„Ferien für alle“ ein Jahr nach der Lancierung

Frontalansicht der Herberge. (Bild: Herberge zum kleinen Glück)
Mit dem „Ferien für alle“-Qualitätslabel ausgezeichnet: Die „Herberge zum kleinen Glück“ in Trogen. (Bild: Herberge zum kleinen Glück)

Im August letzten Jahres wurde „Ferien für alle“ lanciert – ein Qualitätslabel für Ferienanbieter mit Angeboten für Menschen mit Behinderung. Die Jahresbilanz fällt gemischt aus: Der Prozess für das Gütesiegel funktioniert, viele Betriebe sehen den Bereich Tourismus für Menschen mit Behinderung aber immer noch als Nischenprodukt.

Der Tourismus ist für die Schweizer Wirtschaft von grosser Bedeutung. 2009 lag der Schweizer Tourismus mit Einnahmen von 15 Milliarden Franken auf Platz 3 der Exportbranchen. Einen entsprechend grossen Stellenwert geniesst deshalb auch die Qualität, die mit einer Vielzahl von Qualitätslabels nachgewiesen wird.

Bis vor einem Jahr bewertete allerdings keines dieser Labels die Qualität der Ferien- und Dienstleistungsangebote für Menschen mit einer Behinderung. Dies änderte sich mit dem Qualitätslabel „Ferien für alle“, welches von Mobility International Schweiz, der Reisefachstelle für Menschen mit Behinderung, in Zusammenarbeit mit Betroffenen und Fachleuten aus dem Behindertenbereich, dem Tourismus und der Qualitätssicherung lanciert wurde.

Hindernisfreie Infrastruktur reicht nicht aus

Hintergrund des Labels ist, dass hindernisfreie Infrastrukturen in der Regel nicht ausreichen, um Gästen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind, einen möglichst sorgenfreien Ferienaufenthalt zu bieten. Mitarbeiter von zertifizierten Betrieben müssen auch über das eigene und regionale Angebot informiert sein, der Betrieb muss die angebotenen Dienstleistungen kompetent ausführen, die Informationen müssen transparent und korrekt sein und auch den Tatsachen entsprechen.

Weiter ist es wichtig, dass den Bedürfnissen des Gastes umfassend Rechnung getragen wird. Für Notfälle sollten bereits im Vorfeld die nötigen Massnahmen getroffen worden sein.

Marcus Rocca mit Mikrofon und einem Bildausdruck in der Hand. (Bild: Ferien für alle)
MIS-Geschäftsführer Marcus Rocca im vergangenen Jahr bei der Lancierung der „Ferien für alle“-Qualitätslabels. (Bild: Ferien für alle)

Label kann werbewirksam eingesetzt werden

Für das Gütesiegel werden die Angebote von interessierten Tourismuskreisen nach den vorgegebenen Kriterien bewertet. Auditoren und Datenerheber begutachten persönlich das zu zertifizierende Angebot und garantieren dem Gast die Qualität des Angebots. Auf der anderen Seite hat der zertifizierte Betrieb so die Möglichkeit, sich gegenüber seinen Konkurrenten abzugrenzen und das Qualitätslabel auch werbewirksam einzusetzen.

Potenzial noch nicht erkannt

Genau dieses Bewusstsein fehlt allerdings immer noch vielen Hotelleriebetrieben und Organisationen. „Wie die gesamte Tourismusbranche haben auch viele Hoteliers das Potenzial des Tourismus von Menschen mit Behinderung noch nicht erkannt und sehen darin lediglich ein Nischenprodukt“, erklärt Marcus Rocca, Geschäftsführer von Mobility International Schweiz gegenüber MyHandicap.

Zwar würden die Kosten für die Zertifizierung von den Hoteliers ab und zu ins Feld geführt. Rocca glaubt aber nicht, dass dies ein entscheidendes Argument ist, schliesslich betragen die Kosten für das Qualitätslabel pro Jahr kaum mehr als für ein Zeitungsinserat.

Das Logo von Ferien für alle. (Bild: Ferien für alle)
Mit dem Label können zertifizierte Betriebe sich gegenüber ihren Konkurrenten abgrenzen. (Bild: Ferien für alle)

Verschiedene Organisationen in der Pipeline

Rocca sagt, das Interesse am Qualitätslabel sei durchaus da. Entsprechend der überschaubaren Zunahme von zertifizierten Betrieben und Organisationen seit Lancierung des Labels gibt er aber zu: „Die Entwicklung könnte besser sein.“ Grundsätzlich zeigt sich der Tourismusfachmann nicht unzufrieden. Man habe mehrere Organisationen in der Pipeline. Der Prozess dauere aber etwas länger, da verschiedene Gremien ihre Zustimmung geben müssten. Ausserdem sei es bei verschiedenen Kandidaten wegen Führungswechseln zu Verzögerungen gekommen.

Laufende Akquisitionsbemühungen und Sensibilisierungskampagnen zeigten ebenfalls Wirkung. Das grösste Potenzial sieht Rocca im Bereich von Ferienheimen. Zertifiziert werden folgende touristische Betriebe, welche in Leistungsketten zusammengefasst werden:

  • A   Informationsstellen, Tourismusbüros etc.
  • B   Ferienheime mit Betreuung
  • B+ Ferienheime mit Betreuung und medizinischer Behandlungspflege
  • C   Restaurationsbetriebe
  • D   Ferien- und Reiseveranstalter
  • H   Klassische Beherbergungsbetriebe wie z.B. Hotels, Garnis, Pensionen etc.

Vergabe-Prozess funktioniert

Nach einem Jahr habe sich gezeigt, dass der Prozess für die Vergabe des Gütesiegels funktioniere, erklärt Rocca weiter. Die Entscheidung, ob ein Betrieb das Qualitätslabel erhält, wird von drei Instanzen gefällt. Die erste Empfehlung zur Vergabe wird vom Auditor ausgesprochen, die zweite vom zuständigen Mitglied der Zertifizierungskommission (Gremium der verschiedenen Fachexperten). Die definitive Entscheidung liegt dann bei der Quality Service Schaffhausen AG, einem von der Schweizerischen Akkreditierungsstelle anerkannten Zertifizierungsunternehmen. Vergeben wird das Label auf drei Jahre hinaus.


Text: PG - 08/2010

Bilder: Herberge zum kleinen Glück, Ferien für alle

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