Schönheit kennt keine Behinderung

Collage Pressefotos von Anja, Monika, Jasmin und Leila
Für sie ist Unabhängigkeit wichtig: Anja, Monika, Jasmin und Leila (Foto: Miss Handicap)

Die zwölf Finalistinnen für die diesjährige Miss Handicap-Wahl stehen fest. Damit sie sich vor dem großen Auftritt noch mal richtig entspannen können, fand der letzten Pressetermin von der Wahl in einem ein Wellness-Parcours statt.

Rollstuhlfahrerinnen sind an der diesjährigen Wahl gut vertreten. Immerhin acht der zwölf Finalistinnen benutzen einen regelmässig. So auch Eliane Stöckli, die die Jury schon in der Vorausscheidung mit ihren blauen Augen verzaubert hatte.

Seit 13 Jahren lebt Eliane Stöckli mit der Diagnose Multiple Sklerose. „Ich nehme jeden Tag, wie er kommt und versuche positiv zu bleiben“, sagt die 32-Jährige. „Durch die Krankheit habe ich das Leben schätzen gelernt und mich auf Menschen zu verlassen und ihre Liebe anzunehmen.“

Arbeiten kann sie nicht mehr. „Ich bin zu müde“, erklärt die gelernte Kauffrau. Für die Miss Handicap-Wahl will sie aber alles geben.

Auch Sandra Brühwiler sitzt im Rollstuhl, sie jedoch wegen der Krankheit Friedreich Ataxie. „Alles dauert etwas länger bei mir; um mich anzukleiden brauche ich eine Stunde“, erklärt die ebenfalls 32-Jährige aus Ebikon (LU). „Ich überlege nicht viel, sondern lebe mein Leben heute und jetzt.“

Im Hier und Jetzt zeichnet und malt die Grafikdesignerin sehr viel; sie konnte auch schon eine Ausstellung mit ihren Bildern machen, ausserdem fertigt sie Skulpturen an.

Als Miss Handicap 2010 möchte Sandra Brühwiler für mehr Integration von behinderten Menschen eintreten: „Ich möchte, dass in Zukunft Menschen – ob mit oder ohne Behinderung – ohne Angst aufeinander zugehen und miteinander leben können.“

Um Hilfe fragen ist nicht einfach

Die gleiche Krankheit - Friedreich Ataxie – hat auch Corinne Oehen. Aufhalten lässt sie sich davon aber nicht. „Ich möchte von zuhause ausziehen und den Laden alleine schmeissen“, sagt die 25-Jährige. Vor kurzem hat sie sich einen grossen Traum erfüllt: Drei Monate Australien. Dort ging sie zur Schule, reiste und schwamm sogar mit Delphinen.

Neben ihrer Arbeit als Kauffrau im Büro eines Fitnesscenters schreibt sie in ihrer Freizeit für verschiedene Fachzeitschriften Berichte über ihre Erlebnisse in Australien. „Im Jahr 2010 sollte es eigentlich natürlich sein, dass es Menschen mit einer Behinderung gibt“, findet Corinne.

Erst kurz benutzt die 25-jährige Soraya Elouaret den Rollstuhl. 2004 hatte sie als Beifahrerin einen Autounfall und ist seither querschnittgelähmt. „Am Anfang war es sehr schwer“, erzählt die Genferin. Ihr grösster Wunsch ist es, ihr Leben weiterzuführen und glücklich zu sein, jetzt eben mit dem Handicap Paraplegie. Der Genferin ist es wichtig, Barrieren aufzuheben, denn gerade in der Romandie sei Behinderung immer noch ein Tabu: „Man spricht nicht darüber“.

Ein Unfall als knapp 16-Jährige bei einem Hindernislauf war die Ursache für die Tetraplegie bei der Rechtsanwältin Manuela Leemann. Vom fünften Halswirbel an gelähmt, kann sie ihre Arme nur teilweise und die Beine gar nicht bewegen. Ihr batteriebetriebener Rollstuhl ist für sie deshalb genauso wichtig wie die tägliche Unterstützung durch die Spitex. „Um Hilfe zu fragen ist nicht immer einfach“, gibt die lebensfrohe Zugerin zu.

Dass man mit Behinderung und Abhängigkeit glücklich sein und viel erreichen kann, das will die 29-Jährige mit ihrer Teilnahme an der Wahl zeigen.

Collage Pressefotos von Corinne, Anita, Fabienne und Manuela
Corinne, Anita, Fabienne und Manuela wünschen sich bessere Integration von Menschen mit Behinderung (Foto: Miss Handicap)

Leidenschaft Rennrollstuhlsport

Ihren Rollstuhl nutzt Anita Scherrer nicht nur im Alltag und ihrem Beruf in der Verwaltung, sondern auch im Rennsport. Die 21-Jährige trainiert sechsmal in der Woche und bestreitet nationale und internationale Wettkämpfe. Disziplin und Ausdauer sind der jungen Frau mit Spina Bifida sehr wichtig: „Wenn ich mich einen Tag nicht bewege, werde ich ganz kribbelig.“

Anita will zeigen, dass man sich mit einer Behinderung nicht verstecken muss. „Ich habe zwar einen Rollstuhl unter dem ’Füdli’, aber ich bin genau gleich wie die anderen.“

Sportlerin ist auch die jüngste Finalistin Andrea von Büren. Die 18-Jährige hat dank des Sports schon die halbe Welt bereist. Fünf bis sieben Mal pro Woche trainiert sie im Rennrollstuhl, um an die Spitze zu gelangen. Andrea hatte bei der Geburt einen offenen Rücken (Spina Bifida), teilweise kann sie mit Gehschienen gehen – ein grosser Vorteil bei Treppen.

Die Wirtschaftsmittelschülerin will Berührungsängste abbauen. „Wir haben wie alle Menschen ein Gebrechen. Der Unterschied ist, dass unseres gut sichtbar ist.“ Dass es bei dieser Wahl nicht primär um das Äussere gehen, sondern vor allem um die Botschaft, war bei Andrea der Grund, weshalb sie mitmache.

Unabhängig und kontaktfreudig

Zusätzlich zur Kyphoskoliose, eine Mehrfachverkrümmung der Wirbelsäule, die Jasmin Rechsteiner seit ihrer Geburt hat, ertaubte sie nach einer Hirnhautentzündung auf einem Ohr. Die 29-Jährige mit ansteckendem Lachen lebt alleine und kann ihren Alltag selber bestreiten.

Bei Problemen findet die KV-Angestellte immer eine Lösung: „Häufig mache ich einen Deal mit einer Freundin; ich koche für sie und sie hilft mir beim Bettanziehen.“ Ihr Elektrorollstuhl-Unihockey-Club hat bereits 3 Mal in Folge den Schweizermeistertitel geholt.

Und ihre Botschaft als Miss Handicap 2010? „Alle Menschen – ob behindert oder nicht und je nach Möglichkeiten – sollen am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen können.“

Ebenfalls eine Hörbehinderung hat die 26-jährige Fabienne Broch. „Wenn die Leute hochdeutsch sprechen und mich dabei ansehen, kann ich von den Lippen ablesen.“ sagt die von Geburt an gehörlose Frau.

„Ich möchte für mehr Gleichberechtigung einstehen und dass Jugendliche mit einem Handicap mehr Chancen für eine Lehrstelle erhalten.“ Sie selbst arbeitet heute mit sprach- und hörbehinderten Kindern, nachdem sie ihre Lehre zur Goldschmiedin abgeschlossen hatte: „Als Goldschmiedin arbeitete ich alleine. Aber seit ich mit Kindern arbeite und auch mit ihnen kommunizieren kann, bin ich richtig aufgeblüht!“ Nächsten Sommer wird sie deshalb die Ausbildung zur Sozialpädagogin beginnen.

Monika Liechti ist ohne linken Unterarm geboren. „Ich kenne nichts anderes als neugierige Blicke“, sagt die 22-Jährige Bernerin. Als Kind hatte sie eine Prothese, heute ist sie einhändig vollständig: Stricken, häkeln, Schuhe schnüren, kochen, das alles kann sie einhändig. Für manche Sachen braucht sie aber dennoch eine zweite Hand, in solchen Situationen fragt sie nach Hilfe. „Aber das musste ich erst einmal lernen“.

Kauffrau in der Autobranche im Arbeitsalltag und Visagistin in ihrer Freizeit. Aber eigentlich wäre Monika gerne Möbelschreinerin geworden. Die hätte sie jedoch nur in einer geschützten Werkstatt machen können. „Ich wollte etwas machen, bei dem meine Behinderung nicht im Vordergrund steht.“

Collage Pressefotos von Soraya, Eliana, Sandra und Andrea
Soraya, Eliana, Sandra und Andrea haben gelernt, mit ihrer Behinderung selbstbewusst umzugehen (Foto: Miss Handicap)

Freund und Helfer: Blindenführhund

„Morbus Stargardt“, eine Erkrankung der Netzhaut verursacht, dass Leila Bahsoun nur eingeschränkt sehen kann: „Ich sehe rundherum, aber nicht das, was ich fixiere.“ Die zweifache Mutter ist sehr selbstständig und ihr Terminkalender ist mit den Kindern, Schwimmtraining und ihrem Beruf als Marketingfachfrau ziemlich ausgebucht.

Manchmal braucht sie trotzdem Unterstützung. Kleidergrössen oder verschiedene Joghurtsorten kann sie nicht unterscheiden. Eine grosse Hilfe ist ihr ein Computerprogramm, dass ihr Texte vorliest, ebenso ihr Führhund "Prune“.

Wie auch bei vielen anderen Finalistinnen dieses Jahr ist Leila Sport sehr wichtig. Sie trainiert in einem Schwimmclub in Lausanne für die Schweizermeisterschaft – und die Paralympics in London.

„Behinderte Menschen sind anders, denn sie haben ein Handicap; aber sie haben den gleichen Wert“, sagt Leila Bahsoun. Diese Botschaft würde sie als Gewinnerin der Wahl weitergeben.

Wer wird die Schönste sein?

Last but - ganz klar - not least ist die 22-jährige Anja Reichenbach. Von Geburt an lebt sie mit der Augenkrankheit „Retinitis Pigmentosa“. Statt wie gutsehende Menschen mit 180° Sichtfeld ist das von Anja auf 5° eingeschränkt und sieht auf einem Auge nur 10%. Ihr Führhund Nougat mache dies aber wieder wett.

Sie muss sie immer wieder an neue Umstände gewöhnen, da die Krankheit in Schüben kommt: „Mein Hund ist immer eine grosse Hilfe. Er gibt mir Freiheit und Selbstbewusstsein“, strahlt Anja. Sie arbeitet auch beim Projekt „Blindspot“ mit, wo Integration für Menschen mit und ohne Behinderung gefördert wird.

Alle diese zwölf lebenslustigen Frauen werden am 20. November an der Wahlnacht im Kursaal Bern auftreten. Mehr Informationen dazu und die Möglichkeit, Tickets zu bestellen, finden Sie hier.


Text: MPL - 09/2010

Bilder: Miss Handicap

Sie haben noch Fragen? Stellen Sie diese gleich hier im Forum!