Hilfsmittel-Vorlage: „Ein Rohrkrepierer“

- Peter Wehrli, Geschäftsleiter und Gründer des Zentrums für Selbstbestimmtes Leben ZSL (Foto: ZSL)
Die 6. IV-Revision sieht die öffentliche Ausschreibung in der Hilfsmittel-Beschaffung vor - mit geringem Sparpotenzial, aber grossen Auswirkungen auf die Betroffenen. Das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben ZSL und dessen Geschäftsleiter und Gründer Peter Wehrli setzen sich zur Wehr.
MyHandicap: Herr Wehrli, der Ständerat hat den ersten Teil der 6. IV-Revision gutgeheissen. Die Massnahme mit dem geringsten Sparpotenzial ist die öffentliche Ausschreibung in der Hilfsmittel-Beschaffung. Sie gibt aber viel zu reden und wird stark kritisiert. Wie ist Ihre generelle Einschätzung der geplanten Massnahme?
Peter Wehrli: Wenn diese Massnahme wirklich im Gesetz verankert wird, wird sie auf jeden Fall als Rohrkrepierer enden: mittel- und langfristiger Spareffekt gleich null – bei maximalem Schadenseffekt bei den Betroffenen. Für jeden, der zeitlebens tagtäglich viele Stunden auf ein Hilfsmittel angewiesen ist, muss die Vorstellung, dass sein Hilfsmittel von Staatsbeamten auf Grund von rein ökonomischen Überlegungen ausgewählt wird, zu Albträumen führen.
"Mittel- und langfristiger Spareffekt gleich null"
MyH: Der Bundesrat erhofft sich durch die Massnahme mehr Wettbewerb bei den Leistungserbringern und entsprechend tiefere Kosten. Konkret würde die IV Betroffene nur noch unterstützen, wenn sie Hilfsmittel von einer staatlichen Liste kaufen. Auch wenn die Rechnung aufgehen würde, muss doch die Versorgungs-Qualität im Mittelpunkt stehen. Welche Auswirkungen befürchten Sie?
PW: Halt! Es ist schon heute so, dass wir Behinderten nur Hilfsmittel aus einer vom BSV erstellten Liste erhalten können. Nicht kaufen! Die IV kauft – wir erhalten sie leihweise. Gerade, weil die Betroffenen bis heute nicht bezahlende Kunden sondern nur Sachleistungen empfangende Klienten sind, haben sie kein Interesse, nach dem besten Preisleistungsverhältnis Ausschau zu halten. Sie gewinnen gar nichts, wenn sie ein günstigeres Hilfsmittel wählen. Der Deal läuft immer zwischen der IV und den Verkäufern. Die IV kontrolliert nicht einmal bei mir, ob ich ein Gerät oder eine Beratung überhaupt erhalten habe und zufrieden bin mit den Leistungen, die sie beim Händler bezahlt.
Wenn der vorliegende Vorschlag denn praktisch anwendbar ist, wird er diese Situation noch verschlimmern, weil nur noch ein paar wenige, von der IV privilegierte Billig-Anbieter auf dem Markt überlebten. Diese würden jeglichen Anreiz verlieren, in die Verbesserung der Qualität zu investieren, weil die IV sowohl die dafür nötigen Margen wie auch den Konkurrenzdruck verhindern würde. Es gibt viel Erfahrungen mit Staatseinkäufen von „Consumer-Goods“: In den kommunistischen Ländern wurde diese Idee schon zu genüge getestet und immer mit denselben katastrophalen Folgen für den Markt, die Qualität und am Schluss auch die Preise.
Ein echter freier Markt wird verunmöglicht
MyH: Am häufigsten kommt die Versorgung mit Hörgeräten zur Sprache. Eine BAKBASEL-Studie attestiert der Schweiz qualitativ die beste Versorgung und auch eine der höchsten Hörgeräte-Tragequoten. Gemäss der Studie wirkt der zentralisierte Einkauf nicht Mengen-senkend, Vergleiche mit anderen Ländern zeigen lange Wartezeiten und veraltete Modelle auf. Wie erklären Sie sich das Festhalten der Politik an dieser Massnahme?
PW: Es ist vor allem der Bundes- bzw. genauer der IV-Verwaltungsapparat, der sich an dieser Massnahme festkrallt, vielleicht weil Verwaltungsmenschen und Minister instinktiv davon ausgehen, dass Probleme nur mit immer noch mehr Verwaltungsmacht, sprich grösseren Verwaltungsapparaten zu lösen sind. Dabei sind die relativ hohen Preise von gewissen Hilfsmitteln in der Schweiz Resultat von zuviel staatlichen Eingriffen in den Markt.
Es ist die IV, welche alljährlich die Preise der Hilfsmittel festlegt und damit die Verkäufer geradezu herausfordert, mit den Gerätepreisen an die Höchstlimiten zu gehen. Ein echter freier Markt, in welchem Kundenbedürfnisse auf der einen und Preisforderungen der Hersteller und Händler auf der anderen Seite sich ständig ausbalancieren, wird dadurch – und durch die Tatsache, dass die Betroffenen nicht frei sind, z.B. auch im Ausland zu kaufen – verunmöglicht.
Die PolitikerInnen lassen sich von der massiven Propagandamaschine, welche die IV zum Teil indirekt über Pro Audito in Bewegung gesetzt hat, gängeln, weil sie inhaltlich grösstenteils schlicht überfordert bzw. nicht so gross an der Situation der Behinderten interessiert sind, dass sie sich in der Tiefe mit diesem Vorschlag und seinen Konsequenzen beschäftigen. Behinderte sollen einfach kostengünstig sein, Punkt. Es ist im Übrigen meiner Ansicht nach genau dieser Unwille, genau hinzuschauen und der Reflex, das vordergründig Billigste für die Behinderten zu wählen, welche im Endeffekt die immense Kostenexplosion bei der IV in den letzten Jahrzehnten verursacht haben.
Darüber hinaus stellen wir gerade bei denen, die sich traditionellerweise als Verteidiger der Behinderten verstehen, einen einfachen Bauchreflex „gegen alle bösen Abzocker“ fest, den die IV geschickt ausnutzt, um die Akustiker und Hörgeräteverkäufer als Bösewichte darzustellen. Dabei bestätigen alle Untersuchungen, dass der grosse Kostenanstieg der letzten Jahre darauf zurück zu führen ist, dass bedeutend mehr Menschen ein Hörgerät benötigen – während die Preise der in den letzten 20 Jahren extrem verbesserten Geräte kontinuierlich gesunken sind.
Das Bundesamt skandalisiert mit den sehr hohen Margen, die zwischen dem Herstellungspreis des reinen Gerätes und dem Verkaufspreis entstehen. Und die PolitikerInnen kriechen auf diesen Leim, ohne zu merken, dass dies die durchaus üblichen Margen in der gesamten Hightech-Elektronikbranche sind; sie finanzieren die immensen Entwicklungsschübe, die wir bei diesen Geräten in den letzten Jahren erleben.

- Der Bundesrat erhofft sich durch die Massnahme mehr Wettbewerb und entsprechend tiefere Kosten (Foto: admin.ch)
Massive Draufzahlungen schon heute
MyH: Würden Sie einer Kostenbeteiligung der Endkunden zustimmen, wenn zumindest die Wahlfreiheit bestehen bliebe?
PW: Fakt ist, dass die meisten HörgerätebenutzerInnen – mindestens die einfachen Bürger und BürgerInnen unter ihnen – schon heute sehr oft massiv draufzahlen, um wirklich gute Hörgeräte zu bekommen. Funktionäre der Organisationen und andere, die sich zu wehren wissen, bekommen eher alles bezahlt.
Grundsätzlich meinen wir, dass die IV gemäss ihrem Verfassungsauftrag dazu verpflichtet ist, ein „einfaches UND zweckmässiges“ Hilfsmittel abzugeben ohne dass die Betroffenen draufzahlen müssen. Frage ist natürlich, was ist „zweckmässig“ - bestimmt das ein Beamter auf Grund rein ökonomischer Überlegungen, oder bestimmen die Klienten, die mit dem Gerät dann leben müssen mit?
Und natürlich bin ich bereit – gezwungenermassen – etwas für mein Hilfsmittel (in meinem Fall ein Rollstuhl) drauf zu zahlen, wenn ich andernfalls nur ein Klappermodell erhalte, dessen Benutzung mich foltert anstatt mich in meiner Integration zu unterstützen.
MyH: Könnten Sie einer Massnahme zustimmen, die Menschen mit Behinderung für den Einkauf Ihrer Hilfsmittel eine Pauschale zusprechen würde?
PW: Unser Zentrum fordert schon seit Jahren die Einführung von Pauschalen – allerdings müssen sie realistisch den gültigen Marktpreisen entsprechen. Als Folge davon würden Behinderte a) nach dem Hilfsmittel mit dem besten Preisleistungsverhältnis Ausschau halten und b) diesem Hilfsmittel weitaus mehr Sorge tragen als einem, dass sie eh alle paar Jahre automatisch ersetzen können.
Das wiederum würde mittel- und langfristig bedeutend besser für Wettbewerb und damit zu guter Qualität bei anständigen Preisen führen. Es erfordert allerdings von den Betroffenen auch etwas kritisches Kundenverhalten – was die Behindertenorganisationen z.B. mit Preisvergleichen und Konsumentenschutzmassnahmen durchaus fördern könnten, wenn sie ein Interesse an verantwortungsvollem Verhalten ihrer Klientel haben.
"Vorstand von PRO AUDITO ist gekauft"
MyH: Dass die Hörgerätebranche gegen den staatlichen Einkauf von Hilfsmitteln ist, liegt auf der Hand. Erstaunlich ist hingegen, dass auch PRO AUDITO, die Organisation für Menschen mit Hörproblemen, die Massnahme unterstützt. Wie schätzen Sie diesen Vorgang ein?
PW: Wie wir heute wissen, hat das BSV den Vorstand dieser Organisation förmlich gekauft: mit speziellen Subventionen einerseits, andererseits aber auch mit Versprechungen von zukünftigem Einfluss und Macht. Betroffene wurden leider, wie das so oft bei diesen PRO-Organisationen üblich ist, weder informiert noch um ihre Meinung gefragt. Das ZSL veröffentlicht in wenigen Stunden auf www.zslschweiz.ch ein Interview darüber mit dem langjährigen Zentralsekretär und Finanzchef der PRO AUDITO der aus Protest über diese Manipulationen vor kurzem aus dem Vorstand ausgetreten ist.
MyH: Wie sähe Ihr Idealmodell bei der Hilfsmittelversorgung aus?
PW: Wie oben erwähnt: wir plädieren für eine präzise individuelle Bedarfsabklärung und bedarfsgerechte – frei verwendbare – Pauschalen. Damit beeinflussen die echten Bedürfnisse der Kunden den Markt und die Qualität der Hilfsmittel wird steigen. Zur Kontrolle soll die IV eine Quittung der gekauften Hilfsmittel verlangen und aus den so erhobenen Daten den jeweils gültigen Marktpreis errechnen. Das wäre echter Wettbewerb!
MyH: Das ZSL hat im Zusammenhang mit den geplanten Einschränkungen bei der Hilfsmittelbeschaffung eine Petition gestartet. Wie läuft die Unterschriftensammlung?
PW: Im Vergleich zu der im Allgemeinen leider sehr passiven Haltung der meisten Behinderten recht gut. Auf www.behinderte-gegen-hilfsmittelmonopole.ch sind doch immerhin über 2000 Unterschriften von Betroffenen zusammen gekommen. Wir haben diese Petition den ParlamentarierInnen aus den beiden Gesundheitskommissionen und dem Bundesrat zukommen lassen. Verglichen mit der Anzahl von Hilfsmittel-BenutzerInnen ist die Zahl aber sehr niedrig.
Das hängt vor allem damit zusammen, dass die Dachorganisationenkonferenz DOK intern eine Weisung heraus gegeben hat, die Petition nicht zu unterstützen und die Betroffenen auch nicht zu informieren: die hätten ja auch eine eigene Meinung kundtun können. Der Entscheid der DOK wie auch der Dachorganisation der Selbsthilfe AGILE kam vor allem aus Solidarität mit der Ja-Parole von PRO AUDITO zustande – einer JA-Parole die, wie wir heute wissen, vom BSV gekauft wurde.
Andere Betroffenen-Organisationen stehen nicht auf Hinterbeine
MyH: Die Nationalratskommission dürfte im Oktober ihre Empfehlung abgeben, die Abstimmung im Nationalrat steht im Dezember an. Haben Sie Hoffnung, dass noch Anpassungen möglich sind und welche Massnahmen planen Sie, wenn auch der Nationalrat die bundesrätlichen Pläne durchwinkt?
PW: Bis heute sind wir die einzige Organisation, die sich mit aller Macht gegen diesen Vorschlag stark macht. In vielen anderen Betroffenen-Organisationen rumort es – aber die Leute stehen nicht auf die Hinterbeine. So besteht im Moment nur die Chance, dass wir einzelne Politikerinnen noch zum Nachdenken bringen können. Die sind aber so beschäftigt mit Themen, hinter welchen viel mächtigere Lobbies stehen als unsere, dass die Chance nicht sehr gross ist, diesen verheerenden Vorschlag noch aus der Revision zu kippen.
Anders sähe es aus, wenn sich mehr Behinderte und Angehörige wehren würden. Immerhin wird zwar immer nur über die Hörgeräte gesprochen, aber das vorgeschlagene Gesetz betrifft alle Hilfsmittel – und die Geschichte lehrt uns, dass wo man etwas tun kann, früher oder später auch ein Joggel kommt, der es tut.
MyH: Herr Wehrli, besten Dank für das Interview.
Text: PG – 07/2010
Foto: ZSL
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