Rain Man
Der Autohändler-Yuppie Charlie Babbit erfährt nach dem Tod des ungeliebten Vaters von der Existenz eines Bruders namens Raymond, der als Alleinerbe des Familienvermögens eingesetzt wurde. Raymond ist Autist und lebt in einem Heim für Behinderte. Mit dem Plan, seinen Erbteil von den Anwälten zu erpressen, entführt Charlie den Bruder und flüchtet mit ihm auf dem Highway durch die Staaten.
Charlie Babbitt ist das, was man getrost ein egoistisches Arschloch nennen könnte. Seine Umgebung hat ihm zu dienen. Er ist mit dem Verkauf teurer Karossen beschäftigt – ungewolltes Motto: macht viel Wind, hat wenig Erfolg – und benutzt andere, einschließlich seiner Freundin Susanna, die ihn längst durchschaut hat, für sein Fortkommen. Charlie scheint keine Gefühle zu kennen, außer bei sich selbst. Als sein Vater, zu dem er jahrelang keinen Kontakt hatte, eines Tages stirbt, erfährt er, dass er einen älteren Bruder namens Ray hat, der drei Millionen Dollar erben soll, während Charlie lediglich des Vaters Rosen sowie einen 49er Buick abbekommt. So ein Pech. Aber Charlie wittert eine Chance. Denn Ray lebt in einem Heim für psychisch Kranke und leidet an Autismus – wenn es für ihn denn ein Leiden ist. Er steht unter der Obhut von Dr. Bruner einem alten Freund des Vaters, der das Vermögen Rays nun treuhänderisch verwalten soll und der Charlie nie über Ray informieren wollte. Charlie spekuliert: Wenn er Ray mitnimmt und Bruner unter Druck setzt, notfalls auch klagt, hätte er Chancen auf die Hälfte des Sümmchens; sofern er die Vormundschaft über seinen Bruder bekommen würde, vielleicht auf das ganz Geld.
Man erfährt zudem erstaunlich viel über Ray und Charles Babbitt. Ray ist einerseits in der Lage, Telefonbücher auswendig zu lernen, die Zahl von auf den Boden gefallenen Streichhölzern in Nullkommanix, nein, nicht zu schätzen, sondern genau zu ermitteln, Dialoge von Fernsehsendungen auswendig vorzusagen, 1.045 und 346 in Windeseile zu multiplizieren und die restlichen, verdeckten Karten bei einem Kartenspiel ebenso schnell zu ermitteln. Andererseits ist er völlig unfähig, die für andere Menschen normalen Alltagssituationen auch nur annähernd zu bewältigen. Er kennt keine Preisunterschiede, bleibt mitten auf der Straße stehen, als er an der Ampel liest „Don’t walk” und ist von einem festen Tagesrhythmus abhängig. Ray kann kommunizieren, er versteht, was jemand zu ihm sagt, begreifen tut er aber nur das wenigste.
Film über Grenzen und Begrenzungen
„Rain Man” – das ist ein Film über Grenzen und Begrenzungen, aber auch über Grenzüberschreitungen. Charlie ist gefangen in seiner Selbstbezogenheit, Ray ist gefangen in seinem Autismus. Der eine hat die Chance, sich zu ändern, der andere mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Der eine lernt dazu und entwickelt Gefühle für andere, paradoxerweise gerade weil der andere sich nicht einen Millimeter fortentwickeln kann. Während sich Charlie bislang anderer bemächtigte, um zweifelhafte Pluspunkte für sein Leben zu sammeln, scheitert alles, was er in dieser Hinsicht bisher gelernt hat, an der Person seines Bruders. Der Autismus versagt sich einer Änderung, also muss sich Charlie ändern und begreifen, dass seine bisherige Arroganz und Machtausübung gegenüber anderen nie dazu führen wird, dass er sie vollständig unter Kontrolle bringen wird. Was seine Freundin Susanna mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen, gut gemeinten Vorhaltungen und Kritik nicht geschafft hat, das schafft Charlies Bruder, ohne dass er das wahrscheinlich weiß. Oder weiß er es doch? Jedenfalls weiß niemand genau, was in einem autistischen Menschen tatsächlich vorgeht, was er wirklich mitbekommt und was nicht, was er fühlt.
Hollywood pur
„Rain Man” – das ist Hollywood pur, aber Levinson drückt nicht auf die Tränendrüsen. Hoffman spielt Ray als einen, den man sehr schnell gern haben muss, obwohl es so schwer fällt, jemanden gern zu haben, mit dem man nur sehr begrenzt und in festen und unveränderlichen Bahnen kommunizieren kann. Ray bietet – etwa gegenüber Menschen, die an Krankheiten leiden, die sich kontinuierlich verschlimmern (z.B. Alzheimer) – eine ungewöhnliche Sicherheit: Zumindest kann man sich auf ihn verlassen, weil man ihn nach einer gewissen Zeit einschätzen kann. Für Charlie ist Ray tatsächlich eine solche Sicherheit, die ihn nach nur kurzer Zeit zu einem anderen Menschen macht.
Regie: Barry Levinson
Darsteller: Dustin Hoffman, Tom Cruise
Filmlänge: 128 min.
Text: Ulrich Behrens, Filmstarts.de





