Mit „glühenden Herzen“ nach Vancouver

Die am vergangenen Sonntag zu Ende gegangenen Olympischen Spiele haben die Herzen von Athleten und Zuschauern ganz dem Motto "Glowing Hearts" entsprechend zum Glühen gebracht. Dies wird zweifellos auch bei den am 12. März startenden Paralympics der Fall sein. Mit berechtigten Medaillenhoffnungen reist die Schweizer Delegation an die kanadische Westküste.

Für die Schweiz werden in Vancouver 15 Athletinnen und Athleten in vier der fünf paralympischen Disziplinen an den Start gehen. Vor vier Jahren in Turin umfasste die Schweizer Delegation noch 19 Sportler, in Salt Lake City vor acht Jahren deren 18. Ski Alpin, Langlauf, Biathlon und Rollstuhl-Curling sind die Schweizer Disziplinen. Ein Schlitten-Hockey-Team ist dagegen nicht dabei.

Alpine lassen auf Medaillen hoffen

Das stärkste Team stellen in Vancouver die vom 23-jährigen Thomas Pfyl (Schwyz) und von Michael Brügger angeführten Alpinen. Pfyl war in den Saison 2006/2007 und 2007/2008 Weltcup-Gesamtsieger und stand 2006 in Turin als einziger Schweizer auf dem Podest. Im Slalom gewann der Teilzeit-Büroangestellte (Hemiplegie) damals Silber, im Riesenslalom Bronze.

Medaillenkandidat Michael Brügger

Zum Favoritenkreis zählt bei seiner vierten Paralympics-Teilnahme auch der ebenfalls in der Kategorie „Stehend“ startende Michael Brügger (Plasselb). 2008/09 war der Allrounder (Bein-Prothese) mit WM-Silber (Abfahrt), WM-Bronze (Kombination) und Rang zwei im Gesamtweltcup der erfolgreichste Schweizer Alpine. Über seine Zielsetzungen und Erwartungen äussert sich Brügger im nachfolgenden Interview.

Kunz will in Speed-Disziplinen in die Medaillenränge

Chancen auf einen Podestplatz besitzt aber auch der seit zehn Jahren querschnittgelähmte Adelbodner Christoph Kunz im Monoskibob. Der 2000 mit dem Motorrad verunglückte Bankkaufmann konnte im laufenden Paralympics-Winter bereits eine Weltcupabfahrt gewinnen. Seine Stärken liegen derzeit in den Speed-Disziplinen. An der WM 2009 belegte er die Ränge fünf in der Abfahrt und sechs im Super G. Im Gegensatz zu Brügger und Pfyl, die im Sommer erstmals in Neuseeland trainierten, bereitete sich Christoph Kunz auf den Schweizer Gletschern vor.

Curling: Weltmeister geschlagen

Für das Rollstuhl Curling-Team scheint von einer Medaille bis zu Rang zehn alles möglich. Beim Turniersieg in der tschechischen Hauptstadt Prag schaltete das Quartett um Skip Manfred Bolliger aus dem bernischen Zollikofen im Halbfinal Weltmeister und Kronfavorit Kanada aus und deklassierte danach Norwegen gleich mit 7:1. An den Weltmeisterschaften 2009 - und gleichzeitig der Paralympcis-Hauptprobe - in Vancouver enttäuschte das nicht mehr in der genau gleichen Formation spielende Team noch mit Platz zehn.

Biathlon: Top-10-Klassierungen im Visier

Im Biathlon kann der im Schlitten sitzende doppelt unterschenkelamputierte Bruno Huber aus Bazenheid ebenso auf eine Top 10-Klassierung hoffen, wie die beinamputierte Tessinerin Chiara Devittori aus Comano im Langlauf. Bruno Huber qualifizierte sich für Vancouver mit einem fünften Rang im Weltcup. Chiara Devittori wird nur die Langlauf-Konkurrenzen bestreiten, Bruno Huber startet voraussichtlich sowohl im Langlauf als auch im Biathlon.

Zwei Medaillen als Mindestziel

Der Schweizer Chef de Mission Ruedi Spitzli erhofft sich von den fünf Athletinnen und zehn Athleten neben der Bestätigung der Selektionsrichtlinien zwei Medaillen, eine durchaus realistische Zielsetzung. Die Kosten für die Sportlerinnen und Sportler, die Guide der sehbehinderten Nadja Baumgartner und für die 20 Betreuer belaufen sich auf 315'000 Fr. Diese werden von Swiss Olympic übernommen.

Michael Brügger im Interview

Eine der grössten Schweizer Medaillenhoffnungen ist Michael Brügger, der in Vancouver sowohl in der Abfahrt, als auch im Riesenslalom, Super-G, Slalom und in der Superkombination an den Start geht. MyHandicap hat sich mit ihm im Vorfeld der Paralympics über seine Zielsetzungen, die Bedeutung der Paralympics und über seine berufliche und sportliche Situation unterhalten.

MyHandicap: Michael Brügger, vor 12 Jahren haben Sie in Nagano Ihre erste Paralympics-Medaille gewonnen. Mit welcher Erwartungshaltung reisen Sie an Ihre vierten Paralympics nach Vancouver?

Michael Brügger: Mein Ziel ist ganz klar eine Medaille.

MyH: In welcher Disziplin trauen Sie sich den Medaillengewinn am ehesten zu?

MB: Die grössten Chancen rechne ich mir in meiner Lieblingsdisziplin Abfahrt aus, aber ich denke, ich kann an einem guten Tag in allen Disziplinen aufs Podest fahren.

Ziel: Paralympisches Edelmetall

MyH: Wie sind Sie denn mit dem bisherigen Saisonverlauf zufrieden?

MB: Ich bin zufrieden und habe meine Ziele grösstenteils erreicht. Man muss immer bedenken, dass wir aus der Schweiz mit Thomas Pfyl und mir zwei Fahrer sind, die regelmässig in die Top 10 fahren. Die anderen an der Weltspitze sind allesamt Profis und können sich entsprechend ganz auf ihre sportliche Karriere konzentrieren.

MyH: Im März 2009 haben Sie im Rahmen des Weltcups in Whistler ausgezeichnete Resultate erzielt. Was ist das Spezielle an den Strecken in Whistler?

MB: Die Schneeverhältnisse in Whistler sind anders als in Europa. Aber als wir letztes Jahr dort waren, war es sehr kalt und der Schnee entsprechend griffig. Ich hoffe, es wird auch dieses Jahr wieder so sein. Ich freue mich auf die Rennen, die auf der Frauen-Strecke der Alpin-Bewerbe der Olympischen Spiele stattfinden und im unteren Teil auch mit der Herren-Strecke identisch sind.

Paralympics sind ein einmaliger Anlass

MyH: Was bedeuten Ihnen die Paralympics?

MB: Für mich als Sportler sind die Paralympics natürlich das Grösste. Die Paralympics sind ein einmaliger Anlass und für uns als Athleten eine grosse Chance. In Whistler sind wir an einem Top-Standort und profitieren auf der Strecke und im Olympischen Dorf von einer perfekten Infrastruktur. Die Entwicklung der Paralympics ist grossartig, leider aber ist das Medieninteresse in der Schweiz für die Paralympics bisher eher gering gewesen.

MyH: Was würde dagegen sprechen, die Olympischen Spiele und die Paralympics gleichzeitig stattfinden zu lassen?

MB: Es wäre natürlich besser, wenn alles zusammen stattfinden könnte. Es ist ja alles vorhanden, die Infrastruktur steht und auch die Medien wären bereits vor Ort. Ich könnte mir aber vorstellen, dass der ganze Anlass dann zu lange dauern würde.

MyH: Sie arbeiten als Export-Sachbearbeiter. Wie bringen Sie den Sport und Beruf unter einen Hut, seien es die zahlreichen Abwesenheiten durch den Sport oder auch die finanzielle Belastung?

Mit 15 Jahren Silber

MB: Ich habe dank meinem Arbeitgeber, der Marcel Boschung AG, grosse Freiheiten bei der Ausübung meiner sportlichen Tätigkeiten. Die Firma ermöglicht mir den Bezug der notwendigen Freitage, was sehr wertvoll ist, auch wenn diese Zeit unbezahlt ist. Finanzielle Unterstützung habe ich durch meinen Hauptsponsor, die Roth Gerüste AG, und auch durch meinen Fan Club kann ich finanziell profitieren. Leider reicht das aber nicht, mir fehlen jedes Jahr rund 20‘000 Franken, die ich selber aufbringen muss.

MyH: Welches sind die unvergesslichsten Momente Ihrer bisherigen Karriere?

MB: Ich habe viele schöne Momente erlebt, ein Höhepunkt waren aber sicher meine ersten Paralympics 1998 in Nagano. Damals war ich erst 15-jährig, konnte unbeschwert an die ganze Sache heran gehen und gewann die Silbermedaille im Riesenslalom. Weitere Highlights waren der Weltmeistertitel in der Abfahrt im Jahre 2000 und der 2. Platz in der Weltcup-Gesamtwertung in der vergangenen Saison.

MyH: Sie werden in diesem Jahr 28 Jahre alt und bestreiten bereits ihre vierten Paralympics. Werden Sie auch in vier Jahren in Sotschi noch mit von der Partie sein?

MB: Das steht noch in den Sternen. Vom Alter her könnte ich sicher noch vier Jahre weiter auf diesem Niveau fahren – und möchte dies auch tun. Aber dazu muss sich die finanzielle Lage bessern. Wenn sich an der jetzigen Situation nichts ändert, ist ein Rücktritt nach dieser Saison nicht ausgeschlossen.

MyH: Michael Brügger, besten Dank für das Interview und viel Erfolg bei den Paralympics in Vancouver.

Text: PG

Die Schweizer Delegation in Vancouver:

Ski Alpin

Sitzend: Anita Fuhrer (Horrenbach-Buchen), Christoph Kunz (Reichenbach), Hans Pleisch (Saas i. Prättigau)

Stehend: Michael Brügger (Plasselb), Karin Fasel (Brünisried), Micha Josi (Adelboden), Thomas Pfyl (Schwyz)

Sehbehindert: Nadja Baumgartner (Zollikofen)/Chiarina Sawyer-Hirschi (Bern).


Ski Nordisch

Sitzend: Bruno Huber (Bazenheid) - Chiara Devittori (Comano).


Curling. Rollstuhl

Martin Bieri (Bern), Manfred Bolliger (Zollikofen), Claudia Hüttenmoser (Goldach), Anton Kehrli (Tägertschi), Daniel Meyer (Zollikofen).


Delegationsleitung

Chef de Mission: Ruedi Spitzli (Nottwil)
Chefcoach Alpin/Stv. Chef de Mission: Christoph Bär (Männedorf)
Teamchef: Roger Getzmann (Nottwil)
Teamarzt: Mathias Strupler (Grindelwald/Nottwil)
Sportadministration: Therese Müller (Bern)
Medien: Urs Huwyler (Mosnang)
Swiss Paralympic. Präsident: Dr. Thomas Troger (Nottwil)
Generalsekretärin: Veronika Roos (Ittigen).

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