Auf der Suche nach der Miss Handicap 2010

Die Jury im Gespräch mit einer Kandidatin
Michelle Zimmermann, Sue Bertschy, Adi Küpfer, Yvann Sangsue und Stefanie Weber sassen in der Jury. (Foto: Stefanie Weber)

Am 27. und 28. Mai fand in Bern das Casting zur Miss-Handicap-Wahl 2010 statt. Rund 20 junge Frauen mit Behinderung konnten die Jury vorab schon mit ihren Fotos und Lebensläufen überzeugen. Im Berner Du Théâtre wurden die Schönsten der Schönen nominiert. MyHandicap hat für Sie bei dem Casting reingeschaut.

An einem langen Tisch in dem schön dekorierten Raum, der sonst als Tanzfläche genutzt wird, sitzen die fünf Jurymitglieder und empfangen die Casting-Teilnehmerinnen mit einem freundlichen Lächeln. Michelle Zimmermann, Initiantin der Miss Handicap, stellt erst alle Jurymitglieder vor und erklärt kurz den Ablauf der nächsten 20 Minuten.

Michelle Zimmermann, Initiantin der Miss Handicap-Wahlen, Yvann Sangsue, Sänger und Gewinner des Prix Walo 2009, Sue Bertschy, Paraplegikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Paraplegiker Forschung, Adi Küpfer, ehemaliger DRS3-Moderator und Stefanie Weber, Geschäftspartnerin von Michelle Zimmerman und Eventmanagerin, nehmen die Bewerberinnen genau unter die Lupe.

Der Aufgabe als Miss Handicap gewachsen?

Die jungen Frauen mit Paraplegie, Hör-/Sehbehinderung, Hemiplegie etc. stellen sich erst meist etwas schüchtern, bald aber selbstbewusst und fröhlich den Fragen der Jury.

Diese prüft, ob die Bewerberinnen der verantwortungsvollen Aufgabe gewachsen sind. Sind sie bereit, Menschen mit Behinderungen in der Nicht-behinderten Welt zu vertreten? Können sie Kritik vertragen und ihre Position verteidigen? Die Miss Handicap muss aber auch als Gesamtpersönlichkeit wirken. Und haben die Kandidatinnen überhaupt genug Zeit für ein volles Engagement als Miss im kommenden Jahr? Wäre jede von Ihnen bereit,  spontan z. B. zu einer Gala zu gehen und weiss wie man dort aufzutreten hat?

Yvann Sangsue fragt in charmantem französischem Akzent die 24-jährige Cécile (Zerebrale Parese), ob sie sich eine Homestory mit der Schweizer Illustrierten vorstellen könnte. Die junge Frau bejaht: „Damit man akzeptiert wird, muss man auch rausgehen und sich zeigen!“ Sie definiert jedoch sehr klar die Grenze zwischen „persönlichen“ und „intimen“ Details und lässt so klar erkennen, dass sie mit der Medienpräsenz, der sie als Miss Handicap gegenüberstehen würde, keine Probleme hätte.

Junge Frau mit Blindenführhund
Eine Kandidatin wartet mit ihrem Führhund bis sie an der Reihe ist (Foto: Stefanie Weber)

Gepflegtes Äusseres und eine positive Ausstrahlung

Natürlich spielt das Aussehen auch bei der Miss Handicap-Wahl eine Rolle, jedoch auf einem anderen Level als bei herkömmlichen Misswahlen. Wichtig sind ein gepflegtes Äusseres und eine positive Ausstrahlung. Beides hat die 31-jährige Eliane im Übermass. Sie nimmt alle Jurymitglieder mit ihrem strahlenden Lachen so sehr gefangen, dass diese sie fast nicht mehr gehen lassen wollen.

Eigentlich mag die MS-Patientin keine Misswahlen, aber „diese hier macht Sinn“, da es darum geht, der Welt die Angst und Abneigung vor Menschen mit Behinderung zu nehmen sowie auch den Betroffenen selbst Mut zu machen.

Gepflegt sind sie alle, und alle strahlen unglaublich viel Lebenswille und Kraft aus. Unter den Bewerberinnen ist auch eine junge Frau mit Fazial Parese (Gesichtslähmung). Unpassend für eine Misswahl, könnte man meinen, doch nach 2 Minuten im Gespräch mit der 20-Jährigen, rückt die durch die Lähmung leicht hängende jedoch in keiner Weise entstellte Gesichtshälfte in den Hintergrund und auffallend sind dann nur noch die leuchtenden Augen, als sie gutgelaunt mit der Jury scherzt.

Auf die Antwort, ob sie mit einem Umstyling grundsätzlich einverstanden wären, antworten alle Kandidatinnen mit einem zögerlichen Ja. „Aber nicht zu kurze Haare!“, warnen alle.

Botschaftermission

Die Hauptaufgabe der Miss Handicap wird ihre Rolle als Botschafterin für Menschen mit Behinderung sein. Sie soll sich an öffentlichen Veranstaltungen zeigen und Menschen mit und ohne Behinderung vermitteln, was es heisst mit einer Behinderung zu leben und ihnen deren Belange näher bringen.

„Es schockiert mich immer wieder, dass es bildhübsche junge Frauen gibt, die wegen ihrer Behinderung null Selbstbewusstsein haben!“, erzählt Stefanie Weber. Auch dort soll die Miss Handicap Mut machen.

Dafür braucht es viel Selbstbewusstsein und auch etwas Extrovertiertheit. Auch mit Kritik muss man umgehen können. Sue Bertschy fragt die Bewerberinnen, wie sie reagieren würden, wenn man ihnen zum Beispiel an einem Anlass sagen würde, dass es lächerlich ist eine Misswahl für Behinderte zu veranstalten.

Bertschy schaut sich die Kandidatinnen unter dem Aspekt ihrer Tauglichkeit für die Botschafterrolle an. Als Gründerin der Internetplattform Wheellife weiss sie, was es heisst, anderen ein Vorbild zu sein.

Schild Du Théâtre mit Miss Handicap-Castingschild
Das Casting fand in Bern im Du Théâtre statt (Foto: Stefanie Weber)

Die meisten Bewerberinnen wissen jedoch schon, worauf es ankommt und sind hochmotiviert, der Welt zu zeigen, was man trotz oder gerade mit einer Behinderung alles kann. Auch die 18-Jährige Andrea mit Spina Bifida, die der Miss Handicap-Wahl erst sehr skeptisch gegenüberstand, ist von der Wichtigkeit dieser Aufgabe überzeugt. Sie will andere Menschen mit Behinderung vor allem für den Sport begeistern.

Der zweite Mann in der Jury, Adi Küpfer, ehemaliges Bagatellomitglied ist der einzige, der vor seiner Aufgabe als Mediencoach für die Miss Handicap-Wahl 2009 kaum Bezug zum Thema Behinderung hatte. Erst als Michelle Zimmermann ihn für das Mediencoaching anfragte, beschäftigte er sich eingehend mit dem Thema. Der ehemalige DRS3-Moderator ist tief berührt von den Geschichten der Kandidatinnen. Im Gegensatz zu der eher oberflächlichen Medienwelt (sic!), die er bisher kannte, „gibt hier jeder Satz, jede Tat einem Menschen etwas weiter."

Schwierige Entscheidung

Obwohl sich Michelle Zimmermann freut, „dass so viele Frauen den Mut haben, die Aufgabe als Botschafterin für Menschen mit Behinderung zu übernehmen“, fällt ihr die Entscheidung nicht leicht. Deshalb hat sie dieses Jahr auch fünf Leute in die Jury geholt, die bei der Bewertung jeweils einen Aspekt beachten: Medientauglichkeit/ -bereitschaft, Marketing, physische und psychische Belastbarkeit, Miss-Charakter und Botschafterrolle. „Durch ein neues Punktesystem und fünf verschiedene Meinungen ist es möglich die wichtigen Voraussetzungen gesamthaft und objektiv zu beurteilten“, erklärt Zimmermann.

„Es kommt aber auch aufs Gspüri a“, räumt Zimmermann ein, denn die Geschichten der jungen Frauen berühren alle in der Jury. So darf man umso gespannter sein, welche dieser 20 beeindruckenden Persönlichkeiten an der Wahlnacht auftreten werden. Verdient hätten die den Titel alle!

Text: MPL

Fotos: Stefanie Weber

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