Sexualität trotzt Behinderung

Liebe und Sexualität sind untrennbar mit dem menschlichen Sein verknüpft. Warum sollte das bei Menschen mit Behinderung anders sein?

Liebe, Sexualität, Erotik, Sinnlichkeit und Körperlichkeit sind vitale Ausdrucksformen und Eindrücke im menschlichen Leben, die sehr viel mit Geniessen, Austausch und Lebendigkeit zu tun haben.

Sie zu unterdrücken, zu vergessen oder nicht wahrhaben zu wollen, bedeutet einen wichtigen, lebendigen Teil von sich abzuspalten. Allerdings gibt es Menschen, die es schwerer haben, sich Wünsche und Bedürfnisse nach Sexualität, Erotik, Zärtlichkeit und Liebe zu erfüllen bzw. erfüllt zu bekommen oder sie sich überhaupt zuzugestehen. Auf Menschen mit Behinderungen trifft das in hohem Maße zu.

Fehlende und falsche Vorbilder

Für Menschen mit einer Behinderung gibt es -­ was Sexualität und Erotik betrifft -­ keine sozialen Orientierungshilfen oder positiven Rollenbilder. Erotik scheint überhaupt nur etwas für schöne Menschen mit Idealmassen zu sein.

Die Schönheitsnormen und die damit verbundene Darstellung von Erotik durch dieser Norm entsprechender Vertreter haben stark ausgrenzenden Charakter. Erotik und Sexualität sind demnach nicht vorgesehen für viele Gruppen von Menschen: Dicke, Alte, Kranke, Behinderte und ältere Frauen.

Bessere Voraussetzungen

Welches sind Rahmenbedingungen, die eine normale Entwicklung und Entfaltung von Sexualität bei Menschen mit Behinderungen erschweren und manchmal sogar ganz verhindern?

Da wären zunächst einmal die politischen und gesellschaftlichen Strukturen: Missachtung, Ablehnung, Ausgrenzung, Diskussionen über wertes und unwertes Leben. Kosten-Nutzen- Überlegungen und Euthanasiedebatten sind keine gute Grundlage, um über Sexualität und Behinderung sprechen zu können.

Hier geht es nicht um ein sich gegenseitig bereicherndes Miteinander, hier geht es ums Überleben und um Fragen der Existenzberechtigung. Liebe, Sexualität und Erotik leben aber von gegenseitiger Achtung, Offenheit und wechselseitigem Verstehen. Sie können sich in einem repressiven Rahmen kaum entwickeln.

Aber auch auf der Grundlage gesellschaftlicher Strukturen, in denen die Wahrnehmung von Behinderten auf die Kategorie nutzlose, belastende und bedauernswerte Geschöpfe reduziert ist, enthält der Gedanke an Sexualität einen merkwürdigen Beigeschmack.

Bessere Unterstützung der Eltern

Erfahren die Eltern eines behinderten Kindes gesellschaftliche Ächtung und Unverständnis, wird dies andere Verhaltensweisen und Gefühle der Eltern zur Folge haben, als wenn sie Unterstützung bekommen, ermutigt werden, positive Vorbilder haben. Erziehung, die durch Versagensgefühle, Angst, Schuld und Scham der Eltern in bezug auf ihr behindertes Kind geprägt ist, hat Auswirkungen auf die emotionale und sexuelle Entwicklung des heranwachsenden Kindes.

Wenn die Behinderung in der Familie als etwas Bedrohliches, Unakzeptables gesehen wird, dann hat das in jedem Fall Auswirkungen auf das Selbstbild des behinderten Heranwachsenden. Der Betroffene erlebt sich selbst als für andere unzumutbar. Das führt zu Unsicherheit und diese wiederum zu der Angst, neue Erfahrungen zu machen und etwas auszuprobieren. Je früher die problematischen Erfahrungen, die ein behindertes Kind in Zusammenhang mit seiner Behinderung in der Familie macht, anzusiedeln sind, desto gravierender wirken sie sich aus auf das Selbstbild und die Fähigkeit, auf andere zuzugehen, sich einzubringen und zu sich und dem eigenen Körper zu stehen. Eine der wichtigen Entwicklungsaufgaben in der Pubertät und im frühen Erwachsenenalter ist das Erlernen der «sexuellen Sprache», das heisst: Der Jugendliche oder junge Erwachsene muss lernen, fremde Signale der Annäherung oder Abwehr zu deuten, aber auch, sich selbst auszudrücken.

Eigenes Körperschema finden

Ein wichtiger Aspekt dabei ist, den Kreislauf defizitärer Zuschreibungen zu durchbrechen. Von Kindheit an wird ein behindertes Kind vor allem hinsichtlich seiner Defizite bewertet und behandelt. Die Eltern fragen sich, die Freunde und Bekannte fragen, warum ist dieses Kind so geboren; es hätte doch alles so wunderbar werden können. Behinderte Menschen sind oft der Spiegel der eigenen Verletzlichkeit der betroffenen Eltern, aber auch anderer Menschen. Manchmal genügt schon der Anblick einer behinderten Person, und sämtliche Vorstellungen von Leid, Schmerz, Hoffnungslosigkeit usw. kommen in Gang und werden auf diese Person projiziert, ohne zu wissen, wie diese Person selbst sich fühlt. Dabei ist das eigene Körperschema eines von Geburt an behinderten Kindes in Ordnung. Es ist das, wo hinein es gewachsen ist, es fühlt sich stimmig und unversehrt. Die verbalen und nonverbalen Reaktionen, Bewertungen, Verhaltensweisen und natürlich die Vergleiche mit anderen Menschen, die auch andere Reaktionen ernten, brechen in diese Selbstwahrnehmung ein und «korrigieren» sie gemäss den Ansprüchen der sogenannten Realität. Internalisierungen sind Bewertungen und Glaubenssätze, die verinnerlicht wurden und die noch schwieriger anzugehen sind als Zuschreibungen der Umwelt. Sie sind allgegenwärtig. Sie führen dazu, dass behinderte Menschen oft gegen sich selbst vorgehen und sich im Spiegel ihrer Umwelt als unattraktiv und bemitleidenswert beurteilen. Und es damit natürlich auch sind.

Quelle: INFORUM 1/98,Inge Plangger / Renate Geifrig, Der Artikel erschien erstmals in der Zeitschrift «Gemeinsam leben», 3/96; Zwischentitel von der Redaktion INFORM, pro infirmis

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