Rügen mit dem Rollstuhl

Hinter dem Ostseebad erstreckt sich die Silhouette von Binz  (Foto: Ostseebad Binz)
Saubere Meeresluft, gutes Essen und Wellnessangebote zum Ausspannen (Foto: Ostseebad Binz)

Der Sommer ist gleich vorüber und somit die Urlaubszeit. Denken Sie! Auch in Deutschland gibt es Locations, die über das ganze Jahr bereist werden. Eines davon ist die milde Ostseeinsel Rügen.

Mecklenburg-Vorpommern ist eines der am meisten unterschätzten Bundesländer Deutschlands. Das Land hat etliche Ortschaften, die sich als Reiseziel eignen - allen voran Rügen. Bekannt für wellnessorientierten Urlaub, zieht das Eiland in der Ostsee Jahr für Jahr Tausende von Besuchern an. Die saubere Meeresluft sowie diverse Erholungsangebote können auch Reisende im Rollstuhl geniessen.

Auch wenn die meisten Touristen in den Sommermonaten kommen, wird Rügen auch an kälteren Tagen immer noch gut besucht. Dort scheint die Sonne nämlich im Jahr um satte 500 Stunden mehr als auf dem deutschen Festland. Über den so genannten Strelasund, der einzigen Landanbindung zum Festland, gelangt man von Stralsund aus auf die Insel. Oder man holt sich bei der Umsetzung per Fähre direkt bei der Anreise eine anständige Portion Meeresbrise ins Gesicht.

Blick von der Aussichtsplattform (Foto: Tourismusverband MV)
Ein Blick auf das Meer vom Wahrzeichen der grössten Ostseeinsel aus (Foto: Tourismusverband MV)

Barrierefrei übernachten ja, aber wo?

Der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern hat neben 40 Restaurants und Unterkünften das ACÁ Hotel Mönchgut in Baabe am Ostseebad ausgezeichnet. Dieses Hotel erfüllt „die strengen Kriterien für einen behindertengerechten Aufenthalt“, weswegen es mit dem QMB-Siegel (Qualitätsmanagement Barrierefreier Tourismus) prämiert wurde. Behinderte Reisende können sich zwischen dem eigentlichen Hotel (DZ ab 115 Euro mit Frühstück) und dem preiswerteren Aparthotel „Villa Wauzi“ (DZ ab 76 Euro ohne Frühstück) entscheiden. Beide komplett zugänglichen Häuser sind miteinander verbunden und die Zimmer rollstuhlgerecht nach den DIN-Normen 18024 und 18025 gestaltet.

Serviceleistungen des jeweils anderen Hauses können selbstverständlich genutzt werden. Zum Beispiel kann man sich das Frühstück bringen lassen oder einen Pflegedienst von der Sozialstation Baabe in Anspruch nehmen. Die Pflegebetten sind höhenverstellbar und im Bad hat man ausreichend Bewegungsfreiheit. Der Ostseestrand liegt lediglich 150 Meter entfernt und wartet darauf, mit dem hoteleigenen Strandrollstuhl entdeckt zu werden. In der AWO-Sozialstation im nahen Binz (038393/32849) können Sie sich übrigens Rollstühle ausleihen oder reparieren lassen, bestätigt der Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern.

Wenn Sie mal Abwechslung zum Meer brauchen, können Sie den hoteleigenen Wohlfühlbereich nutzen: Sauna, Dampfbad und der Fitnessraum sind schwellenlos zugänglich. Das Hotel bietet ebenfalls gegen Entgelt einen Transferservice per Bus an, in dem neben acht Passanten ein Rollstuhl Platz findet. So können diverse Ausflugsziele auf der Insel direkt angesteuert werden.

Dem Maler Caspar David Friedrich hat es anscheinend auch auf Rügen gefallen (Wikipedia)
Erleben Sie die Kreidefelsen – von Land und Wasser aus (Wikipedia)

Der berühmte Kreidestrand

Bei einem Rügenbesuch ist ein Ausflug zu den Kreidefelsen Pflichtprogramm. Die hellen Felsformationen, denen der Maler Caspar David Friedrich eins seiner berühmtesten Bilder verdankte, befinden sich im Nationalpark Jasmund. Dieser ist komplett per Rollstuhl befahrbar – außer dem so genannten Königsstuhl. Weil sich unter diesem Wahrzeichen Rügens ein „altes Hünengrab befindet, konnte der Bereich nicht rollstuhlgerecht geebnet werden“, so die Dame vom Nationalpark Jasmund.

Jedoch ist das Nationalparkzentrum „Königsstuhl“ barrierefrei, versichert sie eilig nach. Für behinderte Gäste kostet der Eintritt 6 Euro, mit dem Merkzeichen B im Schwerbehindertenausweis darf eine Begleitperson kostenlos mitgenommen werden. Besucher, die das B haben und mit dem Auto kommen, dürfen die ansonsten nicht zugängliche Schranke passieren und direkt am Zentrum parken. Der Nationalpark ist übrigens für alle kostenlos.

Ein ungehindertes Erlebnis für Jedermann

Das 2.000 qm grosse Nationalparkzentrum mitsamt den Kinos und Ausstellungsräumen ist komplett befahrbar. Es gebe „viel zu sehen, anfassen, ausprobieren und drücken“, weswegen sich der Besuch auch für Touristen mit anderen Behinderungsarten lohnt. Sehbehinderten Besuchern wird ein Faltblatt in Brailleschrift sowie ein Servicemitarbeiter zur Verfügung gestellt, „der schildert, was es zu sehen gibt“.

Ein weiteres touristisches Highlight ist die Seebrücke Sellin. Das architektonisch imposante Bauwerk auf Pfählen über dem Meer bietet sich für Hochzeiten, Bankette und derlei Veranstaltungen an und ist für Besucher frei zugänglich. Das Restaurant an sich ist allerdings nicht ganz barrierefrei. Die Tische stehen auf etwa 20 cm hohen Podesten. Allerdings dürften „wir es in unserem Palmengarten im Erdgeschoss hinbekommen mit dem Rollstuhl, wenn wir vorher darüber Bescheid wissen und mit dem Personal aushelfen“, heisst es bei einer Anfrage.

Dahinter legen die Schiffe der Reederei Ostsee-Tour an und im Brückenhaus feiert man Hochzeiten (Foto: IRÖ)
Die Seebrücke Sellin wurde zweimal wieder aufgebaut (Foto: IRÖ)

Auf'm Wasser hapert es noch

Die Anfahrt zur Seebrücke verläuft über Holzbohlen – das gilt auch für den sich dahinten befindenden Anlegesteg der Rügenscher Reederei Ostsee-Tour. Deren Schiffe sind leider über wenige Stufen zu besteigen und die Reederei empfiehlt „wegen der schmalen Gangways“ einen zusammenklappbaren Rollstuhl. Wenn das gelingt, kann man die Kreidefelsen von einer anderen Perspektive aus erleben. Eine Ermässigung für die Tickets (zumeist im einstelligen Eurobereich) gibt es leider nicht.

Landratten zieht es vermutlich in eine der Museen auf Rügen. Sowohl das  Puppen- und Spielzeugmuseum in Putbus als auch das Binzer Eisenbahn- / Technikmuseum sind laut der offiziellen Webseite von Rügen barrierefrei zugänglich. Oder Sie geniessen die Fahrt „voller Nostalgie und Romantik“ (Eigenwerbung) auf dem Rasenden Roland.

Gar nicht so rasend

Der Name ist ein netter Scherz. Es handelt sich nämlich um eine über 100 Jahre alte Dampflok mit 30 km/h Höchstgeschwindigkeit, welche die bekannten Seebäder – das Ostseebad Binz und das Seebad Putbus – miteinander verbindet. Da können Sie die idyllische Landschaft gar nicht verpassen. Vier bis fünf Rollstuhlfahrer finden im Rasenden Roland Platz. Vorausgesetzt, der zusammenklappbare Rollstuhl ist maximal 75 cm breit. Wenn Sie eine gültige Wertmarke besitzen, ist die Fahrt frei. Was machen Sie eigentlich Silvester?

Text: TMI
Fotos: Ostseebad Binz, Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern, Wikipedia
, IRÖ

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!