Kein Aprilscherz: Was Menschen mit Behinderungen so alles passiert

Behindertenparkplatzkennzeichnung, deren Kopf bei Strassenerneuerung überteert wurde (Foto: M. Plattner)
Dieser Parkplatz ist nur für Kopflose! (Foto: M. Plattner)

Manchmal weiss man nicht, ob man lachen oder weinen soll: Menschen mit Behinderungen geraten immer wieder unfreiwillig in Situationen, über die man nur den Kopf schütteln kann. Eine kleine Rundreise durch Absurdistan.

Dass nicht alles, was wie einem Aprilscherz gleicht, auch als Witz gedacht ist, wusste ich. Doch dass Menschen mit Behinderung so viel Absurdes passiert, hätte ich zu Anfang meiner Recherche nicht erwartet. Aus aller Welt trudelten  absurde Geschichten ein. Kaum etwas, was behinderten Menschen nicht schon passiert ist! Hier eine Auswahl.

Für dumm verkauft

Etwas, das mir sehr viele Menschen mit allen Arten von Behinderungen erzählt haben, ist, dass sie manchmal regelrecht für dumm verkauft werden.

Der Hamburgerin Grete ist es schon mehrmals passiert, dass man ganz langsam und deutlich oder sogar in vereinfachten „Ausländerdeutsch“ mit ihr gesprochen hat. Offenbar ist für viele Leute ein Rollstuhl ein Zeichen für geistiges Unvermögen. Da hilft nur noch die Antwort: „Du wolle deutsche Wörterbuch?“, erzählt Grete augenzwinkernd.

Als Kind ärgerte sich die Schwedin Anka  oft, dass ihre Lehrerin mit anderen Schülern über sie sprach, als wäre sie nicht anwesend. Auch sprach diese Lehrerin sie in den ganzen drei Jahren nicht ein einziges Mal direkt an, sondern nur über ihre Mitschüler. „‘Frag Anka, ob sie das verstanden hat‘, hiess es oft. Oder ‚Sag Anka, dass sie mit dem Rollstuhl nicht mit an die Klassenfahrt mitkann“, erzählt Anka augenverdrehend.

Immerhin liegt Ankas Schulzeit bereits zwanzig Jahre her, nicht wie im Fall des schwerhörigen Martin*, dessen Lehrer der Meinung war, dass Schwerhörige keine Fremdsprachen lernen könnten, und Martin somit im Fanzösischunterricht nur Mandalas ausmalen durfte.

Die Polizei, dein Freund und Helfer

Der Däne Søren berichtete mir entrüstet von seinem Erlebnis mit der Polizei. Als er schon im Rollstuhl sass, nahm er als Student an einer Demonstration teil, die dann leider nicht gewaltfrei verlief. Viele Demonstranten wurden festgenommen. Søren, der sich friedlich verhielt, wollte sich der Verhaftung entziehen. Die Polizisten zerrten ihn kurzerhand aus dem Rollstuhl und platzierten ihn auf dem Boden, so dass er nicht wegkonnte. In Folge wurde er von Flüchtenden umgerannt und zog sich Kopfverletzungen und ein gebrochenes Schlüsselbein zu.

Aus Amerika erreichten mich gleich mehrere tragische Berichte über gehörlose Bürger, die von der Polizei an- oder gar erschossen wurden. In all diesen Fällen griffen die Polizisten zur Waffe, weil die späteren Opfer trotz mündlicher Aufforderung, meist Zurufen aus einiger Entfernung und von hinten, nicht stehen blieben.

Warntafel mit der Aufschrift „blind people“  (Jerzy Sawluk/pixelio.de)
Achtung, freilaufende blinde Personen! (Jerzy Sawluk/pixelio.de)

Dass die Polizei aber auch wirklich dein Freund und Helfer sein kann, zeigt der Bericht einer ungarischen Rollstuhl-Wandergruppe. Als sie nach einer völlig verregneten Wanderung von ihrem Buschauffeur buchstäblich im Regen stehen gelassen wurde, orderte ein zufällig vorbeikommender Polizist einen Polizeibus an und liess die ganze Gruppe heimchauffieren.

Heimchauffieren lassen musste sich auch der Blogger Blindfisch. Als er von der Arbeit nach Hause ging und durch das Karnevalstreiben kam, sprach ihn ein Passant an: "Geniale Verkleidung hast du an! Die brauch ich mal gerade!" Bevor Blindfisch reagieren konnte, hatte ihm der Mann den Blindenstock aus der Hand gerissen und verschwand. Blindfisch musste sich dann ein Taxi rufen, um nach Hause zu kommen.

Schön, dass wir darüber geredet haben

Gerade gehörlosen Menschen passieren viele dumme Dinge wegen der Kommunikationsbarriere. Eine gehörlose Frau sass im Wartezimmer ihres Arztes. Sie hatte die Sprechstundenhilfe darauf aufmerksam gemacht, dass sie gehörlos ist und sie ihr winken solle, wenn sie dran sei. Als es jedoch so weit war, rief die Sprechstundenhilfe den Namen der Frau nur aus. Als niemand reagierte, strich diese den Termin. „Als ich nach fast zwei Stunden Warten fragte, wann ich denn endlich dran käme, wurde ich nur angeblafft, ich sei selbst schuld, wenn ich nicht zuhören würde, wenn die Namen aufgerufen würden!“ Seither getraut sie sich nur noch mit Begleitung an Arzttermine.

Unglaublichen Scharfsinn bewies auch ein Angestellter des Bodenpersonals am Flughafen Zürich. Beim Einsteigen werden manchmal bestimmte Sitzreihen aufgefordert, einzusteigen, andere sollen bitte noch warten. Da dies alles über Lautsprecher ausgerufen wurde, bat Claudia den Angestellten ihr bitte zu winken, wenn sie dran sei und teilte ihm ihre Platznummer mit. Übertrieben lächelnd hatte der Angestellte den Einfall seines Lebens: „Wissen Sie was, wenn Sie dran sind, werden wir Sie einzeln ausrufen lassen!“ Vergebens versuchte ihm Claudia zu erklären, dass dies eben genau nicht gehen würde, doch da stiess sie auf taube Ohren. „Manchmal frage ich mich echt, wer nicht hören kann, die oder ich…!“

Die Überhilfsbereitschaft

Häufig sind Menschen ohne Behinderungen gegenüber denjenigen mit Behinderung sehr unsicher. Es besteht grosse Unsicherheit darüber, ob man denn jetzt einem behinderten Menschen helfen soll oder nicht.

So kann es vorkommen, dass gerade diejenigen, die völlig selbständig mit dem Rollstuhl unterwegs sind, und eigentlich beim Einsteigen in den Bus keine Hilfe brauchen würden, unaufgefordert reingeschoben oder gar rein getragen werden. Erbost über diese Bevormundung las auch die Italienerin Maria* einem Busfahrer die Leviten. Ein paar Wochen später hatte die MS-Patientin einen starken Schub und hätte nun doch Hilfe beim Einsteigen benötigt. Der Busfahrer jedoch nahm dann aber natürlich an, dass sie keinesfalls Hilfe wolle und fuhr schließlich ohne sie los, als sie nicht einstieg.

Foto von der Jahrhundertwende mit einem bärtigem Mann in einem altmodischem Rollstuhl, von den ein großer Hund gespannt ist
Ganz ohne Atom-Strom: der Rollstuhlhunderollstuhl in modischem Retrodesign! (Tontilon/pixelio.de)

Barrierereiches Reisen

Aus verschiedenen Berichten von gehörlosen Freunden (und eigener Erfahrung) weiß ich, dass gehörlose Reisende bei manchen Fluggesellschaften als „Sicherheitsrisiko“ angesehen werden. Auch die Medien berichteten schon über gehörlose Reisende, die von der Crew kurzerhand abgelehnt wurden. Ohne eine hörende Begleitperson sei eine Reise nicht möglich.

Auch andere behinderte Reisende stossen im Flugverkehr zuweilen an kuriose Grenzen. Bestimmte Sauerstoffflaschen dürfen nicht in den Passagierraum, Menschen mit gutsichtbaren Behinderungen werden kurzerhand in die hinterste Reihe verpflanzt, "damit sie ihre Mitreisenden nicht mit ihrem Aussehen belästigen". Curtis, der sich selbst online „Monster“ nennt, lässt sich eine solche Behandlung inzwischen nicht mehr gefallen. „Meine Narben gehören zu mir, wem’s nicht gefällt, soll halt wegschauen!“, so der Californier.

Die bekannte amerikanische Schauspielerin Marlee Matlin findet Reisen mit dem Flugzeug eher amüsant. In einem Interview erzählt die gehörlose Oscargewinnerin, dass es häufig passiere, dass ihr die eben gereichte Menükarte wieder weggenommen werde, sobald die Flight Attendant merkt, dass sie gehörlos ist. Stattdessen wird ihr dann eine in Braille-Schrift gebracht.

Sicher ebenfalls nett gemeint ist der Treppenlift zum Restaurant auf der Burg von Alicante, Spanien. Dumm nur, dass man den Lift nur über zwei Treppen erreicht.

Es geht auch andersrum

Nicht nur Menschen ohne Behinderung haben ihre liebe Mühe mit den Handicaps ihres Gegenübers, sondern auch umgekehrt. So berichtete Klaus, dass er bei seinem ersten Besuch in der Wohnung seiner heutigen Frau zwei Stunden lang im Dunkel sass. Die blinde Frau hatte vergessen, dass er als Sehender in der Wohnung nachts Licht brauchte. Erst als er im Dunkeln den Weg zum WC nicht fand, getraute er sich endlich zu fragen, ob sie nicht vielleicht doch Lampen installiert habe.

Und Anka „zwang“ einen Mitarbeiter mit Platzangst dazu, mit ihr im Lift mitzufahren. Sie hatte nicht daran gedacht, wie schwer ihm das fällt und ist ins Gespräch vertieft direkt zum Lift gefahren.

Heiteres Schaffen

Apropos Mitarbeiter: Als der stark sehbehinderte James* zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen wurde, freute er sich sehr, dass sein potentiell zukünftiger Arbeitsgeber kein Problem mit seiner Sehbehinderung hatte. Leicht irritiert war der Brite dann aber doch, als dieser ihm beim Interview voller Stolz einen Gebärdensprachdolmetscher präsentierte.

Auch der MyHandicap-User Bob_Geldof hat in seinem Büro mit Barrieren zu kämpfen. Zwar wurde ein Rollstuhl-WC inklusive verstellbarem Spiegel und Haltegriffen eingebaut. Doch die beste Inneneinrichtung bringt nichts, wenn die Tür viel zu schmal ist für einen Rollstuhl.

Leicht zähneknirschend berichtete mir ein Krankenpfleger von seinem Fauxpas mit einem beidseitig oberschenkelamputierten Patienten. Er sollte den Patienten für eine erste Prothesenanpassung abholen. Als immer fröhlicher Mensch begrüsste er ihn mit einem netten Lächeln und sagte enthusiastisch: „Aufstehen, Schuhe an und dann gehen wir gleich runter!“

Keine böse Absicht

Eigentlich können sie ja nichts dafür, die Menschen ohne Behinderung. Die meisten wissen es einfach nicht besser. Sie wissen nicht, dass es nichts bringt, eine gehörlose Person zum besseren Verständnis anzubrüllen, oder dass auch Menschen im Rollstuhl ganz normale Menschen sind. Blinde können träumen und als querschnittgelähmter Mensch kann man arbeiten? Wer hätte das gedacht!

Obwohl es manchmal nervt, finde ich es doch eigentlich ganz süss, dass meine kaukasischen Nachbarn regelmäßig bei mir klingeln, um zu sehen, ob das „taubstumme, behinderte Mädchen“, das für sie völlig unverständlicherweise alleine lebt, nicht doch ihre Hilfe braucht. Ist doch nett, dass sie mir unbedingt den Müll runter und die Post hochtragen wollen…

Übrigens, Phil Hubbe bringt in seinen Comiczeichnungen Absurdes mit viel Witz auf den Punkt! Mehr über den behinderten Zeichner erfahrt in unserem Artikel „Rainer Blödsinn?“.

Ist auch Ihnen etwas Absurdes zugestossen? Teilen Sie uns Ihre Erlebnisse im Forum oder unten im Kommentar mit. Wir sind gespannt!

*Namen der Redaktion bekannt

 

Text: M. Plattner

Bilder: M. Plattner / pixelio.de

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