Rollstuhlplätze ausverkauft!

Menschen mit Behinderung verschaffen sich in Südafrika Gehör (Rike/pixelio.de)

Die ganze Welt blickt auf Südafrika. MyHandicap hat den barrierefreien Feldstecher ausgepackt und betrachtet das Land der Vuvuzela unter dem Aspekt der Behindertenfreundlichkeit.

„Das Spiel Deutschland – Australien war grossartig“, schildert Ari Seirlis den WM-Auftakt der deutschen Nationalelf begeistert. Der nationale Direktor der QuadPara Association of South Africa (QASA) hatte Glück, einen der raren Plätze für Rollstuhlfahrer im Stadion in Durban zu ergattern.

88 Plätze sind im neu gebauten Stadion in Durban rollstuhlgerecht. 340, sprich 0,5 Prozent der vorhandenen 68.000 Plätze, sollten es laut FIFA-Vorschrift sein. Im Loftus Stadion in Pretoria sind nur 12 von 50.000 Plätzen barrierefrei.

Mangelware Rollstuhlplätze

„Sie haben uns nicht genug Plätze gegeben“, beklagt sich Ari Seirlis. Die Nachfrage ist da, aber die Tickets für Rollstuhlfahrer sind seit langem ausverkauft.

„Nicht nur, weil es so wenige Plätze gibt, sondern auch, weil ein Teil der vorhandenen rollstuhlgerechten Plätze irrtümlich an Menschen ohne Mobilitätseinschränkung vergeben wurde“, zeigt Seirlis den Missstand in Sachen Plätze für Rollstuhlfahrer bei der Fussball-Weltmeisterschaft in Südafrika auf.

Ari Seirlis, der nationale Direktor der QuadPara Association of South Africa (QASA), kämpft unter anderem für die Realisierung der Barrierefreiheit der neuen südafrikanischen Stadien (Foto: QASA)

Die niedrige Anzahl an rollstuhlgerechten Plätzen ist aber nicht der einzige Mangel in Sachen Barrierefreiheit der neu gebauten südafrikanischen Stadien. „Alle Stadien haben auch nicht barrierefreie Elemente“, sagt Seirlis. WC-Anlagen, Evakuierungspläne und einige andere Elemente der Stadien entsprechen nicht den nationalen Bauvorschriften.

Für blinde Menschen stehen lediglich 15 Sitze mit Kopfhörer zur Verfügung, um das Spiel durch zusätzlichen Kommentar verfolgen zu können. „Das ist nicht genug“, sagt Ari Seirlis. Einrichtungen für gehörlose Menschen wurden ignoriert. Kommunikationssysteme für nicht hörende Menschen existieren nicht.

Afrikanische Verkehrslösung

Der barrierefreie öffentliche Transport zum Stadion wurde in Kapstadt „afrikanisch“ gelöst. Es wurden ganz einfach die behindertengerechten Fahrzeuge aus dem öffentlichen Stadtverkehr abgezogen und für die Fussball-Weltmeisterschaft eingesetzt. Dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen dadurch zum Beispiel ihren Arbeitsplatz nicht mehr erreichen, ist zu Weltmeisterschaftzeiten offensichtlich zweitrangig.

Ari Seirlis ist enttäuscht über soviel Ignoranz gegenüber Menschen mit Behinderung, den Kampfgeist verliert er dadurch jedoch nicht: „Wir werden nicht aufhören uns zu beschweren, bis diese Stadien zufriedenstellend barrierefrei sind.“

Die QASA hat zu Beginn der FIFA-Fussballweltmeisterschaft ein Infotelefon eingerichtet. Unter 0860ROLLING können Menschen mit Mobilitätseinschränkung sämtliche nötigen Informationen zum „Vorwärtskommen“ in Südafrika erhalten. Die Infohotline wird auch nach der Weltmeisterschaft aktiv bleiben.

Menschen mit Mobilitätseinschränkung wollen auch Tore sehn! Live ist das in den neuen Stadien in Südafrika leider bis jetzt nur sehr eingeschränkt möglich (Rainer Sturm/pixelio.de)

Prävention statt Rehabilitation

In Südafrika herrscht für Menschen mit Behinderung ein anderer Standard als in vielen europäischen Ländern. Wer keine Krankenversicherung hat, erhält vom Staat nur die Basisversorgung. Krankenversichert ist man nur dann, wenn man Arbeit hat. Und das sind unter den Menschen mit Behinderung in Südafrika nur 0,5 Prozent.

Finanziell werden Menschen mit Behinderung ohne Arbeit vom Staat mit 1100 Rand monatlich unterstützt. Das sind ungefähr 120 Euro – viel zu wenig zum Leben. „Behinderte Menschen leiden in Südafrika sehr“, sagt Ari Seirlis.

Ein Schwerpunkt der Arbeit der QuadPara Association of South Africa ist daher die Prävention. „Schnall dich an! Wir wollen keine neuen Mitglieder!“, lautet der Slogan einer Präventionskampagne.

Südafrika verfügt laut Seirlis über sehr gute Rehabilitationskliniken. Diese sind allerdings sehr kostspielig und kaum jemand kann einen Aufenthalt in einer Spezialklinik finanzieren. 

Hilfsmittelversorgung für Arm und Reich

Was die Hilfsmittelversorgung in Südafrika betrifft, werden vom Staat nur die billigsten Produkte finanziert. „Wer es sich leisten kann, finanziert Hilfsmittel von Übersee. Die sind qualitativ hochwertiger und besser entwickelt, als die im kostengünstigen im Land hergestellten Hilfsmittelprodukte“, erklärt der QASA-Direktor.

Auch wenn die neuen Stadien noch nicht ausreichend barrierefreie sind, den Spass an der Fussball-WM lassen sich Menschen mit Behinderung in Südafrika nicht verderben (Dieter Schuetz/pixelio.de)

Das Magazin Rolling Inspiration bietet für Menschen mit Mobilitätseinschränkung Informationen über sämtliche Hilfsmittel, medizinische Versorgung, Sexualität, Rechtsfragen, Reiseinfos und vieles mehr. Es ist das einzige Magazin seiner Art in Afrika. 5500 Menschen lesen das bunte Magazin in Südafrika, Afrika und der ganzen Welt.

Gesetze ja – Umsetzung jein

Südafrika hat die UN-Konvention für die Rechte von behinderten Menschen ratifiziert. „Leider gibt es kein politisches System, das uns erlaubt, diese Rechte zu geniessen. Sehr wenige von den Menschenrechten, die uns von der Gesetzgebung her gegeben wurden, existieren in diesem Land“, erklärt Ari Seirlis die gesetzlichen Situation in Südafrika.

Südafrika ist so bunt wie seine Flagge. „Zum ersten Mal ist dieses Land zur Zeit der Fussballweltmeisterschaft wirklich vereint“, hat mir eine Freundin aus Kapstadt gestern geschrieben. Auf Menschen mit Behinderung wurde bei dieser Vereinigung zwar wenig geachtet, aber sie sind dabei! Dank Menschen wie Ari Seirlis und einer sehr tatkräftigen Lobby.

 

Text: MHA

Fotos: pixelio.de, QASA

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