Anleitung zum perfekten Weihnachtsstreit

Ein Schokoweihnachtsmann, der böse dreinschaut. Daneben seine Freunde, die schon in Schokoscherben liegen.
Keine Schonung für den Weihnachtsmann! Lassen Sie es am Heiligen Abend so richtig krachen! (Bernd Poscolo/pixelio.de)

Endlich ist er da! Der lang herbeigesehnte Tag des Streits: Weihnachten! Wir verraten Ihnen Tipps und Tricks, wie auch Sie an Weihnachten einen perfekten Streit inszenieren können.

Hopp, hopp! Los, beeilen Sie sich! Hetzen Sie schnell in die Stadt und besorgen Sie noch ein paar Geschenke! Sie haben schon genug? Kann nicht sein! Kurbeln Sie Ihren Blutdruck noch einmal ordentlich an, regen Sie sich beim Anstellen so richtig auf. Geben Sie alles! Das bringt Sie in Schwung, das heizt Sie richtig an für einen gelungenen Weihnachtsstreit.

Ihre Nerven sind kahl, liegen völlig blank? Sehr gut! Sie sind bereit für den internationalen Tag des Streits!

Weihnachten muss perfekt sein

Hoffentlich haben Sie bereits im Vorfeld Vorkehrungen für einen der wunderschönsten Streits Ihres Lebens getroffen und Verwandte eingeladen, die ordentlich für Zündstoff sorgen. Solche unbeliebten Gäste sind ein Garant für ein Streitfeuerwerk unter dem Weihnachtsbaum.

Noch sind die Gäste nicht da. Vor Ihnen liegt das Finale der Vorbereitungen. Lassen Sie sich nicht einreden, dass dieser Tag nicht perfekt werden müsse! „Projizieren Sie alle Ihre Erwartungen an Ihre Liebsten auf diesen einen Tag! Das kann Weihnachten nicht halten. Ihre Enttäuschung und Streit sind vorprogrammiert“, rät Diplompsychologe Tim Glogner als Grundvoraussetzung für einen stimmungsgeladenen Streitabend.

Malen Sie sich die Situation immer wieder aus: „Flocken schweben beim von Kerzenschein erleuchteten Fenster vorbei, die Familie sitzt heimelig beim Festmahl, alle loben das Essen in dreigestrichenen Tönen. Sie und Ihre Lieben sind erfüllt von Liebe und Geborgenheit. Exakt so muss es werden. Und dann überreicht Ihnen Ihr Partner auch noch genau das Geschenk, das Sie sich insgeheim so sehnlich von ihm gewünscht haben.

Viele goldene Geschenkspäckchen
Haben Sie hohe Erwartungen an Ihre Geschenke. Sagen Sie deutlich, wenn Sie nicht zufrieden sind! (Rainer Sturm/pixelio.de)

Nicht zurückstecken

Das Essen duftet, der Tisch ist gedeckt und lieblichst dekoriert, Ihr Outfit sitzt perfekt. Es klingelt! Die Gäste sind da. Sie weisen jedem einen Platz zu. Denn es muss alles so sein, wie Sie sich das wünschen. Ruth möchte sich auf einen anderen Platz setzen. Lassen Sie das bloss nicht zu! „Stecken Sie nicht zurück“, rät Psychologe Tim Glogner allen, die am Heiligen Abend so richtig die Fetzen fliegen sehen wollen.

Merken Sie schon das Knistern? Ja! Auch Ihre Gäste sind vom vorweihnachtlichen Stress aufgeladen! Toll! Nehmen Sie Ihnen nicht die Spannung! Häufen Sie das Essen schön auf die Teller Ihrer Lieben. Keuchen Sie dabei ein paarmal, aber lassen Sie sich bitte keine Arbeit abnehmen. Falls jemand etwas übrig lässt, seien Sie beleidigt. Das ist Ihr gutes Recht als Gastgeber.

Jammern Sie zwischendurch ein bisschen, wie stressig das Kochen für Sie war. Aber lassen Sie sich bitte nicht helfen! Machen Sie ihren Gästen ein schlechtes Gewissen, das heizt sie auf.

Reizthemen ansprechen

Theo weiß offensichtlich auch, wie man zu einem guten Weihnachtsstreit beiträgt und zündet sich ganz lässig eine Zigarette an. An einem Nichtrauchertisch ist das Zünden einer Zigarette wie das Abwerfen einer kleinen Bombe. Jetzt beginnt es richtig zu brodeln. Die Gäste husten und fächeln sich Sauerstoff mit ihren Servietten zu. Nun ist es wichtig, den Alkoholkonsum ordentlich anzukurbeln. Die Zunge muss locker werden, die Runde enthemmt.

Endlich wirkt der Alkohol und Tante Grete traut sich die allesentscheidenden Eröffnungsfragen des Weihnachtsstreits 2010 zu stellen: „Ruth, wie geht es euch denn mit eurem Haus? Habt ihr noch immer so viele Schulden? Ach Theo, ihr solltet heiraten, da würdet ihr finanziell viel besser dastehen. Und dein Job, Theo, machst du den immer noch? Diese unterbezahlte Hilfsarbeit?“ Tante Grete hat den Dreh raus.

Ruth hüstelt und kämpft mit den Tränen. Tante Grete weiss, dass Ruth seit Jahren auf einen Heiratsantrag von Theo wartet. Und Theo wird purpurrot, weil er sich für seinen Job schämt und auch für seine Schulden. Aber Ruth und Theo wissen genau, mit welchen Fragenwaffen sie Tante Grete schlagen können: „Und du, Tante Grete, hast du es endlich geschafft, ein Grab im Waldfriedhof zu bekommen?“ Bravo! Die Runde ist in Stimmung gekommen!

„Das Stichwort für einen gelungenen Weihnachtsstreit lautet: Reizthemen ansprechen!“, bestätigt Glogner die Taktik der Gäste.

Ein Teller mit selbstgebackenen Plätzchen
Ziehen Sie alle Streitregister, damit Ihren Gästen die Plätzchen im Hals stecken bleiben (Gänseblümchen/pixelio.de)

Kritik üben

Dass sich Ihre Lieben über das zu kalte Essen mokieren und den Wein nur mit einem Nasenrümpfen zur Kenntnis nehmen, kränkt Sie und macht Sie wütend.

Rächen Sie sich für diesen Undank! Bei der Nachspeise geben Sie jedem besonders viel auf den Teller und spritzen noch ordentlich Schokoladesauce drüber. Diese frechen Gäste sollen sich richtig ärgern, dass sie so gemästet werden!

Das Weihnachtsessen ist geschafft und die illuminierte Runde wankt zum Christbaum. Die Erwartungen aller an die Geschenke sind extrem hoch. Schließlich schenkt man sich ja nur ein paar Mal im Jahr etwas. Kostspielig, persönlich und wertschätzend, das sind die Ansprüche, die Sie und Ihre Gäste an die Geschenke stellen.

Tante Grete bekommt einen Fusssack mit Wärmefunktion. „Kann man den zurückgeben? Könnte ich die Rechnung haben?“, sagt Tante Grete nüchtern. Ruth bekommt von Theo ein Glätteisen für die Haare. „Ich weiss schon, was ich damit glatt machen werde“, faucht sie Theo an. „Das hast du dir doch gewünscht“, sagt Theo provokant. „Ja, aber als kleine Aufmerksamkeit zu einem Monatstag“, schreit Ruth zurück: „Doch nicht an Weihnachten, wo andere Männer, die ihre Partnerinnen wirklich lieben, Verlobungsringe auf Knien rutschend überreichen!“

Streiten bis zur Erschöpfung

Der Streitabend verläuft perfekt. Alle sitzen vollkommen aufgelöst unter dem Weihnachtsbaum. Theo holt die Schnapsflasche und Sie Ihre Gitarre. „Singen wir zum Abschluss noch alle Stille Nacht zusammen“, schlagen Sie vor und zupfen die Saiten Ihrer seit zehn Jahren nicht mehr gestimmten Gitarre an. Erschöpft stimmen die Gäste ein. Ruhe macht sich breit. Der Blutdruck der Gäste geht nach unten und alle sind zufrieden. Was für ein wunderschöner Weihnachtsstreitabend!

So einen perfekten Weihnachtsstreit können Sie auch erleben! Nehmen Sie sich an den Protagonisten unserer kleinen Geschichte ein Beispiel! Stecken Sie nie zurück, gehen Sie keine Kompromisse ein, hängen Sie sich an Kleinigkeiten auf, hacken Sie nach, sprechen Sie Reizthemen an, erwarten Sie alles von diesem Tag und vor allem: Verlieren Sie bitte nie Ihren Humor!

 

PS: Falls Sie zu jenen Menschen gehören, die Weihnachten lieber in Frieden als im Streit verbringen, drehen Sie unsere Geschichte um 180 Grad und stehen Sie sich und einem besinnlichen Weihnachtsfest nicht im Wege. Frohe Weihnachten wünscht Ihnen und Ihren Lieben das MyHandicap-Team!

 

Text: MHA - 12/2010

Fotos: pixelio.de

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