Integriert studieren

- Die HfH kennzeichnet sogar, wo im Raum der beste Empfang für die Induktionsschlaufe ist (Foto: Plattner)
Die Mehrheit der Schweizer Universitäten zeigt Engagement für die Bedürfnisse von Studierenden mit Behinderung.
In einigen Universitäten gibt es dafür spezielle Berater, deren Angebot persönliche Beratung und Hilfestellung bei technischen Hilfsmitteln umfasst sowie Nachteilsausgleich in Prüfungen und Studienleistungen.
Seit 2004 gilt in der Schweiz das Behinderungsgleichstellungsgesetz. Artikel 8 der Bundesverfassung schreibt vor, dass „das Gesetz Massnahmen zur Beseitigung von Benachteiligungen der Behinderten vorsieht“. Dies beinhaltet auch vollen Zugang zum Studium.
Eine Behinderung oder chronische Krankheit ist längst kein Hindernis mehr in der akademischen Laufbahn. Da das Studium mit einer Behinderung aber dennoch nicht immer reibungslos verläuft, gibt es zwei grundsätzliche Konzepte zur Vermeidung und/oder Tilgung von Problemen aufgrund der Behinderung: Beratung und Austausch.
Keine genauen Zahlen
Verlässliche Zahlen über Studierende mit Behinderung gibt es bisher keine, da keine Meldepflicht bei Universitäten und Hochschulen besteht. Längst nicht alle suchen Hilfe bei den Beratungsstellen. „Ich kann keine Zunahme feststellen“, berichtet MyHandicap-Fachexpertin Dr. Annette Schöpe, Ansprechperson der Hochschule für Heilpädagogik (HfH) in Zürich. „Viele sind gut vorbereitet und brauchen meine Hilfe nicht.“ Sie sind in der Regel vollständig integriert.
Auf dem Anmeldeformular der HfH wird aber angeboten, dass man sich bei Problemen oder Fragen aufgrund einer Behinderung oder chronischen Krankheit an Frau Schöpe wenden kann. Andere Universitäten kommunizieren diese Beratungsstellen in der Regel auch auf ihren Homepages.
Behinderung kommunizieren
Die Hindernisse, auf die die Studierenden mit einer Behinderung heutzutage stossen, sind nur noch ganz selten absichtlich verursacht. Häufig sind gerade die Dozierenden mit so vielen anderen Dingen beschäftigt, dass sie schlicht vergessen, zum Beispiel die Induktionsanlage für hörgeschädigte Studierende anzustellen.
Die Behinderung zu ignorieren oder gar zu verstecken, ist meist eher hinderlich für die Integration. Kommuniziert man sie jedoch, sind die Studierenden mit einer Behinderung meist sehr gut integriert. „In Universitäten und Fachhochschulen haben die Leute auch meist schon eine gewisse Reife erreicht. Eine Integration ist dann selbstverständlicher und einfacher als für Teenager“, erklärt Frau Schöpe.
Wichtig ist, dass behinderte Studierende Kommilitonen und Dozierende über ihr Handicap informieren, sonst können schnell Missverständnisse entstehen. Das Buch „sichbar-unsichtbar“ von der Diplom-Psychologin Dr. Caroline Cornelius von der Universität Basel gibt gute Hinweise, wie eine Behinderung verständlich kommuniziert werden kann. Wichtig ist zum Beispiel, dass man ganz konkrete Anweisungen gibt (z.B. reservierter Sitzplatz oder immer Mikrofon benützen).

- Auch der Transport zur Universität sollte schon vor Studienbeginn abgeklärt werden (Foto: livDE / flickr)
Beratung: Hilfe zur Selbsthilfe
Meist ist es so, dass der erste Student mit einer bestimmten Behinderung „vorkämpfen“ muss. „Die erste Studentin im Rollstuhl traf auf mehrere Hindernisse, die uns vorher nicht aufgefallen sind“, erzählt Dr. Schöpe. Sind die Anpassungen aber erst mal gemacht, ist es für die nachfolgenden Studierenden mit der gleichen Behinderung meist kein Problem mehr.
Um solche und andere Probleme zu vermeiden, gibt es an den meisten Universitäten und Hochschulen inzwischen Beratungsstellen für Studierende mit Behinderung.
Am besten ist es, wenn man sich schon vor dem Studium informiert, welche Möglichkeiten man hat, welche infrastrukturellen Probleme es geben könnte (zum Beispiel Treppen und Schwellen) und wie diese und andere Hindernisse möglichst noch vor Studienbeginn behoben werden können.
Auch der Transport zur Universität, Parkmöglichkeiten (Rollstuhlparkplatz) und Wohnsituation sollten möglichst im Vorfeld geklärt werden. Die Rücksprache mit der IV oder Krankenkasse zur Finanzierung von Hilfsmitteln oder passenden Wohnungen kann auch mit Hilfe der Beratungsstellen erledigt werden. Da dies häufig kantonübergreifend geregelt werden muss, ist diese Aufgabe häufig ziemlich komplex.
Manchmal finden sich auch Stiftungen, die den Studierenden unter die Arme greifen. Auch hier helfen die Leute von den Beratungsstellen natürlich gerne.
„Nicht für die Schule, für’s Leben lernt man“, heisst es so schön. Deshalb legt Frau Schöpe Wert darauf, dass den Studierenden nicht die Arbeit abnimmt, sondern ihnen lediglich Hilfe zur Selbsthilfe anbietet. Das heisst, die Beratungsstellen zeigen den Studierenden lediglich ihre Möglichkeiten auf. Das Gespräch mit den Dozierenden oder Kommilitonen suchen und sie über ihre Bedürfnisse aufklären sollen die Studierenden jedoch selbst.
Nur in Härtefällen, wo ein wiederholtes Hinweisen auf die Bedürfnisse des/der Studierenden nichts bringt, greift sie selbst ein. Auch Abklärungen mit dem Technischen Dienst übernimmt Frau Schöpe als Leiterin der Human Resources in der Regel selbst.
Externe Referenten müssen ebenfalls Rücksicht auf die Belange der behinderten Studierenden nehmen. „Auch sie vertreten unsere Devisen, weshalb im Härtefall das Gespräch mit der Direktion gesucht wird“, erklärt Frau Schöpe.
Forum zum Austausch an der Universität Basel
Ein spezielles Angebot für Studierende mit Behinderung findet man an der Universität-Basel: ein Online-Forum, auf dem sich Studierende mit Behinderung, einer chronischen Krankheit, psychischen Behinderung oder Lernbehinderung austauschen können. Auch Kommilitonen, die in einem vertraulichen Rahmen nach Informationen, Hilfestellungen und Austauschmöglichkeiten rund um die Themen Studium und Behinderung/Krankheit suchen, sind willkommen.
Das Forum steht zurzeit nur Studierenden der Universität Basel zur Verfügung, jedoch will man das Angebot auch auf andere Universitäten ausweiten.
Moderiert wird das Forum von Caroline Cornelius, Autorin, Online-Moderatorin und Coach. Wer lieber anonym bleiben möchte, kann dies auch bleiben, denn der Benutzername, den man bei der Anmeldung erhält, gibt keinen Aufschluss über die Person.
Ausführliche Fakten und Zahlen über dieses Forum finden Sie hier.

- Mit Hilfe eines Tutors kann man verpasste Lektionen nacharbeiten (birgitH / pixelio.de)
Strategien erarbeiten
Studierende, die ihre Behinderung schon länger haben, haben es meist leichter im Studium und brauchen weniger Unterstützung von der Beratungsstelle. Da sie ihre Behinderung und die damit verbundenen Einschränkungen schon länger kennen, haben sie meist schon viele Strategien entwickelt und sie wissen auch, wie sie Unterstützung von ihren Mitmenschen anfordern können oder wie sie ihre Behinderung kommunizieren.
Frisch Betroffene sind häufig noch damit beschäftigt, sich selbst und die Behinderung anzunehmen und zu akzeptieren. Sie müssen sich und die Welt neu entdecken und kennenlernen. Meist fällt es ihnen auch schwer um Hilfe zu bitten oder ihre Dozierenden und Kommilitonen über die Behinderung aufzuklären. Strategien müssen sie sich erst erarbeiten. Die Beratungsstellen an den Institutionen haben bereits Erfahrungen in diesem Bereich und können den frisch Betroffenen die Erfahrungen anderer vermitteln. So müssen sie sich nicht alles selber erarbeiten.
„Bei beiden ‚Gruppen‘ ist jedoch auffällig, dass die Studierenden mit einer Behinderung oder chronischen Krankheit hochmotiviert sind, sehr hohe Ansprüche an sich selbst haben und einfach alles geben“, berichtet Frau Schöpe. Dies mag damit zusammenhängen, dass diese Studierenden sich und ihren Mitmenschen (bewusst oder unbewusst) beweisen wollen, dass auch sie etwas leisten können.
Zusammen Lösungen finden
Gerade für frisch Betroffenen ist der Austausch, wie er auf dem Forum der Uni Basel angeboten wird, sehr hilfreich. „Man muss das Rad nicht jedes Mal neu erfinden“, findet eine betroffene Studentin, die dieses Angebot nutzte. Auch die Beratungsstellen der Institutionen sind in diesen Fällen sehr hilfreich.
Eine Lösung findet sich fast immer. „Wir haben zum Beispiel Hinweisschilder am Einschaltknopf des Beamers angebracht, die die Dozierenden an die Induktionsschlaufe erinnern sollen.“
Auch für Studierende, die aufgrund ihrer Behinderung oder Krankheit häufig Vorlesungen verpassen, findet sich immer eine Lösung. „Nach Absprache mit Dozent und Student kann zum Beispiel ein Ersatzleistungsnachweis durch eine Arbeit erbracht werden“, schlägt Annette Schöpe vor. Auch Unterstützung durch Tutoren oder Notizen der Kommilitonen können Abhilfe schaffen.
Das Konzept scheint aufzugehen. Zumindest an der HfH hat keiner der Studierenden mit Behinderung das Studium wegen der Behinderung aufgegeben.
Text: M. Plattner - 07/2010
Fotos: Plattner / Flickr / pixelio.de
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