aufgehoben wurden, sind die Beiträge massiv angestiegen: Heute erhält wer im Heim wohnt im Schnitt 2800 Franken pro Monat ausbezahlt. Bezüger von Ergänzungsleistungen in eigenen Wohnungen hingegen bekommen lediglich 900 Franken.

Urs Schnyder von Procap sagt dazu: „Wenn das Wohnen im Heim dreimal so teuer ist wie das Wohnen in den eigenen vier Wänden, sollten doch auch die Behörden ein Interesse haben, möglichst vielen Menschen mit Behinderung den Verbleib in der eigenen Wohnung zu ermöglichen.“

Sparpotenzial in Milliardenhöhe

Die Berechnungen und Forderungen von Procap beschränken sich aber nicht auf dieses Ungleichgewicht allein. Die Organisation weitet die Thematik aus und verweist auf die enormen Einsparmöglichkeiten, die sich dem Staat bieten würden, wenn ältere Menschen und Menschen mit Behinderung länger zu Hause wohnen könnten.

„Die Schweiz könnte im Jahre 2030 2,2 Milliarden Franken einsparen, wenn der Eintritt von alten Menschen ins Pflegeheim um durchschnittlich ein Jahr verzögert wird“, erklärt dazu Bernhard Stofer, Leiter des Ressorts Bauen Wohnen Verkehr bei Procap und Architekt ETH. Dazu müssten aber auch Unterstützungsmassnahmen wie Spitex, Haushalthilfen, Entlastungsdienste und Assistenz auf die Betroffenen abgestimmt sein und eben entsprechend konzipierte hindernisfreie Wohnungen. 

Forderungen an die Politik und Immobilienbesitzer

Procap fordert deshalb, dass die Kantone die neue SIA-Norm 500 für hindernisfreies Bauen für verbindlich erklären und griffige kantonale Bauvorschriften für einen anpassbaren Wohnungsbau ab Gebäuden mit vier Wohnungen festlegen. Zudem sollen Programme für nachhaltige Wohnungssanierungen mit einem rollstuhlgängigen Mindeststandard lanciert und der Bau von günstigen rollstuhlgängigen Wohnungen generell gefördert und subventioniert werden.

Aber auch die Wohnungseigentümer sind gefordert. Zu viele rollstuhlgängige Wohnungen sind nicht an Menschen im Rollstuhl vermietet. Die Eigentümer sollen in Zukunft Rollstuhlfahrende vermehrt berücksichtigen und ausserdem bei der Ausschreibung freier Wohnungen konsequent die bekannten Immobilienportale oder direkt Procap Wohnen berücksichtigen.

Keine Wohnungen „ab Stange“

Damit ein Vermieter eine Wohnung als „rollstuhlgängig“ ausschreiben kann, müssen für Procap folgende Minimalanforderungen erfüllt sein: 

  • Stufenloser Zugang
  • Minimalmasse Liftkabine: 1.10 x 1.40 m, Türbreite 80 cm
  • Keine Niveauunterschiede in der Wohnung
  • Korridorbreite mindestens 1.20 m
  • Minimalbreite Türen: 80 cm, schwellenlos
  • Minimalmasse WC/Bad: 1.70 x 2.20 m
  • Minimalmasse WC/Dusche: 1.65 x 1.80 m

Eine nach diesem Standard ausgeschriebene Wohnung erfüllt zwar in der Regel nicht alle Anforderungen von Rollstuhlfahrenden. Mit dem Einhalten der genannten Anforderungen wird lediglich sichergestellt, dass eine Wohnung überhaupt in Frage kommt. Allfällige Anpassungen müssen immer individuell vorgenommen werden.

Die sechs Minimalanforderungen gehen bewusst weniger weit, als dies in den Normen für das hindernisfrei anpassbare Bauen verlangt wird. Laut Procap ist es hilfreicher, eine grössere Auswahl von Wohnungen vorzufinden, welche nur den wichtigsten Anforderungen genügen und Aus- und Umbaupotenzial haben, als eine kleine Zahl zur Auswahl zu haben, die praktisch allen Anforderungen gerecht wird.

Text: PG - 02/2010, update 02/2017

Bilder: pixelio.de

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