Samuel Schiegg: So kann Integration in Schule gelingen
MyHandicap-Botschafter Samuel Schiegg schreibt aus eigener Erfahrung, worauf es ankommt, dass die Integration behinderter Kinder in die Regelschule gelingen kann.
Mit zwei Jahren wurde ich durch einen Autounfall körperbehindert. Obwohl viele Ärzte sagten, ich würde nicht mehr sprechen, nicht mehr gehen und schon gar nicht mehr eine Regelschule besuchen können, habe ich es geschafft.
Da ich meine gesamte Schulkarriere in der Regelschule verbracht habe und auch während der anschliessenden Ausbildung am KV-College keine Sonderschiene fuhr, wurde ich sozusagen von Kindsbeinen an an die „normale“, manchmal ein wenig raue Alltagswelt gewöhnt. Das hat Vor- und Nachteile. Als Nachteil empfinde ich die teilweise wahrzunehmende Isolation, ständig der einzige, der Besondere, der „andere Mensch“ unter lauter Nichtbehinderten zu sein.
Es war für mich oft schwierig, mich einzuordnen und mich als Teil einer Gruppe zu fühlen. Vorteile sehe ich darin, dass ich mich in dieser Alltagswelt behaupten konnte und es bis jetzt auch geschafft habe. Das erhöht das Selbstvertrauen extrem.
Ein selbstständiges Leben
Momentan arbeite ich in verschiedenen Abteilungen der Stiftung Wagerenhof in Uster. Die Stiftung Wagerenhof ist ein Heim für Menschen mit geistiger und / oder mehrfacher Behinderung. Dort absolvierte ich mein Praktikum und seit Oktober 2009 habe ich eine Festanstellung als Administrator. Ich bin das „Bübchen für alles“, genauer gesagt, für alle Büroarbeiten.
Zurzeit bin ich in folgenden Abteilungen: Landwirtschaft, Gärtnerei, Fachdienst, Buchhaltung und Marketing und erledige dort diverse Büroarbeiten, was mir sehr viel Spass macht. Ich liebe die Abwechslung. Eintönige, monotone Arbeiten oder das Arbeiten an nur einem Schwerpunkt käme für mich fast nicht in Frage. Durch meine Präsenz an vielen Orten innerhalb des Betriebs müsste ich mich manchmal in vier oder fünf Teile schneiden.
Auf Basis meiner eigenen Erfahrungen habe ich mir viele Gedanken gemacht, wie Integration ablaufen sollte. Diese Gedanken möchte ich Ihnen gern vorstellen.
Wie sollen sich die Beteiligten im Prozess der Integration verhalten?
Das Kind
Die Hauptperson in diesem Prozess ist das Kind bzw. später der / die Jugendliche. Das Kind / der Jugendliche muss von sich aus den Abschluss an einer Regelschule wollen, nicht (nur) Drittpersonen wie beispielsweise die Eltern.
Auch sollte nicht jede Auseinandersetzung als Angriff gesehen werden. Wie „normale“ Kinder treten auch Kinder mit Beeinträchtigungen manchmal in ein Fettnäpfchen. Solche Streitigkeiten sind dann alleine zu regeln. Behinderte Kinder sollten nicht versuchen, die Eltern oder die Lehrkräfte auf seine Seite zu ziehen.
Die meisten Streitigkeiten sind banal, wie zum Beispiel lachen in einer unpassenden Situation, nicht grüssen etc. Zudem ist es wichtig, dass das Kind von sich aus ein paar Schritte auf seine Mitschüler zugeht und nicht nur darauf wartet, angesprochen zu werden – was sicherlich nicht immer einfach ist.
Die Eltern
Natürlich sind die Eltern eines Kindes mit einer Behinderung in der Schule präsenter als jene Eltern von Kindern ohne Beeinträchtigung, sei es durch die Gespräche über die Dispensation vom Sportunterricht oder das Planen von ausserschulischen Tätigkeiten (Ausflug, Klassenlager). Das bedeutet aber nicht, dass die Eltern omnipräsent sein müssen.
Die Eltern sollten sich nicht in jedes kleinste Detail einmischen. Viele „Kleinigkeiten“ können die Kinder meist untereinander klären, weil es sich um alltägliche Probleme wie fehlerhaftes Verhalten handelt. Falls dennoch eine Auseinandersetzung in den Bereich der Integration fällt, ist natürlich das Gespräch mit den anderen Beteiligten zu suchen.
Das Kind unterstützen, ohne sich in den Vordergrund zu stellen
Es ist von enormer Wichtigkeit, dass die Eltern in diesem Prozess ihre Informationspflicht wahrnehmen. Falls es ein Elterngespräch in diesem Prozess gibt, sollte das Kind über den Inhalt des Gesprächs aufgeklärt werden, oder besser noch gleich mit anwesend sein.
Um den Durchhaltewillen, den Biss und die Motivation des Kindes zu steigern, ist es wichtig, dass die Tatsachen auf den Tisch gelegt werden. Etwa durch den Satz: „Eigentlich war es zuerst klar, dass du in eine Sonderschule gehen würdest, jedoch meisterst du das in der Regelschule eigentlich sehr gut!“
Man muss als Eltern auch den Nutzenvergleich anstellen. Vor- und Nachteile von Regelschulen und Sonderschulen sollten klar erörtert werden.
Lehrpersonen
Gleichberechtigung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht für die integrationswilligen Schüler sondern für die Mitschüler. Denn wie vor dem Gesetz sind auch vor dem Lehrer alle gleich. Der Lehrer sollte tolerant und zugleich nicht parteiisch sein. Für manche Lehrpersonen ist dies ein Drahtseilakt, dennoch sollte er/sie versuchen, diesen Weg zu gehen.
Vielen Lehrpersonen fehlt der neutrale Blickwinkel und manche sind in gewissen Situationen mit dem beeinträchtigten Kind weniger strikt. Sie lassen dem Kind teilweise mehrere Sachen „durchgehen“. Es ist klar, dass es bspw. für nicht gemachte Hausaufgaben Strafen gibt, die dann von den Lehrpersonen immer zu vollstrecken sind und jeder diese Strafen befolgen muss.
Falls ein Kind Mühe mit Schreiben hat und viel länger an den Hausaufgaben sitzt als seine Mitschüler, kann ausgemacht werden, dass es zum Beispiel bei einer Seite Mathematikaufgaben nur drei Viertel der Aufgaben lösen muss. Dies sollte jedoch nicht an die grosse Glocke gehängt werden (zumindest nicht bis Ende Sekundarschule). Primarschüler haben sehr schnell das Gefühl, dass etwas ungerecht ist, wobei ich das nicht verallgemeinern will.
Später in der Berufsschule oder im Gymnasium ist dies in manchen Fällen anders. Die Mitschüler sind älter, reifer und verfügen über Sozialkompetenz sowie Empathie. Aber auch diese Aussage ist mit Vorsicht zu geniessen, denn in jeder Schule / Klasse gibt es Jugendliche, die gegebenenfalls neidisch werden können.
Ein behinderter Schüler ist für den Lehrer oft ein Drahtseilakt
Beim Thema Benotung ist Gleichberechtigung auch das oberste Gebot. Ich möchte nicht auf den Fall bei positiver Benotung eingehen, sondern auf den negativen Fall. Was passiert, wenn eine beeinträchtigte Person eine schlechte Note schreibt? Nichts anderes als bei einem Mitschüler, sollte die Antwort sein!
Lehrpersonen sollten nicht aufgrund einer schlechten Note die ganze Integration hinterfragen, was leider auch schon vorgekommen ist.
Was das Thema Ausflüge und Klassenlager betrifft, sollte die Lehrperson versuchen, die betroffene Person einzubinden, auch wenn dies allenfalls ein Mehraufwand (Suchen eines passenden Ausflugzieles, Anfragen nach einer externen, also nicht verwandten Betreuungsperson, o.ä.) bedeutet. Dieser Mehraufwand zahlt sich aber in 99% der Fälle aus. Ausserschulische Tätigkeiten fördern das Gemeinschaftsgefühl und können durch nichts ersetzt werden.
Andere Fachpersonen
Sie sind sicherlich nur bei Bedarf hinzuzuziehen und sollten sich dann auf ihr „Kerngeschäft“ fokussieren. Sie sollten sich also nicht in die anderen Geschehnisse im Klassenzimmer einmischen. Nur Fakten sollten angesprochen / besprochen werden und nicht schon „Horrorszenarien“ ausgemalt werden. Ausserdem sind Einflüsse wie persönliche Beziehungen zu den Eltern während eines Gesprächs zu vermeiden.
Mitschüler
Die Mitschüler sind ein wichtiger Faktor in dem Integrationsprozess, wenn nicht sogar der wichtigste. Sie sind das Zünglein an der Waage, „Sein oder nicht sein“ in Bezug auf Kameradschaft, Freundschaft, im negativen Fall Feindschaft. Sie bilden das Klima im Klassenzimmer, sie sind für die Pro- oder Antistimmung verantwortlich.
Wenn ein Grossteil der Klasse die Person mit einer Behinderung von Anfang an akzeptiert, dann werden auch die restlichen jene Person respektieren und tolerieren.
Offene Kommunikation ist ein weiterer Punkt. Man sollte immer ehrlich seine Meinung sagen, wenn einem etwas nicht passt und nicht eine Gruppe / Allianz gegen die eventuell fehlbare Person bilden. Wenn man als Mitschüler etwas – in seinen Augen Peinliches, was die Behinderung mit sich bringt – in Erfahrung bringt, das jenem Integrationskind beziehungsweise seinem Ruf schaden könnte, sollte man als Nichtbehinderter die Grösse haben und dieses nicht austratschen.
Für betroffene Kinder / Jugendliche ist die Schule lange Zeit der einzige Ort für soziale Kontakte, deshalb wiegt ein Ausschluss für eine Person mit Behinderung oft schwerer als für „normale“ Schüler.
Therapeuten
Therapeuten müssen mit dem Kind und seinen Eltern eine Prioritätenzuteilung vornehmen. Was zählt mehr: Schule oder Therapie? Was ist mit dieser Doppelbelastung (Schule / Therapie) zu erreichen? Welche Ziele innert welcher Frist sollen erreicht werden? Terminlegung vor oder nach der Schule?
Was ich sehr betonen möchte, ist, dass die Schulzeit endlich ist und während dieser hat sich die Therapie darauf zu konzentrieren, den physischen Zustand, wenn möglich, stabil zu halten oder die Verschlechterungen zumindest klein zu halten. Aufarbeiten und verbessern kann man in diesem Bereich nach der Schulzeit.
Es sollte auch kein Drama geben, falls die zu behandelnde Person die Übungen nicht schafft. Sonst hat das Kind / der Jugendliche zwei Druckzentren, nämlich die Schule und die Therapie.
Imagepflege
Eine Person mit Behinderungen arbeitet gewöhnlich mit mehr Einsatz als Nichtbehinderte, so auch in Gruppenarbeiten oder Projekten. Nicht selten wird diese Einsatzbereitschaft von den anderen Mitgliedern dieser Arbeitsgruppe ausgenutzt, da der / die Betroffene nicht vor der gesamten Klasse als Sündenbock dastehen will, wenn die Arbeit nicht wunschgemäss fertig gestellt wird. Zudem gilt das Arbeiten mit einer behinderten Person oft auch als Imagepflege.
Erfolgreiche Integration auf steinigem Weg
Samuel Schiegg ist ein Beispiel dafür, dass Integration von Menschen mit Behinderung in Schule und Beruf funktioniert. Wenn sie auch nicht immer einfach ist und selten reibungslos verläuft, ist eine Integration für beide Seiten sinn- und wertvoll.
Die Ratschläge Samuel Schieggs können Eltern, Lehrern, Therapeuten und betroffenen Kindern / Jugendlichen selbst eine Hilfe auf dem Weg der Integration sein. Schreiben Sie uns Ihre Meinung dazu.
Kontakt: Samuel Schiegg: llinkin(at)gmx.net, redaktion(at)myhandicap.de
Text: Samuel Schiegg / Redaktion MyH
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