Eine Art Label

Die Schweizerische Fachstelle Behinderte und öffentlicher Verkehr (BöV) feiert dieses Jahr ihr 20-jähriges Bestehen. Beat Schweingruber, Leiter der Fachstelle, über Ursprünge und das bisher Erreichte.

Beat Schweingruber, die Fachstelle ist 20 Jahre alt. Wie entstand sie?

Die „Zeugung“ der Fachstelle geschah 1987 anlässlich einer  Tagung über die Zugänglichkeit von öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Rollstuhlfahrer Ulrich Bikle hielt dort ein Referat, worauf die SBB eine Koordinationsstelle für Behindertenfragen einrichtete. 1988 erarbeitete Ulrich Bikle für die heutige Organisation «Integration Handicap» einen «SAEB-Katalog der Anliegen und Probleme Behinderter und Betagter im öffentlichen Verkehr». Das war dann die Geburt der Fachstelle. «Integration Handicap» richtete eine «Kontaktstelle» ein, aus der später unsere Fachstelle hervorging. Es begann damals mit weniger als einer halben Stelle, heute haben wir 300 Stellenprozente. Der Katalog führte danach zum ersten SBB-Behindertenkonzept.

Beat Schweingruber

Wie hat sich die Arbeit der Fachstelle seither verändert?

Früher mussten wir noch viel mehr Lobbying betreiben. Forderungen wie beispielsweise niveaugleiches Ein- und Aussteigen ab höheren Perrons wurden damals noch als utopisch abgetan. Heute ist es vielerorts Realität und kein Diskussionspunkt mehr. Wir mussten am Anfang viel Überzeugungsarbeit leisten und Grundlagen erarbeiten. Zudem mussten wir auch daran erinnern, dass es neben RollstuhlfahrerInnen auch andere Behinderte gibt. Beim Rollstuhl sind die Massnahmen heute relativ klar und standardisiert, aber bei Menschen mit Sinnesbehinderung ist es etwas schwieriger. Dinge wie sprechende Anzeigetafeln oder auch nur Bildschirme auf Augenhöhe wurden lange noch als undenkbar betrachtet.

Half den Menschen mit Sinnesbehinderung auch der technische Fortschritt?

Ja und nein. Denn es ist immer die Frage, wie die Technik angewendet wird. Daher gab es auch etwa Rückschritte. Früher wurden beispielsweise im Fahrzeug die Haltestellen  akustisch über Lautsprecher angekündigt. Das nützte den Personen mit einer Sehbehinderung, nicht aber jenen mit einer Hörbehinderung. Dann wurde die Ansage durch optische Anzeigen ersetzt, womit wiederum die Sehbehinderten ein Problem hatten. Heute sollte beides vorhanden sein, und so funktioniert es für alle. Kommunikationsmöglichkeiten wie beispielsweise SMS und Internet, die auch Seh- und Hörbehinderte nutzen können, sind da aber sehr hilfsreich.

Was kommt denn heute nachdem die Lobbyarbeit weitgehend getan ist?

Zu einem Paradigmawechsel führte das Behindertengleichstellungsgesetz, das so genannte BehiG, welches vor 5 Jahren eingeführt wurde. Schon während den Diskussionen im Parlament kam Schwung in die Sache. Denn alle wussten, dass dieses Gesetz kommt und man etwas tun muss. Den meisten Anbietern im öV war klar, dass es billiger ist, wenn man bereits bei der Planung daran denkt, anstatt hinterher teure Anpassungen zu machen. Ein Bahnwagen hat immerhin eine durchschnittliche Lebensdauer von 40 Jahren und ein Bahnhof von 60 oder mehr Jahren. Mit Gesetz und Verordnungen haben wir verbindliche Regeln in der Hand. Daher nehmen wir heute immer mehr die Funktion von beratenden Experten wahr. Manchmal werden wir sogar von Firmen um Rat angefragt, bevor sie ein Produkt lancieren. Die wollen eine Art BöV-Label, um sich wirtschaftlich abzusichern. (lacht)

Wie sieht denn die Situation von Menschen mit Behinderung im öffentlichen Verkehr heute aus?

Im Fernverkehr gibt es ein viel grösseres Angebot, das auch qualitativ besser geworden ist. Im Regionalverkehr ist es noch sehr unterschiedlich. Grundsätzlich sind bei Bus und Tram etwa 70-80 Prozent zugänglich und im Regionalverkehr der Bahnen zwischen 40 und 50 Prozent (in etwa 5 Jahren ebenfalls 80 Prozent). Wobei es Spitzenreiter wie etwa das Angebot von «Thurbo» in der Ostschweiz gibt, wo fast 100 Prozent des regionalen Bahnverkehrs für Personen mit verschiedenen Behinderungen zugänglich sind.

BöV ist breit vernetzt. Wie?

Mit der SBB pflegen wir seit Beginn eine sehr enge Zusammenarbeit, aber auch mit Bundesbehörden und andere Transportunternehmen. Zudem haben wir wie erwähnt Kontakt zu Herstellern von Fahrzeugen und Komponenten. Wir engagieren uns in Fachkommissionen für Behindertenfragen, haben einen engen Kontakt zu Bauberatern und auch zur Schweizerischen Fachstelle für behindertengerechtes Bauen. Handlungsbedarf besteht noch in der internationalen Vernetzung. Das wird immer wichtiger.

 

Text: Adrian Hauser
Bild: ZVG

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