Paralympics der Rekorde in Vancouver

Nur 12 Tage, nachdem das olympische Feuer erloschen ist, beginnen in der kanadischen Metropole Vancouver die 10. Paralympic Games. Auf den Olympia-Anlagen von Vancouver und Whistler stehen an neun Wettkampftagen 64 Entscheidungen in fünf Sportarten auf dem Programm.

Die Sportwelt steht nach den Olympischen Spielen vor dem nächsten Grossereignis: Eine Rekordzahl von 600 Athletinnen und Athleten aus 43 Nationen geht zwischen dem 12. und 21. März 2010 in verschiedenen Leistungsklassen in den Disziplinen Ski Alpin, Langlauf, Biathlon, Rollstuhl-Curling und Schlitten-Eishockey (Sledge-Eishockey) an den Start.

Der bisherige Rekord wurde 1998 im japanischen Nagano aufgestellt, als 571 Sportlerinnen und Sportler aus 32 Ländern am Start waren. Die deutsche Delegation umfasst 20 Athletinnen und Athleten, aus der Schweiz reisen 15 Sportler nach Nordamerika. Insgesamt werden in der Region an der Westküste des Kontinents 1350 Athletinnen und Athleten, Guides, Trainer und Offizielle, bis zu 5000 freiwillige Helfer und eine Rekordzahl von bis zu 1500 Medienvertretern zugegen sein.

Olympische Dörfer in Vancouver und Whistler

Die Delegationen aus den verschiedenen Ländern sind in zwei paralympischen Dörfern in Whistler und in Vancouver untergebracht. In Whistler stehen die alpinen und nordischen Bewerbe auf dem Programm, drei der fünf Wintersportarten tragen also ihre Wettkämpfe hier aus und die Schlussfeier der Paralympics 2010 geht ebenfalls in Whistler über die Bühne.

Ab dem 13. März 2010 gilt es in Whistler Creek für die Skifahrer und Skifahrerinnen ernst, gleichzeitig machen sich die Biathleten im Whistler Paralympic Park im Callaghan Valley auf Medaillenjagd. Die Langläufer starten mit ihren Wettkämpfen ebenfalls im Callaghan Valley einen Tag später.

Kanadische Begeisterung für Hockey und Curling

Vancouver – das als dritte kanadische Stadt nach Montreal 1976 und Calgary 1988 paralympische Spiele durchführt - ist der Schauplatz der Curling und Schlitten-Eishockey-Wettbewerbe. Während im BC Place Stadium die Eröffnungsfeier stattfindet, werden die Sledge-Eishockey-Spiele in der UBC Thunderbird Arena der Universität von British Columbia ausgetragen.

Die Spiele im Rollstuhl-Curling finden im Vancouver Paralympic-Center statt. Die Halle bietet 5600 Zuschauern – so viel wie noch nie an den Paralympics – Platz. Die Entscheidungen im Sledge-Eishockey sind bei den Eishockey-begeisterten Kanadiern besonders gefragt. Die Tickets für die Halbfinals und das Endspiel waren bereits vor einem Jahr ausverkauft.

Interessante Varianten bekannter Sportarten

Die Athletinnen und Athleten in den alpinen und nordischen Disziplinen werden in den drei Behinderungs-Kategorien „sitzend“ für Rollstuhlfahrer, „stehend“ und „sehbehindert“ eingeteilt. Bekannte Sportarten werden bei den Paralympics wieder in interessanten Varianten zu sehen sein: Sehbehinderte Skiläufer starten mit Begleitern und Biathlon-Sportler tragen ihr Gewehr nicht auf dem Rücken, sondern nehmen es erst am Schiesssstand auf. Sehbehinderte zielen dann nach einem akustischen Signal.

Die gehbehinderten Eishockeyspieler wiederum sitzen auf Schlitten und verfügen zur Fortbewegung zwei kleine Stücke mit Spikes. Die Teams bestehen entweder aus 15 Männern oder aus bis zu 16 Mitgliedern, wenn mindestens eines davon eine Frau ist. Und unter den fünf Curlern jedes Teams müssen sich jeweils mindestens ein Mann und eine Frau befinden.

Premiere 1976 in Schweden

Wie die Sommerspiele haben auch die Winterspiele der Paralympics eine enorme Entwicklung hinter sich. 16 Jahre nach den ersten Sommerspielen in Rom fanden 1976 in Schweden die ersten Paralympischen Spiele im Winter statt, mit Athletinnen und Athleten aus nur gerade 16 Nationen und auch nur in zwei Sportarten.

Enorme Entwicklung

Wenn die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit auch nicht mit den Olympischen Spielen vergleichbar ist, so haben die Paralympics in den letzten zwei Jahrzehnten doch enorme Entwicklungsschritte getan. Seit Albertville 1992 werden die Paralympics immer kurz nach den Olympischen Spielen am gleichen Ort ausgetragen.

2001 wurde eine weiterführende Vereinbarung unterzeichnet, dank welcher die Synergien auf allen Ebenen und speziell im sporttechnischen Bereich sinnvoll genutzt werden. Auch wenn der Aufwand und die Logistik noch einmal viel grösser würden – gegen eine gemeinsame Austragung der Spiele würde eigentlich nichts sprechen, zeigt sich auch Dr. Albert Frieder, Geschäftsführer der Stiftung MyHandicap und ehemaliger Präsident des Swiss Paralympic Committee SPC, überzeugt.

Paralympics brauchen sich nicht zu verstecken

Wer weiss, vielleicht wird eines Tages wirklich so weit sein. Dies ist aber nicht das oberste Ziel, welches das International Paralympic Committee IPC verfolgt. IPC-Präsident Sir Phil Craven wird nicht müde zu betonen, dass die Paralympics ihre eigene Identität haben und sich neben den Olympischen Spielen nicht zu verstecken brauchen.

Vor allem die Paralympics vor zwei Jahren in Peking haben die riesigen Entwicklungsschritte, nicht nur bezüglich Grösse, sondern auch hinsichtlich der Barrierefreiheit von Sportstätten und olympischem Dorf, aufgezeigt. Und diese Entwicklung soll weiter gehen: "We are young, we are ready for action and for moving forward!" ("Wir sind jung, wir sind handlungsbereit und bereit, weiter nach vorn zu kommen!") – erklärte Craven im vergangenen Jahr anlässlich einer Veranstaltung zum 20. Geburtstag des IPC in Bonn, wo die Organisation ihren Hauptsitz hat.

Dr. Albert E. Frieder, ehemaliger Präsident des Swiss Paralympic Comitee, im Interview (Foto: MyHandicap)

Interview mit Dr. Albert Frieder

Über die Entwicklung der Paralympics und die Faszination des paralympischen Sports hat sich MyHandicap mit Dr. Albert E. Frieder unterhalten, dem Geschäftsführer der Stiftung MyHandicap und ehemaligen Präsidenten des Swiss Paralympic Committee.

MyHandicap: Herr Frieder, was macht für Sie die Faszination der Paralympics aus?

Dr. Albert E. Frieder: Die Paralympics zeigen, zu was Menschen mit Behinderung fähig sind. Der Fokus liegt auf den „Abilities“ und nicht auf den „Disabilities“.

MyH: Wie die Sommer-Paralympics haben auch die Winter-Paralympics eine rasende Entwicklung hinter sich. Wo sehen Sie die Hauptgründe für diese Entwicklung?

AF: Sie widerspiegelt die Entwicklung der Olympics und des Spitzensports im Allgemeinen.

MyH: Wie hat sich das seit den letzten Spielen in Turin eingeführte "Handicap"-System in den Einzelsportarten Ski alpin, Skilanglauf und Biathlon bewährt?

AF: Dazu haben die Spitzensportler, je nach Behinderung, naturgemäss unterschiedliche Ansichten. Das Ziel einer gewissen Wettbewerbsgleichheit ist sicher richtig.

Unterschiedliche Ansichten zum "Handicap"-System

MyH: Welchen Einfluss auf den gesteigerten Stellenwert haben die mittlerweile aufwändig produzierten Fernsehübertragungen, die Berichterstattung in den verschiedenen Online-Kanälen oder neue Vermarktungskonzepte?

AF: Der Einfluss ist selbstverständlich gross – die damit verbundenen neuen Herausforderungen und Chancen für die Sportler und deren Umfeld allerdings auch.

MyH: Durch die Zusammenlegung der Austragungsorte und die zeitliche Nähe der Olympischen Spiele und der Paralympics hat der Behindertensport eine Aufwertung erfahren. Was spricht eigentlich dagegen, die Bewerbe gleichzeitig auszutragen?

AF: Nichts. Logistisch wäre die Herausforderung für die Austragungsorte allerdings noch anspruchsvoller.

Paralympische und olympische Spiele gleichzeitig austragen? Ja!

MyH: Trotz der positiven Entwicklung der letzten Jahre ist der Hochleistungssport von Athleten mit Behinderungen in der Öffentlichkeit noch nicht gleichwertig anerkannt wie die Leistungen nichtbehinderter Sportler. Wie lässt sich das ändern?

AF: Indem man das Augenmerk und die Vermarktung auf die Fähigkeiten der Sportler ausrichtet – wen interessierts, was Didier Défago (Olympiasieger in der alpinen Abfahrt, Anm. der Red.) nicht kann und bei seinem Sieg falsch gemacht hat? Genauso ist es bei Sportlern wie Michi Brügger und Thomas Pfyl.

MyH: Im Behindertensport hat sich in den letzten Jahres vieles professionalisiert und das sportliche Niveau steigt von Jahr zu Jahr. Wie schwierig ist es heute für Amateure gegen Profisportler, wie sie vor allem aus osteuropäischen Staaten kommen, zu bestehen?

AF: Der Unterschied in den Voraussetzungen für Sportler ost- und westeuropäischer Herkunft war früher grösser. Auch die Spitzen-Behindertensportler sind heute keine reinen Amateure mehr. Sponsoren, Gönner, Arbeitgeber und Staat leisten da ihren Beitrag.

MyH: Wie beurteilen Sie generell den Stellenwert des Sports mit Handicap in Deutschland und in der Schweiz?

AF: Der Stellenwert erhöht sich, unterstützt durch die Medien, laufend. Es wird in Zukunft aber auch darum gehen, attraktive behindertensportspezifische Sportarten medial weiter zu entwickeln, welche der Nichtbehindertensport nicht bieten kann – wie z.B. Handbike- und Rollstuhlwettbewerbe.

MyH: Welche Unterstützung leistet das Swiss Paralympic Committee für eine erfolgreiche Teilnahme von der körper- und sehbehinderten Sportlerinnen und Sportlern an den Paralympics und eine Sportlerkarriere generell?

AF: Die Teilnahme an den Paralympics wird heute durch Swiss Olympic finanziert – Planung und Budgetierung erfolgen gemeinsam. Der Beitrag des Swiss Paralympic Committee (heute Swiss Paralympic) ist (zu) gering und dessen personelle Vertreter in Politik, Wirtschaft und Sport leider ohne jeglichen Einfluss.

MyH: Swiss Olympic und das Swiss Paralympic Committee haben ihre Zusammenarbeit im Hinblick auf die Grossereignisse wie die Paralympics intensiviert. Wo wurden die grössten Fortschritte erzielt, wovon kann die Schweizer Paralympics-Delegation profitieren?

AF: In der heute gemeinsamen Planung und Durchführung der olympischen und paralympischen Missionen bestand wohl mein grösster Beitrag an die Neupositionierung der paralympischen Bewegung. Die Entwicklung ist selbstverständlich nicht abgeschlossen.

Hartes marktwirtschaftliches Umfeld

MyH: Was kann am Fördersystem in der Schweiz verbessert werden?

AF: Auch der Behindertensport hat sich heute in einem harten marktwirtschaftlichen Umfeld durchzusetzen. Die Gremien der Behindertensport- und Paralympicverbände sind heute noch mit Funktionären besetzt, die in Politik, Wirtschaft, Behörden und Sport über keinerlei Netzwerk verfügen – in diesem Sinne kann man von Fehlbesetzungen zu Ungunsten der behinderten Sportler sprechen.

Die Mehrzahl der Vorstände kann Ihnen nicht mal die für den Behindertensport massgeblichen Politiker, Wirtschaftsvertreter, Bundesamtsverantwortlichen oder gar die eigenen erfolgreichen Spitzensportler namentlich nennen. Vor diesem Hintergrund ein Fördersystem zu diskutieren ist wohl müssig. Die Professionalität der Sportler ist glücklicherweise auf einem weit besseren Stand.

MyH: Herr Frieder, vielen Dank für das Interview!

Zur Person:
Dr. Albert E. Frieder ist Geschäftsführer der Stiftung MyHandicap und Fachrat des Center for Disability and Integration der Universität St.Gallen(HSG). Er hat 30 Jahre Erfahrung in der Leitung renommierter, internationaler Management-Consulting-Unternehmen sowie im Business-, Corporate- und Management-Development von Firmen, Organisationen und Behörden.

Er war unter anderem Vorsitzender der Geschäftsleitung des Malik Management Zentrums St.Gallen und des Schweizerischen Dachverbandes für Behindertensport (PLUSPORT) und präsidierte das Swiss Paralympic Committee.

Text: PG - 02/2010

Fotos: MyHandicap

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