Epilepsie: Mehr als Zucken und Schreien

- Bei einem epileptischen Anfall entladen sich viele Nervenzellen gleichzeitig (Gerd Altmann/pixelio)
Krampfende Menschen, wilde Zuckungen, Schreie und Schaum vor dem Mund: So präsentiert sich das Bild von Epilepsie in der Allgemeinheit. Diese Anfallsform ist aber nur eine von vielen und nicht die häufigste.
Epilepsie ist die häufigste chronische Krankheit des zentralen Nervensystems. Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet „Ergriffen werden“, „Gepackt werden“ oder „von etwas befallen oder erfasst sein“. Epilepsie ist seit dem 16. Jahrhundert nachweisbar. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO erleiden zirka fünf Prozent aller Menschen einmal oder wenige Male in ihrem Leben unter besonderen Einwirkungen einen epileptischen Anfall.
Diese Anfälle müssen von Epilepsie unterschieden werden. Darunter leiden in Deutschland und der Schweiz ein halbes bis ein Prozent der Bevölkerung. Das Risiko für eine Epilepsie ist in den ersten Lebensjahren und dann erst wieder ab dem 60. Lebensjahr erhöht.
Unterscheiden zwischen Epilepsie und epileptischen Anfällen
Wie erwähnt, ist im Zusammenhang mit den Syndromen eine klare Unterscheidung zwischen epileptischen Anfällen und Epilepsie zu machen. Beim epileptischen Anfall handelt es sich um einen einmaligen Vorgang, der sich plötzlich ereignet und meist nach Sekunden oder Minuten wieder aufhört.
Erst wenn bei einem Menschen mindestens zwei epileptische Anfälle ohne erkennbare Erklärung innerhalb von 24 Stunden aufgetreten sind, spricht man von Epilepsie, einer lang anhaltenden Veränderung des Gehirns, die sich in immer wieder auftretenden epileptischen Anfällen äussert.
Wenn die Nervenzellen verrückt spielen
Dabei gerät das Gehirn „aus dem Takt“. Denn beim gesunden Menschen ist die Tätigkeit der Milliarden von Nervenzellen des Gehirns durch elektrische und chemische Signale genau aufeinander abgestimmt. Bei einem epileptischen Anfall oder Epilepsie ist dieses Gleichgewicht zeitweilig gestört. Viele Nervenzellen entladen sich plötzlich gleichzeitig. Diese nicht normalen Entladungen breiten sich im Gehirn aus und reizen in unnatürlicher Weise einzelne Gehirngebiete oder das ganze Gehirn.
Von der Internationalen Liga gegen Epilepsie (ILAE) werden die verschiedenen epileptischen Anfälle genau beschrieben. Unterschieden wird zwischen zwei Gruppen: fokale Anfälle, bei denen das Anfallsgeschehen in einer umschriebenen Region der Hirnrinde stattfindet, und generalisierte Anfälle, bei denen von Anfang an das ganze Gehirn von Entladungen der Nervenzellen erfasst wird.
Je nachdem, in welchem Bereich des Gehirns der fokale Anfall stattfindet, äussern sich auch die Symptome, zum Beispiel Bewusstseins- und Wahrnehmungsstörungen oder Muskelzuckungen. Breiten sich die Entladungen von Nervenzellen anschliessend über das gesamte Gehirn aus, spricht man von einer Generalisierung des Anfalls. Die generalisierten Anfälle werden wiederum in verschiedene Formen eingeteilt. Zu den am häufigsten auftretenden Formen gehören:
- Absencen (Petit-Mal-Epilepsie)
Bei Absencen kommt es zu sekundenlangen Bewusstseinsstörungen. Die Betroffenen sind „abwesend“, haben einen starren, leeren Blick, eventuell schwache Muskelzuckungen, sind nicht ansprechbar und haben danach eine Erinnerungslücke. Absencen kommen bei Klein- und Schulkindern am häufigsten vor, werden mit zunehmendem Alter aber seltener. - Myoklonische Anfälle
Myoklonische Anfälle sind gekennzeichnet durch plötzliche, kurz dauernde Zuckungen einzelner Muskelgruppen, manchmal auch aller Muskeln. Die Stärke ist sehr unterschiedlich und die Anfälle können in jedem Lebensalter auftreten. - Tonischer Anfall
Bei einem Tonischen Anfall kommt es zu einer Verspannung der Muskeln, meist am Rücken und an Armen und Beinen. - Atonischer Anfall
Beim Atonischen Anfall stellt sich bei den Betroffenen ein vorübergehender Verlust des normalen Muskeltonus ein, sie stürzen oder nicken unwillkürlich mit dem Kopf. - Grand-Mal-Epilepsie
Der bekannteste, wenn auch bei weitem nicht häufigste Anfall, ist der generalisierte tonisch-klonische Krampfanfall (Grand-Mal-Epilepsie). Dabei befindet sich der oder die Betroffene in der tonischen Phase in tiefer Bewusstlosigkeit. Arm-, Bein- und Rumpf versteifen sich, die Augen sind verdreht, das Gesicht verzerrt. Ein Kieferkrampf kann zu Bisswunden an der Zunge, Backen oder Lippen führen. Es kommt zu Atemaussetzern und möglichem Sauerstoffmangel.
Nach zehn bis 30 Sekunden folgt die klonische Phase mit Zuckungen in Armen und Beinen und einem gesteigerten Speichelfluss. Meist ist der Anfall nach ein bis zwei Minuten überstanden. Nach einer kurzen Phase der Bewusstheit fällt der Patient in einen tiefen Schlaf. Nach dem Aufwachen können sich Patienten an den Anfall nicht erinnern und klagen über Muskelkater und Kopfschmerzen. - Status epilepticus
Als Status epilepticus werden länger als eine halbe Stunde anhaltende einzelne epileptische Anfälle oder so rasch aufeinander folgende Anfälle bezeichnet, bei denen sich die Betroffenen zwischenzeitlich nicht erholen können. Ein Status epilepticus mit Krampfanfällen ist ein lebensbedrohlicher Notfall und muss sofort behandelt werden.

- EEG und bildgebende Verfahren wie ein MRT werden zur Diagnosestellung eingesetzt (Dieter Schütz/pixelio)
Ursache von Epilepsien oft unklar
Die Ursache von Epilepsien und epileptischen Anfällen bleibt auch heute trotz immer besserer Untersuchungsmöglichkeiten oft unklar. Man weiss aber, welche Faktoren entscheidend zum Auftreten beitragen können, wobei diese einzeln oder auch zusammenwirken können. Einerseits gibt es eine ererbte Bereitschaft (idiopathische Epilepsie), andererseits eine angeborene oder erlittene Hirnschädigung (symptomatische Epilepsie), wobei Hirnschädigungen als Ursachen bei weitem überwiegen.
Nur bei rund fünf bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen mit Epilepsien ist die Epilepsie vererbt worden. Ursache symptomatischer Anfälle und Epilepsien sind nachweisbare krankhafte Veränderungen im Gehirn wie schwere Kopfverletzungen, Hirntumore, Schlaganfälle und Blutungen oder Hirnschäden aus Geburtskomplikationen.
Genau beobachten
Ob jemand an Epilepsie leidet, können Fachärzte anhand einer Reihe von Untersuchungen feststellen. Für die Diagnose sehr wichtig ist vor allem eine möglichst genaue Beschreibung der Krankengeschichte und der Anfälle. Aufgrund der Bewusstseinsstörungen bei Epilepsien oder epileptischen Anfällen ist der Arzt in der Regel auf die Beobachtung von Drittpersonen, die den Anfall bei dem Patienten beobachtet haben, angewiesen. Um den Anfall einordnen zu können, ist es wichtig, möglichst viele Einzelheiten des Anfalls zu kennen.
EEG misst elektrische Aktivität des Gehirns
Das zweite wichtige Standbein einer Epilepsie-Diagnose ist die Elektroenzephalografie EEG. Das EEG ist eine Methode zur Messung der summierten elektrischen Aktivität des Gehirns durch Aufzeichnung der Spannungsschwankungen an der Kopfoberfläche. Das EEG kann diese Schwankungen graphisch darstellen. Mit Hilfe des EEG kann so beim Patienten die Bereitschaft zu epileptischen Anfällen festgestellt werden. Neben der klassischen EEG-Diagnostik können in speziellen neurophysiologischen Laboratorien auch stunden- oder tagelange Telemetrien durchgeführt werden.
Mit dem Einsatz von bildgebenden Verfahren wie der Magnet-Resonanz-Tomographie MRT oder der Computer-Tomographie CT kann der Arzt feststellen, ob die Betroffenen an einer Hirnschädigung leiden. Wenn schliesslich alle Angaben vorliegen, wozu zur Abklärung einer möglichen Vererbung von Epilepsie auch die Familiengeschichte gehört, kann die Diagnose einer bestimmten Epilepsieform der ILAE-Klassifikation gestellt werden.

- Antiepileptische Medikamente ermöglichen den meisten Betroffenen ein Leben frei von Anfällen (Egon Häbich/pixelio)
Medikamente bringen Linderung
Die Behandlung von Patienten mit Epilepsie erfolgt durch Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten wie Neurologen, Kinderärzten, Kinderneurologen, Internisten und Hausärzten sowie auch von Neurochirurgen. Im Vordergrund der Therapie stehen eine Normalisierung des Alltags, die Verhinderung von Langzeitschäden, die Erhaltung der Arbeitsfähigkeit und das Vermeiden von Unfällen oder Verletzungen.
Die Behandlung erfolgt im Normalfall durch die Abgabe von antiepileptischen Medikamenten. Die Wahl der sogenannten Antileptika richtet sich nach der Art der Epilepsie sowie der Art der Begleiterkrankungen. Vor Beginn der medikamentösen Behandlung werden die möglichen Risiken der Behandlung und die möglichen Nebenwirkungen der Medikamente gegen die Risiken der Anfälle abgewogen.
Eine spezialisierte und intensive Betreuung ist in grossen Kliniken und neurologischen Ambulatorien möglich. Viele Epilepsiebehandlungszentren sind an Universitätskliniken angegliedert, die neben der ärztlichen Versorgung auch Forschung betreiben. Eine medikamentöse Therapie kann durch eine angepasste Lebensweise mit der Beobachtung und Vermeidung von anfallsauslösenden Situationen und Faktoren unterstützt werden.
Operation mögliche Alternative
Wenn sich Anfälle mit Medikamenten nicht ausreichend kontrollieren lassen, wird unter Umständen ein chirurgischer Eingriff in Erwägung gezogen. Der Entscheid pro oder contra einer Operation hängt ab von der Art der Anfälle, welche Hirnregion betroffen ist und wie wichtig diese Region für das alltägliche Leben ist.
Bis heute ist eine Beherrschung der Epilepsie nicht immer möglich. Je nach Art der Epilepsie sind bis zu 90 Prozent der Betroffenen frei von Anfällen, bei anderen nur etwa ein Drittel. Etwa zwei Drittel der Betroffenen führen medikamentös unterstützt ein normales Leben. Bei etwa 20 Prozent der Betroffenen lassen sich die Anfälle nicht ausreichend oder gar nicht beeinflussen. Die Erforschung der Ursachen von Epilepsie bringt aber immer mehr und neue Erkenntnisse, so dass in Zukunft wirksamere Methoden zur Behandlung oder sogar Möglichkeiten zur Vorbeugung einer Epilepsie entwickelt werden könnten.
Text: Patrick Gunti – 08/2011
Fotos: pixelio





