Neues von der RehaCare 2009

Die weltweit grösste Fachmesse dieser Art
Überdimensional: Das Logo der RehaCare (Foto: TMI)

Die internationale Fachmesse für Menschen mit Behinderungen fand vom 14. bis 17. Oktober 2009 in Düsseldorf statt. MyHandicap-Mitarbeiter Thomas Mitterhuber besuchte sie einen Tag lang.

Trotz des Boykotts mancher grosser Hersteller wie Sunrise Medical oder Össur – ihnen ist der alljährige Messenturnus zu häufig, weswegen sie nur alle zwei Jahre auf die RehaCare kommen – wurde die Messe immer noch gut besucht und es gab wieder eine Breite wie Fülle von Ausstellern. So hatte ich anfangs leichte Probleme, mich zu orientieren: „Bin ich jetzt schon in der Wohn(t)raum-Ecke?“

Das war auch eines der Specials der RehaCare2009: Der Wohn(t)raum. Ich hatte zu diesem Thema einen deutlich von den anderen Ausstellern abgegrenzten Bereich erwartet. Weil dem nicht so war, bemerkte ich den Themenpark erst, als ich bereits mittendrin war. Hier gab es allerdings meistens Altbekanntes zu sehen.

SANIKU bietet auch Wannen mit integriertem Lift und ebenerdige Duschen an
Die barrierefreie Badewanne von SANIKU mit Einstiegstüre (Foto: SANIKU)

Barrierefreie Wannen und Duschen

Im Sanitätsbereich fiel mir jedoch SANIKU durch edles Design auf. Dieses Unternehmen bietet Badewannen mit integrierter Liftfunktion an. Mit Hilfe dieses entweder strom- oder batteriebetriebenen Lifts können sich Rollstuhlfahrer auf Niveau des Wannenrandes direkt auf den Sitz umsetzen. SANIKU-Wannen können auch mit einem barrierefreien Seiteneinstieg oder als Wanne-Dusche-Kombination geliefert werden.

SANIKU-Duschen sind ebenerdig und mit stabilen Glastüren ausgestattet, welche nach aussen geöffnet werden können – für mehr Platz. Bei der Diviso-Serie können die Glastüren sogar in der Mitte horizontal geteilt werden. Einfach die oberen Teile nach aussen falten und schon sind Eltern behinderter Kinder oder Pflegekräfte vor Spritzwasser verschont. Laut dem freundlichen Herrn am Stand übernimmt die Krankenkasse die Kosten.

Die Standfestigkeit kann in drei unterschiedlichen Modi manuell umgestellt werden
Dem menschlichen Fusse nachempfunden: Der 1M10 Adjust von Otto Bock (Foto: TMI)

Weltgrösste Messe für Rollstuhlfahrer

Prothesenprimus Otto Bock war recht grossflächig auf der RehaCare vertreten – was vermutlich deren Marktführerschaft widerspiegeln sollte. Dieses Jahr wurde bei den Prothesen eine Neuheit vorgestellt: der Prothesenfuss „1M10 Adjust“, konzipiert für Menschen mit Mobilitätsgraden 1 und 2. Dabei wurde insbesondere beim Fersenauftritt sowie bei der Zehenablösung möglichst viel vom biologischen Vorbild abgeschaut. Hier kann durch schnelles manuelles Umstellen „die Fersencharakteristik“ in drei unterschiedlichen Standfestigkeitsgraden justiert werden. Deren Markteinführung ist am 1.11.2009, also in wenigen Wochen geplant.

Im Otto-Bock-Rollstuhlsektor konnte man einen Rollstuhlsimulator testen. Laut Anfrage sei dieser „eher zum Ausprobieren“ da. Es sei jedoch ein Trainingsprogramm für Menschen, die frisch oder bald im Rollstuhl sitzen, geplant. Ansonsten gab es dort wenig Neues. Man deutete jedoch an, dass für die RehaCare 2010 zwei Neuheiten geplant seien und zwar ein Aktiv- sowie ein Elektrorollstuhl. Auch an einer innovativen Armprothese – DynamicHands – arbeite man derzeit. Da darf man gespannt sein.

Mit dem neuen Schiebe- und Bremssystem von AAT ist selbst ein Gesamtgewicht bis zu 300 kg kein Hindernis mehr
Das 300kg-Gewicht fällt einem gleich ins Auge (Foto: TMI)

Dreihundert Kilo in Fahrt!

Mit einem grossen 300-Kilo-Gewicht auf einem extrabreiten Rollstuhl wurde aufmerksamkeitsstark die neue Schiebe- und Bremshilfe namens v-max+ von AAT vorgestellt. So können selbst Rollstühle mit überdurchschnittlich schweren Menschen mit wenig Kraftaufwand angeschoben werden und bei Gefällen wird automatisch und sicher abgebremst.

Bisher bot AAT diesen laut Herstellerangabe „auf fast jeden Rollstuhl montierbaren“ elektrischen Zusatzantrieb für Rollstühle für bis zu 200 Kilo Gesamtgewicht (Person, Rollstuhl, v-max) an. In gut einem halben Jahr kommt der neue v-max+ für Rollstühle mit einer Sitzbreite zwischen 60 und 85 cm und bis zu 300 Kilo Gesamtgewicht auf den Markt.

Mit diesem Slogan wird geworben: "Du rufst, unser Kenguru springt!"
Für den Kenguru reicht die Fahrerlaubnis "M" (Foto: Kenguru)

Ein überdachtes Moped

Stellen Sie sich ein Auto vor, in dem Sie hinten mit dem Rollstuhl direkt an den Lenker rein- und dann gleich losfahren. Das ist der „Kenguru" vom gleichnamigen ungarischen Hersteller – er ähnelt einem „smart“, ist aber eigentlich ein Moped, weshalb hierfür nur die Fahrerlaubnis der Kategorie „M“ nötig ist. Angetrieben von zwei Elektromotoren wird mit 45 km/h Höchstgeschwindigkeit eine relativ günstige Mobilität verliehen. Vom TÜV wurde das etwa 9.000 € teure Fahrzeug bereits genehmigt.

Ansonsten gab es das übliche Sortiment zu bestaunen: Treppenlifte, Demenzmatratzen, Spezialwindel, Sitzschalen oder augengesteuerte Kommunikationssysteme (eines konnte ich selber testen, mit mässigem Erfolg) und vieles mehr. Auch Dienstleister wie Reiseunternehmen oder Architektenbüros zeigten wie gewohnt Präsenz. Dass Fachverbände und Interessenvertretungen ebenfalls dabei waren, versteht sich von selbst.

Ein Assistenzhund kostet 25.000 Euro und wird meist durch Spenden finanziert
Golden Retriever "Jonas" ist eines der Assistenzhunde von Vita e.V. (Foto: TMI)

Manch Interessantes erst auf der RehaCare 2010

Mich persönlich beeindruckte der Verein „Vita e.V.“, welcher Assistenzhunde für behinderte Kinder ausbildet. Golden-Retriever- und Labradorwelpen werden in etwa dreieinhalb Jahren ausgebildet und erfüllen Funktionen wie Socken anziehen, Türe öffnen oder Stift aufheben. Auch die soziale Funktion ist ein wichtiges Element der 25.000 Euro teuren Tiere, die meist aus Spendengeldern finanziert werden. Mit „Jonas“, einem Golden Retriever im Team entwickelte sich, so der Vater, sein 12jähriger, an Muskeldystrophie erkrankter Sohn immer positiver – er wurde mutiger und selbstbewusster.

Wie erwähnt, war mancher grosse Hersteller nicht dabei. SOPUR zum Beispiel. Ein Anruf bei Medical Sunrise, dem Unternehmen, der die Rollstuhlmarke SOPUR vertreibt, zeigt: Wären sie auf der RehaCare, hätten sie unter anderem den neuen, ultraleichten Starrahmen-Rollstuhl „SOPUR Helium“ vorgestellt. Für das nächste Jahr werde jedoch „in allen Produktbereichen“ was Neues kommen, auch innovative Sachen. „Dafür sind wir, glaub ich, bekannt“, meinte der Herr am Telefon selbstbewusst.


Text: TMI

Fotos: TMI, SANIKU, Kenguru

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