TV: Menschen mit geistiger Behinderung führen eine Badeanstalt

Das Schweizer Fernsehen (SF) will  diesen Sommer eine siebenteilige „Doku-Soap“ mit Menschen mit geistiger Behinderung ausstrahlen. Die Protagonisten führen zusammen mit Nicht-Behinderten eine Badeanstalt, vermutlich in Schaffhausen. Die Soap wird in Schweiz schon jetzt kontrovers diskutiert.

Die acht bis zehn Personen sollen eine Badeanstalt betreiben, mit allem was dazu gehört. Das heisst, sich um die Verpflegung der Gäste kümmern, Eintritt kassieren und sogar das Unterhaltungsprogramm organisieren.

Die Sendungen werden von der holländischen Firma Endemol produziert, die schon Big Brother und ähnliche Sendungen kreiert hat.

„Wir sind uns bewusst, dass es schwierig sein wird, mit Behinderten unverkrampft und gleichzeitig respektvoll umzugehen“, gesteht Ueli Haldimann, SF-Fernsehdirektor. Deshalb steht Pro Infirmis den Produzenten als Berater zur Seite. Auch dort ist man vorsichtig: „Behinderte dürfen nicht als Kasperlis missbraucht werden.“, so Mark Zumbühl, Berater von Pro Infirmis.

Dass die Entwickler den Rat der Pro Infirmis suchen, zeige jedoch, dass sie die Sache ernst nähmen.

Ethisch vertretbar?

Seit der Veröffentlichung des Artikels in der Schweizer „Sonntagszeitung“ vom 14. März, der über das Fernsehprojekt informierte, wird in der Schweiz heftig über die ethische Machbarkeit dieser Sendung diskutiert.

Einerseits wird befürchtet, dass die Protagonisten in einer „Container-Sendung“ nur der allgemeinen Belustigung dienen könnten. Andererseits wird die Offenheit des SF und der Mut, dieses Tabu zu brechen, begrüsst.

Während sich die Leute in Online-Foren und Leserbriefen die Finger wund schreiben, scheinen sich die Protagonisten ihrer Sache ganz sicher zu sein. “This is our world and we want to share it with you! (dt.: Das ist unsere Welt und wir wollen sie mit euch teilen!)” so die Protagonisten von “The Specials”, eines ähnlichen Formats aus England, das den Alltag von fünf Menschen mit Down-Syndrom in ihrer eigenen WG zeigt.

 Es ist durchaus nicht das erste Mal, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung in der Öffentlichkeit auftreten. United Colors of Benetton machte bereits in den 90ern Werbung mit Models mit Down-Syndrom.

Auszüge aus der Sendung „Cyrill trifft“ schafften es 2003 sogar ins Kino. Cyrill, auch mit Down-Syndrom, interviewte berühmte Persönlichkeiten und entführte die Zuschauer in die Welt, wie er sie sieht. Die Kritik auf der Schweizer Website www.cineman.ch fasst die Sendung charmant zusammen: „Cyrill trifft Prominente. Und uns ins Herz.“

Dennoch findet SVP-Ständerat Maximilian Reimann es „ethisch fragwürdig, wenn man Leute in den Mittelpunkt stellt, die in ihrer Zurechnungsfähigkeit beeinträchtigt sind.“ Die Protagonisten von The Specials scheinen jedoch kaum „in ihrer Zurechnungsfähigkeit“ eingeschränkt zu sein und verblüffen die Zuschauer mit einer Selbstständigkeit, die so gar nicht dem Bild entspricht, das viele von Menschen mit geistiger Behinderung haben.

Barbara Camenzind, Sprecherin von Insieme21, ist der Meinung, dass „Leute mit Down-Syndrom grossartige Unterhalter sind. Wichtig ist aber, dass die Teilnehmer nicht zur Belustigung der Zuschauer dienen.“ Trotz aller Skepsis gegenüber dem neuen TV-Format findet auch Mark Zumbühl: „Behinderte wurden lange genug versteckt!“ Die geselligen Menschen mit Down-Syndrom in der Öffentlichkeit zu sehen, sei die beste Integration, findet er.

Geschmackvolle Sendung

Die Ausstrahlung der Sendung dürfte feststehen, Diskussion hin oder her. Die Diskussion dürfte die zukünftige Zuschauerzahl sogar noch steigern. Das SF hat schon andere umstrittene Sendeformate in Angriff genommen, das Feedback war bisher immer positiv.

Bei dieser Dokumentation wird allerdings wichtig sein, dass die Sendung geschmackvoll bleibt und die Protagonisten nicht als Kasperli missbraucht werden. Ihre Würde muss bewahrt bleiben.

Die Sendung darf nicht zur Befriedigung eines „Behinderten-Voyeurismus“ dienen, sondern einen Einblick in eine Welt geben, in die wir sonst nur sehr selten, wenn überhaupt, Einblick haben. Dadurch können Vorurteile abgebaut werden. „Es geht darum, Behinderten auf Augenhöhe zu begegnen“, so Programmentwickler Urs Fitze.

Sendung abwarten

Da das SF ausser diesem einen Artikel in der Sonntagszeitung noch keine weiteren Details zur Sendung veröffentlicht hat, bleibt Skeptikern wie Befürwortern nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis sie sich ab dem 5. Juli, jeweils montags um 21Uhr selbst von der ethisch korrekt oder inkorrekten Umsetzung dieser Idee überzeugen können. Gross ist die Hoffnung, dass die Pro Infirmis gute Beratungsarbeit leistet, bzw. dass Endemol sich diesen Rat auch zu Herzen nimmt, allerdings auf beiden Seiten.

MyHandicap wird sich die Sendung auf jeden Fall ansehen und wir sind auch gespannt auf Eure Reaktionen.

Text: MPL - 5/10

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