Vorgaben erfüllt und ein Blick nach vorne

Die Olympia- und die IPC-Flagge wehen gemeinsam im Wind. (Foto: City of Vancouver)
Die Olympia- und die IPC-Flagge wehen gemeinsam im Wind. (Foto: City of Vancouver)

Mit einer emotionalen Schlussfeier sind am Sonntag in der kanadischen Metropole Vancouver die X. Winter-Paralympics zu Ende gegangen. Die Schweizer Delegation kehrt mit einer Gold- und zwei Silbermedaillen von den Spielen zurück und hat damit die Vorgaben erfüllt.

Die X. Winter-Paralympics waren eine grossartige Bühne für grossartige Athletinnen und Athleten. Die Sportwelt steht nach den Olympischen Spielen vor dem nächsten Grossereignis: Eine Rekordzahl von 600 Athletinnen und Athleten aus 43 Nationen gehen zwischen dem 12. und 21. März 2010 in verschiedenen Leistungsklassen in den Disziplinen Ski Alpin, Langlauf, Biathlon, Rollstuhl-Curling und Schlitten-Eishockey (Sledge-Eishockey) an den Start. Der bisherige Rekord wurde 1998 im japanischen Nagano aufgestellt, als 571 Sportlerinnen und Sportler aus 32 Ländern am Start waren. Die deutsche Delegation umfasst 20 Athletinnen und Athleten, aus der Schweiz reisen 16 Sportler nach Nordamerika. Insgesamt werden in der Region an der Westküste des Kontinents 1350 Athletinnen und Athleten, Guides, Trainer und Offizielle, bis zu 5000 freiwillige Helfer und eine Rekordzahl von bis zu 1500 Medienvertretern zugegen sein.

Blick in das Paralympic Center, wo die Curling-Wettbewerbe ausgetragen werden. (Foto: City of Vancouver)
Blick in das Paralympic Center, wo die Curling-Wettbewerbe ausgetragen werden. (Foto: City of Vancouver)

Schweizer Leistungen

Die Schweizer Alpinen blieben an den Paralympics in Vancouver in der abschliessenden Super-Kombination (Super G/Slalom) unter den Erwartungen. Einzig Thomas Pfyl (Schwyz) tauchte als Zehnter im Klassement auf.

Einen Tag zuvor hatte der Abfahrtszweite Michael Brügger im Super-G mit Rang 6 als einziger Schweizer eine Spitzenklassierung erreicht. Micha Josi (Adelboden) wurde 22., der zweifache Medaillengewinner Christoph Kunz (Reichenbach) schied nach einem Fahrfehler ebenso aus wie Mitfavorit Pfyl und Hans Pleisch (Saas im Prättigau).

In der Super-Kombination machte es Pfyl besser, bis zum Übergang in den Zielhang lag er sogar auf Medaillenkurs. Als Vierter des Super-G wies er 1,38 Sekunden Vorsprung auf Cameron Rahles-Rhabula (Au) auf, der am Ende Dritter wurde. Pfyl geriet aber in Rücklage, wodurch er die nächsten Tore auf Umwegen anfahren musste und kurz vor dem Ziel beinahe still stand. Statt Bronze wurde es für den zweifachen Medaillengewinner von Turin nur Platz 10.

Fahnenträger Kunz

Mit Gold (Abfahrt) und Silber (Riesenslalom) durch Kunz, der bei der Schlussfeier die Schweizer Fahne trug, sowie Silber (Abfahrt) durch Brügger vermochten die Schweizer Alpinen die Vorgabe zu erfüllen. Deutschland (7/4/4), Kanada (6/4/3), die Slowakei (6/2/3), die USA (3/5/3), Österreich (3/4/4) und Frankreich (1/4/1) lagen in der Nationenwertung vor dem Swiss Paralympic Alpin-Team.

Chef de Mission Ruedi Spitzli zog insgesamt eine positive Bilanz: «Das Ziel wurde erreicht, doch wir werden nicht nur die schwächeren, sondern auch die guten Resultate analysieren müssen. Vor allem gilt es zu hinterfragen, weshalb einzelne Athleten ihre Leistungen abrufen konnten, andere aber nicht an ihre Normalform heran kamen.» Im nordischen Bereich (Langlauf/Biathlon) und Rollstuhl-Curling blieben laut Spitzli die erhofften Exploits aus.

Erwartungen der Alpinen erfüllt

Auch ohne eine weitere Medaillen vermochten die Alpinen die Erwartungen zu erfüllen. Zwei Podestplätze waren von der Teamleitung von der gesamten Delegation gefordert, drei wurden es bisher bei den Skifahrern. Dazu kommen Spitzenränge, die teilweise schwer verdaulich waren. Beispielsweise der vierte Rang von Nadja Baumgartner und Chiarina Sawyer im Slalom. Dass sie nicht die drittbeste Zeit fuhren, müssen sie auf ihre Kappe nehmen. Zuschauer aus der Schweiz sind nach mehrmaligem Studium der Szene jedoch überzeugt, die Bronzegewinner hätten einen Torfehler begangen. Die kritische Situation war der Jury anscheinend bewusst, denn auf Anfrage hiess es, die TV-Bilder belegten, dass alles korrekt verlaufen sei.

Im Vorfeld wurde darauf hingewiesen, es zählten nicht nur Medaillen, sondern es gehe primär darum, die eigene Höchstleistung abzurufen. Hans Pleisch, Pechvogel Karin Fasel oder Micha Josi gelang dies zumindest einmal. Bei Anita Fuhrer stand das Abenteuer Vancouver unter einem besonderen Stern. Sturz in der Schweiz, Krankheit im Athleten Dorf, Vorverlegung der Wettkämpfe, da war ein Exploit nahezu unmöglich.

Luftaufnahme des Paralympic Village in Vancouver. (Foto : City of Vancouver)
Luftaufnahme des Paralympic Village in Vancouver. (Foto : City of Vancouver)

Niveau der andern Europäer

Mit Platz sieben dürfen die Schweizer Rollstuhl-Curler nicht unzufrieden sein. Der 10:4-Sieg im letzten Match lässt das Quintett mit einem positiven letzten Eindruck nach Hause reisen. Nadia Röthlisberger und Sandra Müller sassen am Tag nach Ende der Round Robin bereits um 10.00 Uhr morgens in Whistler auf der Tribüne. „Wir wollen die Schweizer unterstützen. Dann sind wir da, wenn sie fahren und nicht später“, stellten sie unmissverständlich klar und ergänzten, leider hätten sie dem Team anscheinend kein Glück gebracht. Die Aussage galt für die Skifahrer und nicht die abends zum offiziellen Abend anreisenden Curler.

Auf der Tribüne kamen bei strahlendem Sonneschein nochmals die Leistungen der Schweizer in Vancouver zur Sprache. „Wir haben schlechter gespielt als in Prag“, lautete das Fazit von Trainerin Nadia Röthlisberger kurz zusammen gefasst und Sandra Müller pflichtete ihr bei, dass die USA, Kanada und Korea eine Stufe höher gespielt hätten als die andern Nationen. Ein kanadischer Spieler hatte sich allerdings dahin gehend geäussert, mit der Leistung von Prag stünde die Schweiz im Halbfinal.

Blieben sechs Nationen übrig. „Sie waren alle etwa gleich starkund kämpften um den letzten Halbfinal-Platz. Uns fehlten zwei durchaus machbare Siege.“ Das Ergebnis zeige, dass die Schweiz nicht chancenlos gewesen sei und auf dem gleichen Niveau zu curlen vermöge wie die andern Mannschaften. Mit Schweden wurde ein Halbfinalist bezwungen. Der letzte Sieg war vor allem auch für die Aussenwirkung wichtig. Sonst lägen sie auf dem zehnten Platz. Und den Spielern bleibt zum Schluss ein Erfolgserlebnis in Erinnerung. „Aber es gab einen Moment, da musste ich ungewohnt deutliche Worte brauchen“.

Hexenkessel

Ein Blick nach rechts zeigte den beiden Frauen, dass die Tribüne bei den Alpinen jeweils recht gut besetzt war und speziell bei Kanadiern oder Japanern der Lärmpegel anschwoll. „Das ist nichts gegen den Hexenkessel im Curling“, betonen sie und ergänzen, irgendwie brauchten die Amerikaner und Kanadier diese Atmosphäre, die Koreaner wüssten sich nur auf sich selbst zu konzentrieren und die Europäer hätten vom Naturell her Mühe mit einem solchen Publikum, weil sie es sich nicht gewohnt seien. Im international unerfahrenen Schweizer Team sei dies nicht anders gewesen. Und auch der eine oder andere Fehler sei auf den spürbaren Druck gekommen. „Grundsätzlich spielt es keine Rolle, mit welchen Resultat wir verlieren oder gewinnen. Wer im Rückstand liegt, muss riskieren. Dann kann es vermehrt zu Fehlsteinen kommen“, erläutert Nadia Röthlisberger weiter. Für sie dürfte es der letzte internationale Einsatz gewesen sein. Sie wird wohl den bereits angekündigten Rücktritt wegen der zeitlichen Belastung geben. Dadurch verliert der Curling-Sport viel Know how und es wird erneut zu einem Neuaufbau kommen.

Goldmedaillie im Skilanglauf-Sprint: Verena Bentele
Goldmedaillie im Skilanglauf-Sprint: Verena Bentele

International

Historischer Erfolg: Verena Bentele hat bei den paralympischen Winterspielen in Vancouver auch bei ihrem fünften Start die Goldmedaille gewonnen. Am letzten Wettkampftag wurde sie im Skilanglauf-Sprint Erste. Dem deutschen Team bescherte sie damit Platz eins in der Nationenwertung.

Hamburg - Als Verena Bentele nach 1000 Metern die Ziellinie passierte, waren ihre Rivalinnen im Finale des Skilanglauf-Sprints noch nicht auf der letzten Geraden zu sehen. Mit großem Abstand fuhr sie auch bei ihrem fünften Start bei den paralympischen Winterspielen in Vancouver als Erste ins Ziel. Hinter ihr lagen die beiden Russinnen Michalina Lysowa und Ljubow Wasiljewa. "Jetzt muss mich erst mal einer zwicken, damit ich das glaube", sagte die 28-Jährige. "Jetzt wird endlich ausgiebig gefeiert."

Fünf Goldmedaillen in fünf Rennen gelangen außer ihr nur der kanadischen Skifahrerin Lauren Woolstencroft. Zudem bescherte die sehbehinderte Studentin dem deutschen Team mit ihrem historischen Erfolg einen knappen Sieg in der Nationenwertung. Zwar gewann Russland insgesamt mehr Medaillen. Durch Benteles Sieg liegt Deutschland jedoch um eine Goldmedaille vorne. Insgesamt schnitt Deutschland mit 13 Gold-, fünf Silber- und sechs Bronzemedaillen auch deutlich besser ab als in Turin 2006.

Nordisch: Osteuropa

Deutschland, so scheint es, entdeckt sein Herz für den Behindertensport. Vorbei sind die Zeiten, in denen die Medien vor allem über die Schicksale der Athleten berichteten und den Sport nur als Mittel zur Bewältigung des Alltags beschrieben - wenn überhaupt. "Als ich zum ersten Mal bei Paralympics angetreten bin - das war 1992 -, hat sich eigentlich kein Schwein um uns gekümmert", sagt Abfahrer Schönfelder. "Das ist seit ein paar Jahren ganz anders. Die Zuschauer kommen, die Stadien sind gut gefüllt, die Menschen sehen uns nicht mehr als seltsame Exoten an. Wir sind raus aus der Nische."

Doch die Euphorie dieser Tage verdeckt, dass die eigentliche Diskussion über den Stellenwert des Behindertensports gerade erst begonnen hat. Bereits in den ersten Tagen nutzen einige Athleten die öffentliche Bühne, um auf die Ungleichbehandlung gegenüber den nicht behinderten Sportlern aufmerksam zu machen. So machte Fahnenträger Frank Höfle mit einer Generalkritik an der Gesellschaft Schlagzeilen - auch wenn er sich hinterher falsch wiedergegeben fühlte und seine Aussagen einschränkte. "Es gibt in unserer Gesellschaft keine Akzeptanz für Menschen mit Behinderung", wurde er zitiert, und auch andere Athleten schlossen sich zumindest seiner Forderung an, Behindertensportlern mehr finanzielle Unterstützung zu gewähren. 15 000 Euro bekommt ein Olympiasieger von der Deutschen Sporthilfe, ein Paralympics-Gewinner nur 4500 Euro. Auch der Präsident des Deutschen Behindertensport-Verbandes, Julius Beucher, fordert eine Angleichung und kündigte Gespräche an. "Da geht es um ein gemeinsames Finden eines Ergebnisses, das das Missverhältnis von olympischen und paralympischen Prämien auflöst. Über Art, Höhe und Umfang gehe ich natürlich ergebnisoffen in das Gespräch. Nur der Grundsatz ist nicht infrage zu stellen."

Olympische Medaille hat höheren Stellenwert

In die Debatte schaltete sich sogar Speerwurf-Weltmeisterin Steffi Nerius ein, die nach dem Ende ihrer aktiven Karriere in der Behindertensportabteilung bei Bayer Leverkusen arbeitet. Sie sagte der "Rheinischen Post": "Für mich besitzt die olympische Medaille schon noch einen höheren Stellenwert - eben, weil mit Blick auf die Teilnehmerzahl dort eine viel höhere Leistungsdichte herrscht, die Konkurrenz größer und das Niveau stärker ist."

Wahrscheinlich liegt es auch an diesem Punkt, dass Verbandspräsident Beucher nicht begeistert von der Idee einiger Athleten ist, Paralympics und Olympische Spiele künftig gleichzeitig zu veranstalten. "Paralympics im Sommer und im Winter sind Alleinstellungsmerkmale. Zudem ist es organisatorisch gar nicht möglich, beide Veranstaltungen zusammenzulegen", sagte er.

Bilanz aus Sicht der Verantwortlichen

Chef de Mission Ruedi Spitzli zeiht vor den abschliessenden Langlauf-Sprintrennen von Chiara Devittori und Bruno Huber seine persönliche Paralympics- Bilanz.

MyHandicap (MyH):Ruedi Spitzli, sind Sie zufrieden mit der Schweizer Bilanz

Ruedi Spitzli (RS): „Wir setzten uns im Vorfeld zwei Medaillen als Ziel, es wurden insgesamt drei. Die Erwartungen konnten damit erfüllt werden. Doch damit sind die Paralympics nicht zu Ende. Wir werden nicht nur die schlechteren, sondern auch die guten Resultate analysieren müssen. Die Frage wird sich stellen, weshalb manche Athleten ihre Bestform zum richtigen Zeitpunkt abrufen konnten, andere jedoch nicht.“

MyH:Die kritische interne Analyse ist demnach gewährleistet?

RS: „Wir wollen aus den Paralympics in Vancouver für die Spiele in Sotschi die nötigen und richtigen Konsequenzen ziehen. Auch die Teamleitung wird ein Bestandteil sein. Ein erster Meinungsaustausch hat bereits stattgefunden. Über Details sprechen zu wollen, wäre allerdings am Tag der Abschlussfeier zu früh.“

MyH: Können die Athleten davon ausgehen, dass Swiss Paralympic auch Probleme beim IPC anspricht?

RS: „Dies wird der Fall sein. Einige Vorkommnisse bei den Alpinen werden von uns thematisiert. Auch die Selbstherrlichkeit und Unfehlbarkeit einzelner Verantwortlicher.“

Vorbereitung für Sotschi beginnt

MyH: Wann beginnt die Vorbereitung auf Sotschi 2014?

RS: „Am ersten normalen Arbeitstag nach der Rückkehr in die Schweiz. Ab jenem Zeitpunkt muss neben den Sommerspielen in London 2012 auch Sotschi ein Thema sein. Wir wollen im Sommer die Voraussetzungen schaffen, dass bereits im nächsten Winter gezielt auf die Spiele in Russland hingearbeitet werden kann. Es braucht von allen Seiten ein grosses Engagement, um den Kontakt zur Spitze halten zu können.“

MyH: Es sieht so aus, als würden auch künftig weiterhin die Alpinen den Schwerpunkt bilden.

RS: „Das Potenzial ist bei den Alpinen zweifellos grösser als in den andern Sportarten. Dann gehe ich davon aus, dass wir weiterhin ein Curlingteam international noch näher an die Spitze heranzubringen versuchen. Was im nordischen Bereich geschieht, dafür wird ebenfalls die Analyse Anhaltpunkte liefern müssen.“

MyH: Wie haben Sie persönlich die Paralympics in Vancouver erlebt?

RS: „Die Kanadier haben sich mit Herzblut für die Spiele eingesetzt. Ihre Freundlichkeit war über all die Tage hinweg beeindruckend. Ich habe mich hier wohl gefühlt.“

MyH: War es anders als 2008 in Peking?

RS: „Beide Paralympics waren hervorragend organisiert. Für uns war es hier einfacher, weil wir uns ausserhalb des Village selber bewegen konnten, selbst mit den Autos fahren durften. Zudem war die Kommunikation hier in Whistler und Vancouver einfacher.“

MyH: Gab es auch einen Nachteil?

RS: „Die Situation mit einem Athletendorf in Whistler und einem in Vancouver wurde von der Teamleitung teilweise unterschätzt. Dazu kamen die vielen Verschiebungen und Programmänderungen bei den Alpinen, die Termine blockierten und uns zu Umstellungen zwangen. Das war in Peking einfacher, zumal die Wettkämpfe im Sommer normalerweise zu den geplanten Zeiten durchgeführt werden können.“

Text: PG 3/2010

Bilder: zvg

 

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