Reisemobilfahren mit Handicap

Ein Reisemobil Bürstner Nexxo 660 (Foto: Ralf Blaurock)
Das Reisemobil, mit dem die Blaurocks jährlich etwa 6000 Kilometer zurücklegen (Foto: Ralf Blaurock)

Geht Verreisen noch barrierefreier als bei einem klassischen Hotelurlaub? Ja – per Reisemobil. Da sind Sie fernab der Heimat und gleichzeitig in vertrauter Umgebung.

Mit einem Reisemobil in den Urlaub zu fahren, kann manch einem Menschen mit Mobilitätseinschränkungen mehr Möglichkeiten aufbieten als beispielsweise ein gewöhnlicher Hotelurlaub mit Flugtransfer, ist Ralf Blaurock überzeugt.

Der 48-jährige EU-Rentner ist rechtsseitig gelähmt und sprachbehindert. In seiner Freizeit dreht sich, wenn er nicht mit seinen Nachbarn in den warmen Monaten grillt, alles um das Wohnmobil. Schon vor seinem schweren Motocrossunfall 2001 war er begeisterter Reisemobilfahrer und selbst die Schlaganfälle im Jahre 2008 haben ihn nicht von seinem Hobby abgehalten.

Behindertengerechter Umbau auf eigene Kosten

„Schon in der Reha hatte ich mich damit beschäftigt, ob ich jemals wieder Reisemobil fahren kann und darf – obwohl ich da noch gar nicht wieder laufen und sprechen konnte“, erzählt Blaurock. Ein Jahr später schaffte der zweifache Vater die TÜV-Fahrprobe und kaufte zusammen mit seiner Frau ein serienmässiges Reisemobil mit Automatik, das er auf eigene Kosten umbauen liess. Er lenkt und schaltet heute mit einem Multicommander mit 14 Knöpfen.

Innenaufnahme des Armaturenbretts mit dem Multiknauf mit 14 Knöpfen (Foto: Ralf Blaurock)
Den Umbau des Reisemobils (Gaspedal links, Multiknauf) zahlte Blaurock aus eigener Tasche (Foto: Ralf Blaurock)

Reisemobilfahren dürfte bei den meisten Behinderungsarten kein Hindernis sein, behauptet Blaurock. „Wer einen PKW fahren kann und darf, kann auch mit dem Wohnmobil um die Welt reisen. Es gibt für vieles Lösungen und auch spezielle Anbieter von rollstuhlgerechten Reisemobilen wie zum Beispiel Grimm Reisemobile, Blucamp oder CPT.“ Solche Reisemobile haben beispielsweise einen Lift und darüber eine breite Aufbautür.

 

Campingplätze in der Regel barrierefrei

Seitdem sind der EU-Rentner und seine Ehefrau rund 6000 Kilometer pro Jahr auf mehreren Kurztrips in Deutschland sowie auf ein bis zwei Auslandsreisen. Die stundenlangen Fahrten nimmt der ehemalige Kraftfahrer im internationalen Fernverkehr gerne in Kauf.

Ist die lange Anfahrt zu einer Urlaubsdestination erstmal absolviert, fühlt sich Blaurock auf den meisten Camping- oder Stellplätzen willkommen. „Behinderten-Sanitäranlagen waren auf jeden Campingplatz, den wir angefahren haben, vorhanden. Auf den Campingplätzen ist es meistens behindertengerechter als im Hotel oder zu Hause und im Reisemobil hat man alles dabei, was man braucht!“, meint der Thüringer.

Aber auch für eine Reise im Wohnmobil bedarf es einiges an Vorarbeit. „Meine Reisen plane ich im Internet und für Stellplätze haben wir einen Bordatlas von der Zeitschrift ‚Reisemobil international’, wo rund 4000 kostengünstige Stellplätze in Europa verzeichnet sind. Ausserdem habe ich noch ein gutes Navigationsgerät“, erklärt Blaurock.

Ralf Blaurock am Steuer seines Reisemobils (Foto: Ralf Blaurock)
Sein Hobby - Reisemobilfahren - gab Blaurock trotz einer halbseitigen Lähmung nicht auf (Foto: Ralf Blaurock)

Austausch zu Reisemobilfahren mit Handicap

Einen Verein oder eine Organisation für Reisemobilfahrer mit Handicap gibt es noch nicht – mangels Akteuren. In „Reisemobil international“ hatte Blaurock mal einen Aufruf zur Gründung eines Clubs gestartet. „Aber da haben sich nur zwei Paare gemeldet“, bedauert Blaurock.

Deshalb bietet er seine Webseite www.reisemobil-handicap.de an, auf der sich Interessierte zu diesem Thema informieren und mit ihm für einen E-Mailaustausch in Kontakt treten können. Dort erzählt Blaurock über seine Schicksalsschläge, stellt sein Reisemobil vor und gibt Urlaubstipps in Form von Bildern. „Ausserdem bin ich bei MyHandicap angemeldet und beantworte auch dort gerne Fragen rund um das Reisemobil“, sagt der Fachexperte.

Zum Schluss gibt Blaurock noch seinen Lieblingsurlaubsort preis: „Wir reisen am liebsten nach Kroatien in Naturistencamps. Da kann ich allein duschen, ohne dass meine Frau jedes Mal mit muss. FKK-Camping zu machen, bietet darüber hinaus noch viele andere Vorteile. Denn FKKler sind eine Minderheit wie behinderte Menschen auch, deswegen gehen sie auch ganz locker mit Behinderung um.“


Text: Thomas Mitterhuber – 08/2011

Fotos: Ralf Blaurock

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