Bill Clinton bei MyHandicap in St.Gallen

Die Gesellschaft könne vieles "von mutigen Menschen mit Behinderung lernen", so Clinton
MyHandicap-Ehrenpräsident Bill Clinton mit dem Stiftungsratpräsidenten, dem Stiftungsrat, dem deutschen Geschäftsführer und der Redaktionsleiterin (Foto: Catharina Frank)

Die Universität St.Gallen (HSG) und die Stiftung MyHandicap haben das Center for Disability and Integration (CDI-HSG) eingeweiht. Mit der Veranstaltung «Commitment to Action: Providing Opportunities for People with Disabilities» riefen die HSG-Forscher sämtliche Bereiche der Gesellschaft und insbesondere Unternehmer dazu auf, mehr Menschen mit Behinderung zu beschäftigen.

Dieser Schritt sei zwar mit Herausforderungen verbunden, aber zugleich ihrer Wettbewerbsfähigkeit zuträglich. Zum Auftakt sprach der frühere US-Präsident William Jefferson Clinton, vor hochrangigen Vertretern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik über die Verantwortung von Unternehmen für die berufliche Integration von Menschen mit Behinderung.

Als Ehrenschirmherr der Stiftung MyHandicap, die mit einer privaten Zuwendung die Gründung des CDI-HSG ermöglicht hat, brachte Bill Clinton bei der Eröffnungsrede zum Ausdruck, dass das neue Center einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Lebenssituation von Menschen mit Behinderung leiste, sowohl in der Schweiz als auch in Europa. Dies trage dazu bei, von einem «System der Hilflosigkeit zu einem System der Selbstverwirklichung» zu kommen.

"To learn from brave people with disabilities"

Clinton zeigte sich überzeugt, dass sich die dringendsten politischen und gesellschaftlichen Probleme nur gemeinsam von Regierungen, der Privatwirtschaft und Nichtregierungsorganisationen lösen lassen. Der Ansatz der Clinton Global Initiative (CGI), «Commitment to Action», sei daher ein globales Anliegen: Die Verpflichtung, die Zielsetzung der sozialen Verantwortung von Unternehmen in konkrete Ergebnisse umzusetzen.

"The establishment of this centre reflects two very large developments that are going on in society today. The first is to attempt to empower the disabled, the second is the ability to do it through the rise of non-governmental organizations," sagte Clinton in Bezug auf die grosszügige finanzielle Unterstützung der MyHandicap Stiftung, für das CDI-HSG.

"We have a lot to learn from brave people with disabilities… it is a form of unconscionable arrogance to consign people, whose disabilities are more physically obvious than others, to be anything less than they can be. This centre is designed to change that," sagte Clinton anlässlich der Einweihungsfeier.

Er forderte Unternehmer auf, Menschen mit Behinderung einzustellen
Clinton sprach über die Bedeutung einer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Integration behinderter Menschen (Foto: Catharina Frank)

Herausforderung für Sozialsysteme

Die Regierungen der OECD-Länder sind zunehmend beunruhigt über den Anstieg der Anzahl von Invalidenrentenbezügern. In den OECD-Ländern beziehen mehr als fünf Prozent der Bevölkerungsgruppe zwischen 20 und 64 Jahren Invalidenrente (GB: 7%; Deutschland: 4.4%; Schweiz: 5.4%).

Der wachsende Anteil von Menschen mit Behinderung stellt für die Sozialversicherungssysteme eine große Herausforderung dar. 2004 entsprachen allein die Gesamtausgaben für Invalidenrenten in sämtlichen OECD-Ländern einem Prozent des BSP (GB: 1.5%; Schweiz: 2.25%). Dies ist eine gewaltige Bindung von Ressourcen – zum Beispiel beinahe dreimal so viel wie die Ausgaben für die Arbeitslosenunterstützung.

Anzahl behinderter Menschen wird weltweit ansteigen

Trotzdem sind die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Ausrichtung von Behindertenunterstützung sowie die Integration und Reintegration von Menschen mit Behinderungen in die erwerbstätige Bevölkerung von der Hochschulforschung in der Vergangenheit weitestgehend unbeachtet gelassen worden.

Der Begriff «Behinderung» schliesst hier nicht nur körperliche und geistige Behinderungen ein, sondern umfasst auch psychische Behinderungen, wie zum Beispiel Depression oder Burnout. Auffällig hierbei: Die Anzahl der Menschen mit psychischen Leiden steigt beständig. Betroffen sind hier insbesondere hochqualifizierte Arbeitskräfte. Die Folgen: Weltweit wird die Anzahl langfristig behinderter Menschen steigen.

Bill Clinton mit dem MyHandicap-Stiftungsratpräsidenten Joachim Schoss (Foto: MyH)

Wissenslücken schließen

Das Center for Disability and Integration (CDI-HSG) der Universität St.Gallen (HSG) beabsichtigt, die Wissenslücke auf dem Gebiet der Handicap-Forschung zu schliessen. Zu diesem Zweck vereint es die Gebiete der Betriebs- und Volkswirtschaft, der Organisationspsychologie sowie der Angewandten Disability Forschung zur Förderung der nachhaltigen ökonomischen und sozialen Integration von Menschen mit Behinderung.

So untersucht das CDI-HSG zum Beispiel, wie Sozialversicherungssysteme strukturiert sein könnten, was für Anreize die Arbeitgeber zur Anstellung von Menschen mit Behinderung bewegen und wie diese in die Unternehmenskultur eingebunden werden können.

Die Gründung des CDI-HSG wurde durch eine grosszügige Zuwendung des deutschen Internet-Unternehmers Joachim Schoss ermöglicht, der bei einem Motorradunfall den rechten Arm und das rechte Bein verlor. Schoss ist Gründer und Präsident der Stiftung MyHandicap, deren Ehrenschirmherr Bill Clinton ist.

Integration ist wirtschaftlich sinnvoll

Joachim Schoss unterstützt die Initiative «Commitment to Action». Seiner Ansicht nach sollen dabei mitleidsbasierte Beschäftigungsmodelle weniger im Vordergrund stehen. Vielmehr können Menschen mit Behinderung wertvolle Mitarbeiter sein und es bestehen triftige wirtschaftliche Gründe zu ihrer Beschäftigung.

«Die Integration von Menschen mit Behinderungen in die erwerbstätige Bevölkerung ist wirtschaftlich sinnvoll, und es gibt reichlich Hinweise darauf, dass sie für die betroffenen Personen äusserst positiv ist. Es gilt, die Arbeitgeber davon zu überzeugen, so dass die den Nutzen der Beschäftigung von Menschen mit Behinderung ebenfalls nachvollziehen können», sagte Schoss.

Mit der Initiative «Commitment to Action: Providing Opportunities for People with Disabilities» will das CDI-HSG Unternehmen in den Kategorien «Best Practice» und «Best Ideas» für die Integration von Menschen mit Behinderung auszeichnen. Ziel der Initiative ist nicht nur die Befriedigung des menschlichen Bedürfnisses nach Arbeit, sondern auch eine Verringerung der fiskalischen Verantwortung des Steuerzahlers für die Invalidenrenten.

Am CDI wird geforscht, wie behinderte Menschen wirtschaftlich sinnvoll ins Arbeitsleben integriert werden können
Das Team des CDI mit dem ehemaligen US-Präsidenten (Foto: Catharina Frank)

Beschäftigung am Beispiel von METRO

Das deutsche Handelsunternehmen METRO Group, das ein vielfältiges Portfolio an Einzelhandelsunternehmen mit Hypermärkten in Europa, Afrika und Asien unterhält, beschäftigt Menschen mit schwerwiegenden Behinderungen. Die METRO Group ist überzeugt, dass eine auf der Vielfalt gründende Unternehmenskultur einen Erfolgsfaktor darstellt.

METRO Group Personalvorstand und Vorstandsmitglied Zygmunt Mierdorf gab bei der Eröffnung des CDI-HSG zu verstehen, dass eine Organisation zum Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit sämtliche gesellschaftlichen Kräfte einbeziehen muss. Dazu gehöre auch, dass Menschen mit Behinderung eine Beschäftigungsmöglichkeit geboten werde.

«Menschen mit Behinderung wollen vor allem eines: Eingebunden sein. So dass sie das leisten können, was ihnen möglich ist. Dafür müssen Barrieren abgebaut werden. Räumliche, technische – und auch mentale. Dafür werden Führungskräfte, Mitarbeiter und Betriebsräte systematisch geschult und auf die Einstellung und Integration von Menschen mit Behinderungen vorbereitet», erläuterte Zygmunt Mierdorf.

Positive Auswirkungen auf Unternehmen

Der Direktor des CDI-HSG, Dr. Stephan Böhm, betonte nicht nur den Vorteil, der Menschen mit Behinderung aus der Beschäftigung erwächst, sondern hob auch die positiven Auswirkungen für die Unternehmen hervor. «Durch die Förderung von Integration in den Bereichen Führung, Unternehmenskultur und Human Resource Management können die Unternehmen nicht nur die Produktivität von Mitarbeitern mit Behinderung erhöhen, sondern die ihrer gesamten Belegschaft.

So erzielen sie auch einen nachhaltigen Wettbewerbsvorteil», sagte Dr. Böhm während der Pressekonferenz. Möglichst vielen Menschen mit Behinderungen Zugang zum Erwerbsleben zu gewährleisten, ist eine vorrangige Zielsetzung für Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik – und gleichzeitig Ausgangspunkt der Forschung des Centers for Disability and Integration an der Universität St.Gallen (HSG).

(Universität St. Gallen/MyH/pg)

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