Ruedi Spitzli im Interview

Mit 27 Athletinnen und Athleten ist die Schweiz vom 6. bis 17. September an den Paralympics in Peking vertreten. MyHandicap.ch hat im Vorfeld des Grossanlasses ein Interview mit Ruedi Spitzli geführt, der in Peking erstmals als Chef de Mission der Schweiz agiert.

Herr Spitzli, mit welcher Zielsetzung reist die Schweizer Delegation nach Peking?

Unser Ziel sind 11 Medaillen und in der Nationenwertung eine Platzierung unter den Top 50. Obwohl unsere Delegation mit 27 Athleten und Athletinnen gegenüber den 42 Sportlern von Athen deutlich kleiner ist, erachten wir dies als realistisch. Nicht zuletzt deshalb, weil 8 Medaillenträger von Athen auch in Peking der Delegation angehören.

In welchen Disziplinen und von welchen Sportlerinnen und Sportlern erwarten Sie Medaillengewinne?

Aufgrund der Athletenzahl und den Starts sind die Sportarten Leichtathletik, Schwimmen und Paracycling jene mit dem grössten Medaillenpotenzial. Namen wie Edith Hunkeler, Marcel Hug, Franz Nietlispach oder Heinz Frei sind auch in der Öffentlichkeit ein Begriff. Grundsätzlich ist aber in jeder von uns beschickten Sportart eine Medaille möglich.

Weshalb die Reduktion des Kaders?

Es gibt drei Hauptgründe: Die Leistungsdichte im Vergleich zu Athen ist weiter angestiegen. Dies führte dazu, dass wir die Selektionsrichtlinien dem internationalen Leistungsniveau anpassen mussten. Weiter kämpft auch der Behindertensport wie alle anderen Sportverbänden mit der Finanzierung der Aktivitäten. Zudem vergibt das IPC pro Nation Quotenplätze. Dies hatte zur Folge, dass wir in einigen Sportarten Athleten, die den hohen A-Wert erreicht hatten, mangels Quotenplätzen nicht selektionieren konnten.

Bereits im Vorfeld der Spiele war die schlechte Luftqualität ein grosses Thema. Wie hat sich Ihr Team darauf vorbereitet?

Während der ganzen Vorbereitungszeit konnten wir immer von den Erfahrungen und Erkenntnissen der Task Force „heat.smog.jetlag“ von Swiss Olympic profitieren und hatten somit für unsere Vorbereitung die gleichen Voraussetzungen wie die Athleten der Olympischen Spiele. Zudem herrschten während der Spiele Bedingungen, die keineswegs schlechter waren als in anderen Städten.

Doping ist im Spitzensport der Sportlerinnen und Sportler ohne Handicap ein grosses Problem. Wie beurteilen Sie die Situation im Behindertensport?

Es wird wohl immer Athleten geben, die versuchen werden, durch Betrug zum Erfolg zu kommen. Weil das Geld jedoch bei uns eine untergeordnete Rolle spielt, ist der Anreiz sicher kleiner. Unsere Athleten unterstehen in Zusammenarbeit mit Swiss Olympic den gleichen Dopingkontrollen wie alle anderen Sportler.

Mehr als bei den Olympischen Spielen ist bei den Paralympics die medizinische Abteilung gefordert. Welche Vorbereitungen wurden in diesem Bereich getroffen?

Mit  Dr. med. Matthias Strupler gehört ein ausgewiesener Fachmann der Delegation an. Als Leiter des Swiss Olympic Medical Center in Nottwil standen uns sämtliche Testmöglichkeiten und Gesundheitschecks in der Vorbereitung zur Verfügung.

Sie sind zum ersten Mal Chef de Mission der Schweizer Delegation. Welches werden Ihre Hauptaufgaben sein?

Nicht nur meine, sondern die Hauptaufgabe des gesamten Leitungsteams wird es sein, den Athletinnen und Athleten ein möglichst optimales Umfeld sicher zu stellen, damit sie am Tag X ihre persönliche Bestleistung erbringen können.

Wer reist neben der 27-köpfigen Sportler-Delegation mit nach Peking?

Die ganze Delegation aus Sportlern und Betreuern umfasst 51 Personen. Parallel dazu wurde für unsere treusten Fans eine Supporterreise organisiert. 16 Personen werden daran teilnehmen. Stolz sind wir, dass uns Bundesrat Samuel Schmid in Peking besucht.

„Die grosse finanzielle Unterstützung der Paralympics durch Swiss Olympic ist für uns enorm wichtig und ermöglicht uns auch weiterhin die Teilnahme an diesem grössten Sportanlass.“

Olympische Spiele sind für Sportler das Grösste. Welche Möglichkeiten werden Sie und Ihr Team haben, abseits des Olympischen Dorfes und der Wettkampfstätten etwas von Peking und seiner Bevölkerung zu sehen und zu spüren?

Dies spielt eine absolut untergeordnete Rolle. Wir gehen nach Peking um unsere beste sportliche Leistung zu vollbringen. Nach den Wettkämpfen wird sicher Zeit bleiben, um die eine oder andere Sehenswürdigkeit zu besuchen.

Swiss Olympic und das Swiss Paralympic Committee haben ihre Zusammenarbeit im Hinblick auf die Grossereignisse intensiviert. Wo wurden die grössten Fortschritte erzielt, wovon kann die Schweizer Paralympics-Delegation profitieren?

Die grosse finanzielle Unterstützung der Paralympics durch Swiss Olympic ist für uns enorm wichtig und ermöglicht uns auch weiterhin die Teilnahme an diesem grössten Sportanlass. Aber auch der Zugang zum enormen Wissen und der Erfahrung von Swiss Olympic im Bereich der Sportmedizin und allen andern sportspezifischen Bereichen ist für uns von grossem Nutzen.

Das Swiss Paralympic Committee ist seit Ende Oktober 2007 im Haus des Sports untergebracht und damit auch örtlich direkt dem Schweizer Sport angegliedert. Was hat sich seither verändert?

Die schon vorher hohe Akzeptanz des Behindertensports ist nochmals gestiegen. Die Kommunikationswege sind noch kürzer. Wir sind ein akzeptierter Sportverband.

Die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit haben in den letzten Jahren stetig zugenommen. Wie beurteilen Sie den Stellenwert des Behindertensports und speziell der Paralympics?

Es ist richtig, dass die Aufmerksamkeit zugenommen hat. Aber die Berichterstattung umfasst immer noch einen Bruchteil dessen, was die Leistungen unserer Athleten verdient. Wir hoffen aber, dass die Paralympics in Beijing2008 uns weiter helfen um die Aufmerksamkeit weiter zu erhöhen. (MyH/pg)

Zur Person: Missionschef Ruedi Spitzli (Eidg. Turn- und Sportlehrer II) ist Bereichsleiter Rollstuhlsport Schweiz bei der Schweizer Paraplegiker Vereinigung SPV. Ausserdem ist er Mitglied des Stiftungsrates des Swiss Paralympic Committee.