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DVD-Tipp: Die Zeit, die man Leben nennt

Luca ist 22 Jahre jung, gutaussehend und erfolgreich. Als aufstrebender Pianist steht er auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Gerade hat er einen internationalen Musikpreis gewonnen. Diesen Triumph kann er mit seiner treuen Freundin Josefine und seiner, ihn über alles liebenden, Mutter teilen. Doch nach 11 Millionen 563 Tausend und 200 gelebten Minuten ist es eine einzige Sekunde, die sein Leben komplett verändert. Luca wird vor der Konzerthalle von einem Auto erfasst.

Nach seinem Unfall fällt Luca in eine tiefe Depression.

Als wir Zuschauer Luca wieder sehen, ist er nur noch ein Schatten seiner selbst. Er befindet sich in einer Rehaklinik in Salzburg und hadert mit seiner neuen Lebenssituation. An den Rollstuhl gefesselt und von der Hüfte an abwärts gelähmt zieht er sich in sich zurück. Weder seine Freundin noch seine Eltern lässt er an sich heran. Von den anderen Patienten der Klinik ganz zu schweigen.
Einer dieser Patienten ist Roderick. Er ist ebenfalls Paraplegiker, scheint sich jedoch sehr gut damit arrangiert zu haben. Mehr als locker geht er immer wieder selbstironisch mit seinem körperlichen Zustand um und scheut auch nicht davor zurück, dies für seinen eigenen Vorteil zu nutzen.
Von einer derartigen Einstellung ist Luca weit entfernt. Statt sich auf die neue Situation einzulassen, trauert er seinem früheren Ich hinterher. Ohne dabei zu bedenken, dass eine Persönlichkeit, ein Leben, nicht bloß in zwei Beinen steckt. Als Luca versucht, sich das Leben zu nehmen, kann Roderick ihn in letzter Sekunde retten.

Zwei Welten prallen aufeinander

Nach diesem sehr drastischen Schritt von Luca sieht auch die verantwortliche Chefärztin, Frau Dr. Assaro, sich gezwungen, andere Maßnahmen zu ergreifen, als den Starpianisten weiterhin in Watte zu packen. So werden Luca und Roderick gemeinsam in ein Doppelzimmer verlegt. Sofort prallen zwei Welten aufeinander. Doch bald schon erkennt Roderick, wie schwer es Luca wirklich fällt, mit der Tatsache, den Rest seines Lebens im Rollstuhl sitzen zu müssen, umzugehen. Auch ihm geht es nicht viel anders. Nur vermag er es, hinter seiner permanent aufgedrehten Art, zu verbergen. Nachdem sie endlich einen Zugang zueinander gefunden haben, freunden die Beiden sich an. Dabei gelingt es Roderick schließlich, dem Neuling auf vier Rädern zu zeigen, dass man trotzdem noch sehr viel Spaß im Leben haben kann.
So kann Luca sich dann auch wieder seiner Freundin und, vor allem, seinen Eltern öffnen. Nur mit der Musik hat er endgültig abgeschlossen. Das kann auch ein Besuch seines Mentors nicht ändern.
Während es anfangs Luca war, der Roderick brauchte, um zurück ins Leben zu finden, wechseln diese Rollen bald. Denn um Lucas neuen Freund steht es sehr schlecht. Sein Leben neigt sich dem Ende. Sonst eine große Klappe, hat Roderick panische Angst davor, nach einem Zusammenbruch, im Krankenhaus zu sterben. Kurzerhand organisiert der Ex-Musiker (so glaubt er zumindest noch) eine eigene barrierefreie Wohnung für sich und „Rod“.


Auch im Rollstuhl steht Luca wieder auf der Bühne.

Zurück zur Musik

Der ist es dann auch, der Luca quasi dazu zwingt, den letzten Schritt einer erfolgreichen Rehabilitation zu gehen. Nach Familie, Freundin und Nachtleben, muss sich der Pianist auch wieder seiner Arbeit widmen. Zwar versucht er sich energisch dagegen zu wehren, und auch seine Plattenfirma legt ihm dabei Steine in den Weg, doch Luca hat keine Wahl. Denn es ist Rodericks letzter Wunsch, dazu beigetragen zu haben, dass die Welt an Lucas Beispiel sieht, dass sie sich nicht haben unterkriegen lassen…

Justin Black (MyHandicap-Fachexperte für Medien) über „Die Zeit, die man Leben nennt“:

Ein Film, wie es sie, meiner Meinung nach, viel zu selten gibt. Ohne aufwendige Spezialeffekte gelingt es der Regisseurin Sharon von Wietersheim mit Hilfe von hervorragenden Schauspielern und einer guten Geschichte, die Zuschauer zu berühren. Neben Kostja Ullmann, dem man die Rolle des schwermütigen Luca, der erst lernen muss, mit der neuen Lebenssituation umzugehen, absolut abnimmt, glänzt vor allem Hinnerk Schönemann mit seiner Darstellung des vorwitzigen Roderick. Kleiner Schwachpunkt in der Besetzung sind Katja Weitzenböck und Cheyenne Rushing als Lucas Mutter und seine Freundin Josefine. Dass man bei Ihnen nicht ganz vergessen kann, dass sie wohl nur eine Rolle spielen, fällt jedoch nicht groß ins Gewicht.
Bei einem Film über einen erfolgreichen Pianisten ist gute Musik ein absolutes Muss. Wolfram de Marco liefert einen wunderschönen, passenden Soundtrack zu dieser Produktion, der sofort nach dem Ansehen der DVD in meinem CD-Regal landete.

Die Geschichte und die Figuren sind authentisch. Auch wenn man selbst von sich glaubt, dass man in einer gleichen Situation anders reagieren würde, ist das Verhalten von Luca absolut nachvollziehbar.
Bei Roderick, und der lockeren Art mit seinem Handicap umzugehen, muss man immer wieder schmunzeln. Dass aber auch für jemanden, der ein solches Energiebündel ist und selbstbewusst vor einer Disco „Platz da, für mich und meine kranken Beine!“ fordert, nicht immer alles eitel Sonnenschein sein kann, wird einfühlsam vermittelt.


Luca verschließt sich vor allen – auch vor seiner treuen Freundin.

Die Regisseurin, die zugleich auch das Drehbuch schrieb, beleuchtet wirklich jeden wichtigen Aspekt. Auch Freunde und Freundinnen, für die ein Freund im Rollstuhl eine zu große Belastung ist, oder ein Bordellbesuch zur Befriedigung, der sonst selbstverständlicher Bedürfnisse, werden nicht ausgelassen.Besonders beeindruckend fand ich persönlich den Auftritt von Lucas Mentor, Jargonov (gespielt von Jan Niklas), in der Rehaklinik: Ihm ist bewusst, dass ein solcher Unfall ein tiefer Einschnitt im Leben eines Menschen ist und dass es mehr braucht, als ein paar Blumen der Plattenfirma, um damit fertig zu werden. Nichtsdestotrotz fordert er Demut vor den eigenen Fähigkeiten von seinem Schützling. Nur weil es ein paar Schwierigkeiten gibt, darf man nicht gleich aufgeben. Jargonov führt Beethoven als Beispiel dafür an, dass man mit eisernem Willen jedes Hindernis überwinden kann. Er hat weiter Meisterwerke komponiert, obwohl er bereits taub war. Und so findet auch Luca einen Weg, trotz Querschnittlähmung, wieder auf einem Flügel zu spielen. Allerdings bedarf es dafür erst, wie oftmals auch im echten Leben (von Betroffenen), einer Motivation von außen.

„Die Zeit, die man Leben nennt“ ist nicht nur für Menschen mit Handicap und deren Umfeld ein beeindruckender Film, sondern führt einem Jedem vor Augen, dass es immer nur an uns selbst und unserer inneren Einstellung, keinesfalls aber an den äußeren Umständen, liegt, was wir aus unserem Leben machen. Meines Erachtens nach gehört „Die Zeit, die man Leben nennt“ daher in jede gut sortierte DVD-Sammlung.


Regie: Sharon von Wietersheim

Darsteller: Kostja Ullmann, Hinnerk Schönemann

Filmlänge: 88 Minuten

 

Bilder: ZDF, Chris Hirschhäuser

 

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