Erfolgsgeschichte +1 am Tisch

Das Projekt +1 am Tisch wird durch tipiti und MyHandicap umgesetzt.

Immer wieder kommen junge, teils minderjährige Flüchtlinge in die Schweiz. Diese sind auf sich allein gestellt und müssen sich ohne familiäre Bezugspunkte in ihrer neuen Umgebung zurechtfinden.

Freiwillige Mentorinnen und Mentoren begleiten diese jungen Flüchtlinge beim Ankommen in der Schweiz. Für die Umsetzung dieses Projekts hat sich die Stiftung MyHandicap einen kompetenten Partner gesucht. Gemeinsam mit dem Verein Tipiti setzen wir das vom internationalen Sozialdienst Schweiz (SSI), lancierte Mentoring-Projekt gemeinsam in der Ostschweiz um. So können wir nicht nur vom know how vom Verein Tipiti, sondern auch von der breiten Erfahrung des SSI profitieren.

Nach fast einem Jahr können bereits zahlreiche Erfolge verzeichnet werden. Nicht weniger als 20 jugendliche Flüchtlinge haben eine/-n Mentor/-in an ihrer Seite.

Mentorin Sandra mit Zahra aus Afghanistan.

Eine besonders schöne Geschichte ist diejenige von Mentorin Sandra Gschwend und Zahra aus Afghanistan.

Nachdem wir von der Projektleitung, die Fragebögen von Sandra und Zahra ausgewertet hatten, war für uns klar, dass sich die beiden super verstehen werden. Und wir sollten recht behalten. Nach ihrem ersten Treffen in der Militär-Kantine St. Gallen war das Eis bereits gebrochen. «Wir haben über unsere Herkunft, Geschwister und unser Alter gesprochen. Ich habe Sandra dann von meinem Lieblings-Restaurant erzählt, dort haben wir uns dann zum 2. Treffen verabredet», erzählt Zahra. Von da an haben sie sich regelmässig getroffen, haben viel erlebt und sich immer besser kennengelernt. «Da Sandra wusste, dass ich in der Schule oft nähe, sind wir in ein Modeatelier nach St. Gallen gefahren. Die Designerin hat uns dann ihren Beruf gezeigt. Ein anderes Mal habe ich sie zu mir nach Hause zum Spaghetti Essen eingeladen. Und vor ein paar Wochen waren wir gemeinsam im Kino, was mir auch sehr gefallen hat.»

Durch die vielen gemeinsamen Erlebnisse hat sich seit dem ersten Treffen eine Freundschaft entwickelt. «Wir sind viel offener geworden, umarmen uns nun auch bei der Begrüssung oder auch mal so zum Trost oder einfach aus Freude und Dankbarkeit» sagt Sandra Gschwend. Natürlich gibt es auch schwierige Momente aber auch lustige Missverständnisse. «Wir lachen oft. Manchmal über Sprach-Missverständnisse, Witze, oder einfach wegen lustigen Situationen. Eine Herausforderung ist, dass wir rund 35 Auto-Minuten voneinander wegwohnen. Die Distanz machen kurze spontane Treffen fast unmöglich. Es muss immer gut organisiert sein» erklärt Sandra Gschwend weiter.

Unterschiedliche Geschichten und kulturelle Hintergründe können den eigenen Horizont erweitern und das Leben bereichern. «Ich schätzte an Sandra, dass sie ein abwechslungsreiches Leben hat, dass sie viel arbeitet aber trotzdem immer fröhlich ist». Auch Sandra ist von Zahra sehr angetan. «Ihre lustige, fröhliche Art fasziniert mich. Aber auch ihr Ehrgeiz Deutsch zu lernen beeindruckt mich sehr».

Wenn man einen neuen fremden Menschen in sein Leben lässt, lernt man nicht nur eine neue Person kennen, sondern gleichzeitig auch sich selber. Man entwickelt sich weiter und wird mit anderen neuen Fragen konfrontiert. So ging es auch Sandra: «Ich habe eine neue Kultur kennengelernt. Für mich ist der Austausch eine grosse Bereicherung. Ich merke immer wieder, in was für einem privilegierten Land ich geboren worden bin und wie toll mein Alltag ist. Fragen wie, ‘Kann Zahra nach Österreich reisen?’, ‘Darf sie in der Schweiz arbeiten?’, ‘Wie lange darf sie noch das Schweizer Schulsystem nutzen?’ machen mich aber nachdenklich und traurig. Bin ich doch der Überzeugung, dass dies für jede/n eine Selbstverständlichkeit sein sollte».

Beide blicken auf eine intensive und tolle Zeit zurück, welche sie auf keinen Fall missen möchten. Es konnten Ängste und Vorurteile abgebaut werden. «Ich habe nicht mehr so viel Angst, mit anderen Menschen Deutsch zu sprechen», meint Zahra. Beide sind sehr froh, sich kennengelernt zu haben und bereuen nicht, bei diesem Projekt mitgemacht zu haben. Zahras grösster Wunsch ist es, in der Schweiz eine Ausbildung zu machen und noch besser Deutsch und Schweizer-Deutsch zu lernen. Zahra und Sandra möchten den Kontakt auf jeden Fall über die Projektdauer hinaus weiter pflegen.

Weiterentwicklung des Mentoring-Projekts „+1 am Tisch“ zu „+1 bei uns“ für Flüchtlinge mit einer Behinderung.

Durch den Kontakt mit den Behörden wurde uns bewusst, dass es enorm viele Flüchtlinge mit einer Behinderung gibt, welche es besonders schwer haben, sich in der Schweiz zurechtzufinden. Wir sind der Meinung, dass ALLE jungen Flüchtlinge ein Recht auf eine/-n Mentor/-in haben. So ist das Projekt «+1 bei uns» entstanden, welches sich genau diesen doppeltbenachteiligten Menschen annimmt. Es sind vor allem Flüchtlinge mit einer Kriegsverletzung oder einer geistigen Einschränkung, welche wir ansprechen und bei ihrer Integration in der Schweiz unterstützen möchten.

Damit wir die Flüchtlinge erreichen, welche unsere Unterstützung am dringendsten benötigen, arbeiten wir mit der TISG (Trägerverein Integrationsprojekte St. Gallen) zusammen. Bereits in den nächsten Wochen soll eine Pilot-Projekt aufgegleist werden. Ebenso wird das Projekt vom Kanton SG gelistet, so dass die Gemeinden unser Angebot für ihre behinderten Flüchtlinge nutzen können.

Wir sind deshalb ab sofort auf der Suche nach Einzelpersonen, Ehepaaren oder ganzen Familien, egal ob mit oder ohne Handicap, die Interesse haben als Mentor/-in einen behinderten Flüchtling zu begleiten.
Bei Interesse oder für mehr Informationen, melden Sie sich gerne bei uns: kontakt[at]myhandicap.ch

Text: Séverine Frieder 05/2019