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Was fünf Menschen mit verschiedenen Handicaps in den Bergen machen

Die siebenköpfige Gruppe geht einen schneebedeckten Hang hinauf
Fünf Menschen mit fünf verschiedenen Handicaps - ein gemeinsames Abenteuer in den Alpen (Foto: Elisabeth von Eulenburg, ZDF)

Am 6. August startet im ZDF die fünfteilige Serie „Menschen – das Abenteuer“. Fünf Tage lang nahmen fünf Menschen mit verschiedenen Handicaps an einer Abenteuerreise in die Alpen teil – begleitet von einem Bergführer, einer Physiothera-peutin und einem Kamerateam.

Mit von der Partie waren: Peter Gatzweiler (Kleinwuchs), Michaela Bienert (Beinprothese, halbseitige Lähmung), Reini Sampl (Querschnitt) und Christiane Möller (blind). MyHandicap sprach mit dem fünften im Bunde – dem gehörlosen Benjamin Busch – über die Tour.

MyHandicap: Herr Busch, Sie waren einer der Teilnehmer dieser Tour. Können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Benjamin Busch: Ich bin 28 Jahre alt, habe gehörlose Eltern und bin mit der Gebärdensprache aufgewachsen. In meiner Freizeit betreibe ich Laufen und Bergsport – in letzter Zeit insbesondere Klettern. Derzeit studiere ich Betriebswirtschaftslehre, stehe aber vor einem eventuellen Fachwechsel zu Wirtschaftsingenieurwesen mit Fokus auf Umwelttechnik.

MyHandicap: Lässt sich Ihr Wechselwunsch zu Umwelttechnik auch mit Ihrer Vorliebe für Berge erklären?

Busch: Ja, unter anderem. Als Kind nahmen mich meine Eltern oft auf ausgedehnten Wanderungen mit. Allein dadurch, dass man viel Zeit in der Natur verbringt, lernt man sie zu schätzen. Man hat Demut gegenüber ihr und begreift, dass der Mensch doch nicht auf alles Einfluss nehmen kann, so wie er es gerne hätte. Und heutzutage gibt es einen gewissen Trend, weg von der Ökonomie hin zur Ökologie. Von daher rührt mein Wechselwunsch.

Vorliebe für Berge von klein auf

MyHandicap: Wie sind Sie in das fünftägige Abenteuer hereingeraten?

Busch: Eher durch Zufall. Das ZDF suchte nach einem gehörlosen Teilnehmer für diese Tour und meine Freundin, die wegen eines anderen Projekts mit der ZDF in Berührung kam, bekam das mit. Da hatte sie gleich an mich gedacht und vermittelte den Kontakt. Ich fand die Idee spannend, bewarb mich und wurde genommen.

MyHandicap: Wie haben Sie sich auf die Tour vorbereitet?

Busch: Eigentlich gar nicht, zumindest in physischer Hinsicht (lächelt) Körperlich bin ich wegen meiner sportlichen Hobbys recht fit und mit bergtechnischen Sachen kenne ich mich ja schon aus. Unsere Physiotherapeutin Jule Heil hatte vor der Tour jeden Teilnehmer kontaktiert, um mehr über ihre Einschränkungen und Möglichkeiten zu erfahren.

Ich erzählte ihr von dem Zitat der taubblinden Helen Keller: „Blindheit trennt von den Dingen, Taubheit von den Menschen“. Meine Sorge war, dass ich aufgrund der Gehörlosigkeit es schwerer haben würde, mich in die Gruppe zu integrieren – wegen der sprachlichen Barriere.

Benjamin Busch zieht Reini Sampl im Rollstuhl über einen felsigen Weg hinauf, Paul Freysold schiebt ihn an
Das Zusammenspiel von Stärken und Schwächen ermöglicht es der Gruppe, die Tour zu meistern (Foto: Julia Heil)

Kommunikative Barriere nach und nach überwunden

MyHandicap: Und hat sich Ihre Sorge bestätigt?

Busch: Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, dass wir für die Tour einen Gebärdensprach-dolmetscher mitnehmen. Ich wollte sehen, wie ich alleine mit den anderen Teilnehmern klarkomme. Ausserdem hätte es bei mir dann quasi kein Handicap gegeben, was den Sinn der Tour – das Zusammenspiel von Stärken und Schwächen – widersprechen würde.

Am Anfang hatte ich daher ein wenig länger als die anderen gebraucht, um mich zu integrieren. Der Vorteil hier war jedoch, dass die anderen Teilnehmer selbst betroffen waren und mir somit recht unvoreingenommen gegenüberstanden. Ich versuchte, mich mit allen Teilnehmern visuell zu verständigen.

Ich zeigte ihnen verschiedene Gebärden und Handzeichen vor. Mit jedem Tag wurde die Kommunikation besser. In Einzelgesprächen kam ich meistens zurecht mit allen – mein Gesprochenes, unterstützt mit Gebärden, wurde in der Regel verstanden und ich las von den Lippen ab.

Bei Gruppengesprächen – wie zum Beispiel am Ende jedes Tourtages oder wenn unserer Bergführer Paul Freysoldt uns am Morgen den Tourverlauf des Tages erklärt – bekam ich allerdings nur wenig mit, aber das kenne ich ja nicht anders aus meinem Alltag. Allerdings waren wir abends meistens so erschöpft, dass wir nach dem Essen noch höchstens ein oder zwei Stunden aufblieben und dann schlafen gingen.

Eine Herausforderung war die Verständigung mit Christiane, der blinden Teilnehmerin. Meine stark visuell ausgeprägte Kommunikation mit Händen, Mimik und Körpersprache fand natürlich kaum Zugang zu ihr. Wir hatten es dann mit so genannten taktilen Gebärden probiert (wie das bei taubblinden Menschen verwendet wird, wobei der Empfänger seine Hände leicht auf diejenigen des Gebärdenden legt und die Handzeichen so erkennt). Manchmal übersetzte Jule, die sich in diesen fünf Tagen am schnellsten in die Gebärdensprache zurechtfand, zwischen uns.

Zugegeben, bei Christiane war die Kommunikation nicht so tiefgründig wie bei den anderen. Unsere wirkliche Kennenlernphase begann erst nach der Tour - über Mails. Da war die Verständigung gleich einfacher (lacht)

Christine Möllers Hände sind auf Benjamin Buschs Händen. Er gebärdet "Katze", indem er die Schnurrbarte "nachzeichnet"
Benjamin Busch erklärt der blinden Christiane Möller die Gebärde für "Katze" (Foto: ZDF)

Zwischen Hindernissen hindurchlotsen

MyHandicap: Von den fünf Teilnehmern dürften Sie derjenige gewesen sein, der bei dieser Tour am wenigsten auf Unterstützung anderer angewiesen ist. Bestand Ihr Beitrag für diese Gruppe darin, das Zugpferd für Reinis Rollstuhl zu sein?

Busch: Hauptsächlich ja (lächelt) Paul fand, dass der Tourerfolg ohne mich fraglich gewesen wäre. Aber ich finde, ohne Reinis schiere mentale Stärke, sein geballtes Selbstbewusstsein hätte ich auch nicht den nötigen Ansporn dafür gehabt. Das war eindeutig Reinis Beitrag.

Bei Reini hatten wir einen umgebauten Geländerollstuhl - ein so genanntes Paramounty -, streckenweise wurde darunter ein Snowboard montiert. Er war bei Anstiegen grundsätzlich auf die Kräfte von mir und Paul angewiesen. Ich war meistens vor dem Rollstuhl und zog ihn, Paul schob ihn von hinten an.

Paul war total begeistert davon, wie ich Reinis Rollstuhl möglichst glatt durch all die Hindernisse auf den Wegen zu lotsen versuchte. Nach seiner Meinung läge das an meiner behinderungsbedingt ausgeprägteren visuellen Wahrnehmung, aber da bin ich mir selbst nicht sicher. Das hätte ein hörender Mensch sicher auch genauso gekonnt – wenn er es wollte (lacht)

Apropos Reini: Als wir gegen Ende unserer Tour an einer Zwischenstation zu einem längeren, absteigenden Forstweg gelangten, liess es sich Reini – der sich ansonsten nur ungern helfen lässt – es nicht nehmen, auf seinem Rollstuhl herunterzubrettern. Und er hat sich da richtig austoben können. So schnell war er, dass das Kamerateam im VW-Bus gar nicht hinterher kam.

Stärken und Schwächen ergänzen sich

MyHandicap: War die Tour für Sie ein Erfolg?

Busch: Auf jeden Fall, sowohl aus sportlicher als auch aus menschlicher Sicht. Die Gruppe ist während dieser fünf Tage zusammengewachsen. Auch wenn alle eine Behinderung haben, wusste man doch nicht so recht viel, wie die anderen ihre Leben mit ihren Handicaps meistern. Und bei der Tour habe ich deutlich sehen können, wie sich Stärken und Schwächen ergänzen können. Mehr verrate ich hier nicht (lacht)

MyHandicap: Die Tourteilnehmer hatten entweder eine Körper- oder eine Sinnesbehinderung. Wäre für Sie auch ein geistig behinderter Teilnehmer vorstellbar?

Busch: Sicher, das wäre eine andere Herausforderung. Ich glaube, hier gibt es eine gewisse Grenze der Schwere, ab dieser eine Teilnahme wohl nicht möglich oder zu schwierig gewesen wäre. Nicht selten brauchen sie eine ihnen bekannte Bezugsperson. Wenn sie aber Konsequenzen mehr oder weniger richtig einschätzen können, spricht für mich nichts dagegen. Physisch sollte das jedenfalls kein Problem sein. Für mich wäre es dann sicherlich interessant zu erfahren, wie wir beide sprachlich auskommen würden.

Nächste Tour geplant – mit oder ohne Kamera

MyHandicap: Ihre nächste Expedition mit andersbehinderten Teilnehmern – ist schon eine in Planung?

Busch: Unsere Gruppe – wir fünf Teilnehmer, Jule und Paul – steht heute noch in Kontakt zueinander und hat auf jeden Fall vereinbart, dass wir wieder eine gemeinsame, vielleicht längere Tour machen werden. Unabhängig davon, ob uns dann ein Kamerateam begleiten wird oder nicht.

MyHandicap: Herr Busch, vielen Dank für das Interview!

Der erste Teil der fünfteiligen Dokumentation "Menschen - das Abenteuer" wird am 6. August 2011 um 17:45 Uhr im ZDF ausgestrahlt, die restlichen vier ebenfalls zehnminütigen Folgen kommen an den darauffolgenden Samstagen.

Eine Vorschau zu dieser Dokumentation finden Sie hier. Die Vorschau ist - wie auch die fünf Ausstrahlungen - untertitelt.

Text: Thomas Mitterhuber - 08/2011

Fotos: Elisabeth von Eulenburg, Julia Heil, ZDF

 

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