Captain auf Siegeskurs
Nicolas Hausammann (26) steht seit September 2007 beim Deutschen Meister und Championscupzweiten RSV Lahn-Dill unter Vertrag. Er hatte als Captain und zuletzt als Spielertrainer der "Pilatus Dragons" bis zur Saison 2006/2007 mit seiner Mannschaft vier Meistertitel, drei Cupsiege und als absoluten Höhepunkt Ende April 2005 in Lodz (Polen) den Europacupsieg WBC errungen. MyHandicap sprach mit ihm über seine Motivation, sein Team und das spektakuläre Turnier in Lodz.
MyHandicap (MyH): Gratulation zum Europacup-Sieg! Beschreibe uns, wie du das Turnier in Lodz erlebt hast.
Nicolas Hausammann (NH): Von der Atmosphäre her war es leider nicht so toll wie beim Qualifikationsturnier in der Türkei, wo uns jeweils 1000 Zuschauer zujubelten. Dennoch war es wie ein Traum. Ab dem zweiten Spiel war so eine magische Eigendynamik. Jeder im Team lebte nur noch für diesen Moment, weshalb wir auch gewonnen haben. Ich habe immer schon davon geträumt, einmal mit einem solchen Teamspirit etwas scheinbar Unmögliches zu erreichen. Das gibts sonst nur im Film!

- Nicolas Hausammann vor dem Vereinswappen (Foto: Pilatus Dragons)
MyH: Die Dragons sind im Verlauf des Turniers über sich hinausgewachsen. Wie schafft ein Team das? Woher nehmt ihr den Teamgeist?
NH: Wir sind ein verschworener Haufen ganz verschiedener Herkunft und unterschiedlichen Alters. Was uns verbindet ist die Liebe und Leidenschaft zum Spiel. Jeder weiss, was er kann und versucht nicht, sich irgendwie in den Vordergrund zu drängeln. So haben wir viel Spass auf dem Feld, was natürlich gegen Nervosität oder Druck von aussen hilft. Natürlich darf man aber auch unseren Coach nicht vergessen, der uns diese Begeisterung für Basketball vorlebt und mit ganzem Herz mitfiebert.
MyH: Welche Auswirkungen hatte der Titel auf das Team? Konntet ihr die junge Sportart bekannter machen?
NH: Ich glaube, dass er uns als Team noch viel mehr zusammengeschweisst hat. Das Medienecho war enorm. Plötzlich meldeten sich Zeitungen und Lokalsender für grössere Reportagen. Ich hoffe, wir können diesen Status über die Sommerpause retten, damit wir nächste Saison die Halle nicht nur bei den Finalspielen füllen können.
MyH: Du spielst mit der Nummer 8. Hat das eine spezielle Bewandtnis?
In der Schweiz sind leider nur die Nummern 4 bis 15 erlaubt. Sonst würde ich mit der 32 von Magic Johnson spielen, welcher mein grosses Vorbild ist. Die Acht hat also keine besondere Bedeutung.
NH: Wie bist du zum Rollstuhlbasketball gekommen?
Ich habe Rollstuhlbasketball während meiner Rehabilitationszeit im Balgrist kennen gelernt. Im Gymnasium hatte ich nachher einen Superturnlehrer, der mich immer bei der Sportstunde mitmachen liess.
Er ist selbst Basketballcoach und lernte mir alle Basics, die für die Sportart wichtig sind. Als ich mich selber gut genug fand, fragte ich schliesslich mit 17 Jahren beim RC Uster an, ob sie einen neuen Spieler brauchen könnten. Nach vier Jahren beim RCU bekam ich ein Angebot der Pilatus Dragons, wo ich jetzt spiele.
MyH: Was macht die Faszination Rollstuhlbasketball aus?
NH: Es ist wohl der schnellste Teamsport, den es im Behindertensport gibt. Er steckt voller Kreativität und kann sehr spektakulär, manchmal sogar fast unglaublich sein. Auf einem harten Untergrund sind im Rollstuhl nicht viel weniger schnelle Wendungen und Drehungen als im Fussgängersport möglich. Es gilt, die Orientierung zu behalten und den Ball im richtigen Moment zu passen oder in den Korb zu werfen. Ich komm grad so ins Schwärmen, da ich gestern das neuste Rollstuhlmodell von unserem Sponsor Meyra erhalten habe. Der fährt sich unglaublich gut.
MyH: In eurem Team spielen auch eine Fussgängerin und ein Fussgänger. Gibt das ab und zu Diskussionen?
NH: Nein, überhaupt nicht. Sie beladen den Mannschaftsbus, dafür lassen wir sie mitspielen! (lacht) Nein, im Ernst: Fussgänger sind wichtig für den Rollstuhlbasketballsport. Nur sie können auf den hohen Centerstühlen stabil sitzen und machen die Sportart dadurch noch variabler und attraktiver. International sind jedoch nur Fussgänger mit Minimalbehinderung, d.h. mindestens Knorpelschaden dritten Grades, erlaubt.
Da diese oder auch amputierte Spieler eher selten sind, dürfen national auch Nichtbehinderte spielen. Durch das Klassifikationssystem ist das ja gut geregelt, so dass es nicht plötzlich eine Nichtbehindertensportart wird. Ein hoher Paraplegiker zählt ein Punkt, ein Fussgänger 4.5 Punkte. Zählt man die Punkte der fünf Spieler auf dem Feld zusammen, dürfen es nicht mehr als 14.5 sein.
Interview: Dominik Feusi
Foto: Pilatus Dragons
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