Christliche Gemeinschaft als Weg aus der Isolation
- „Glaube und Behinderung“ setzt sich auch für barrierefreie Kirchen ein (Foto: Dieter Schütz / pixelio.de)
Der 1989 gegründete Verein Glaube und Behinderung versteht sich als überkonfes-sionelle Selbsthilfebewegung. Das Vereinsangebot an Urlaubsreisen, Vorträgen und Seelsorge soll behinderte Menschen aus der Isolation befreien und ihren Glauben stärken.
1998, nur neun Tage nach der Silberhochzeit, begann die schwerste eheliche Bewährungsprüfung für Helene Hofstetter. Ihr Ehemann Paul erlitt nach einer abendlichen Radtour einen schweren Unfall mit Hirnverletzung. Der ehemalige Pastor einer evangelischen Gemeinde lag mehr als ein halbes Jahr in einer Spezialklinik. Anfangs war der Heilungsverlauf recht gut. Doch dann kamen Epilepsieanfälle. Zwei schwere Stürze verursachten ein zweites Schädel-Hirn-Trauma.
Die Ärzte sahen keine Rehabilitationsmöglichkeit mehr. Seither lebt Paul Hofstetter in einem Pflegezentrum. Täglich besucht ihn seine Frau und unterstützt jeden kleinen Hoffnungsschimmer. Obwohl sich Paul Hofstetter nicht mehr an die Namen seiner Kinder erinnert, singt und betet er immer noch mit seiner Ehefrau. Trotz schweren Schicksalsschlägen ist sein Glaube nicht verloren gegangen.
Glaube vollbringt nicht immer Wunder
„Der Glaube, das Gebet und die Gemeinschaft geben vielen behinderten Menschen Kraft,“ sagt Ruth Bai-Pfeifer. Die Präsidentin des schweizerischen Vereins „Glaube und Behinderung“ weiss allerdings aus eigener Erfahrung, dass der Glauben nicht immer Wunder vollbringt. Sie selbst lebt mit einer Muskelkrankheit. Statt einer Heilung schenkte ihr der Glauben genügend Ressourcen, um den Alltag zu meistern. Deshalb empfindet Ruth Bai-Pfeier die Haltung von christlich charismatischen Bewegungen als sehr problematisch. 1988 nahm sie an einer Tagung des US-amerikanischen Evangelisten John Wimber teil. Wimber vertrat die These, dass jeder behinderte oder kranke Mensch von Gott geheilt werden könnte, wenn er nur richtig glaube und genug bete. Er selbst starb allerdings an Folgen einer Krebserkrankung und Hirnblutung.
- Die christliche Gemeinschaft gibt behinderten Menschen Trost und Kraft (Gert Altmann / pixelio.de)
Überkonfessionelle Selbsthilfebewegung
Ruth Bai-Pfeifer erlebte bei vielen Gesprächen mit behinderten Christen, dass diese durch ausbleibende Wunderheilung in eine noch grössere Verzweiflung stürzten. „Für all jene Menschen brauchte es ein Auffangbecken, damit sie in der christlichen Gemeinschaft Trost und Kraft für ihren zu weil schweren Alltag schöpfen konnten.“ 1989 organisierte Ruth Bai-Pfeifer das erste „christliche“ Behindertentreffen in der Schweiz. Zugleich knüpfte sie Kontakt zu der US-amerikanischen querschnittsgelähmten Autorin Joni Eareckson Tada, die damals Ansprechpartner für ihre Arbeit in Europa suchte.
1992 wurde der Verein „Glaube und Behinderung“ als Arbeitszweig sowie unter dem Patronat der Schweizerischen Evangelischen Allianz gegründet. Der Verein versteht sich in den Worten von Bai-Pfeifer als eine „überkonfessionelle Selbsthilfebewegung“. Mit einem Angebot an Ferienwochen, Ausflügen und Seelsorge will „Glaube und Behinderung“ behinderte Menschen aus der Einsamkeit befreien und sie in ihrem Glauben stärken. Daneben sensibilisiert der Verein Pastoren für das Thema Behinderung und setzt sich aktiv für barrierefreie Kirchen ein. Schliesslich besteht eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen schweizerischen Behindertenorganisation und dem deutschen Verein „PerspektivForum Behinderung“.
Barrierefreie Bibelstellen
Alle zwei Jahre zieht es die Freunde und Mitglieder von „Glaube und Behinderung“ in die Ferne. 2010 waren sie im behindertenfreundlichen „Hotel am See“ in Rheinsberg (Brandenburg) zu Gast. Das 2001 eingeweihte Haus mit seinen 107 Zimmern ist speziell für Menschen mit Behinderung konzipiert. Waschtische, Fenster, Türen und selbst die Sauna und das Schwimmbad sind rollstuhlgerecht gestaltet.
„Der Verein möchte allerdings mehr als einen schönen Urlaub bieten,“ sagt Ruth Bai-Pfeifer. In Diskussionen, Vorträgen und auch in der gemeinsamen stillen Zeit steht der christliche Glaube im Vordergrund. Längst sind die behinderten und nichtbehinderten Vereinsmitglieder zu Experten für barrierefreie Bibelstellen geworden. Beispielsweise steht im alttestamentarischen Buch Zephania 3,19: „Ich bringe dich, mein Volk, nach Hause. Auch diejenigen, die nicht mehr richtig gehen können.“ Für Ruth Bai-Pfeifer ist ganz klar: „Da ist ganz klar eine Botschaft der Hoffnung an uns gerichtet“.
Text: Michel Benedetti 07/2011
Bilder: pixelio.de
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