Behindertengerechts Bauen muss nicht teuer sein
Die Vorgaben, die das Behinderten-Gleichstellungsgesetzes BehiG im Bereich des behindertengerechten Bauens machen, werden bis heute vielfach nicht eingehalten. Einer der Gründe ist die Angst vor zu hohen Kosten. Diese Angst ist unbegründet, wie eine Nationalfonds-Studie der ETH aufzeigt.
"Hindernisfrei in Franken und Rappen" beantwortet die Frage, wie viel hindernisfreies Bauen tatsächlich kostet. Analysiert wurden 140 Gebäude der drei Kategorien "öffentlich zugängliche Bauten", "Bauten mit Arbeitsplätzen" und "Wohnbauten". Untersucht wurde u.a., wie viel in hindernisfreies Bauen investiert wird, wie viel hindernisfreies Bauen bei Neubauten kostet und was es kosten würde, die Barrieren in bestehenden Bauten zu entfernen.
Zusammengefasst belegt die Studie, dass je früher man die Hindernisfreiheit einplant, desto billiger wird sie. Am günstigsten ist es, Gebäude von Anfang an hindernisfrei zu planen, damit sie für alle Nutzerinnen und Nutzer zugänglich sind. Dies ist nicht teuer: Es macht im Mittel nur 1.8 Prozent der Bausumme aus. Lediglich ein Drittel davon ist für Massnahmen, die ausschliesslich Menschen mit einer Behinderung dienen. Vom Rest profitieren alle. Diese Zahlen drücken jedoch nur einen Mittelwert aus und können stark variieren: Während die Mehrkosten bei kleinen öffentlich zugänglichen Bauten (Bausumme unter 2 Mio. Franken) bis 3.5 Prozent betragen können, fallen sie bei grösseren Projekten (Bausumme über 5 Mio. Franken) unter ein halbes Prozent. Und ab einer Bausumme von 15 Mio. Franken fallen die Mehrkosten sogar unter 0.15 Prozent der Baukosten.
Die Studie beantwortete Fragen wie:
Warum ist hindernisfreies Bauen bei Wohnbauten teurer?
In öffentlich zugänglichen Gebäuden und in Bauten mit Arbeitsplätzen erschliesst ein einziger Aufzug oft eine grosse Fläche und meistens genügt eine einzige hindernisfreie Toilette. Bei Wohnbauten ist es anders: Dort erschliesst ein Aufzug jeweils nur zwei bis drei Wohnungen pro Geschoss. Spezielle Einrichtungen wie schwellenlose Duschen oder niedrige Balkonschwellen sind in grösserer Auflage nötig. Aus diesen Gründen ist hindernisfreies Bauen in Wohnbauten vergleichsweise teurer.
Wie viel kostet hindernisfreies Bauen bei bestehenden Gebäuden?
Nachträgliche Anpassungen sind stets individuell. Verhältsnismässige und günstige Lösungen sind jedoch in den meisten Fällen möglich. Menschen mit einer Behinderung können nicht warten, bis sich der Gebäudebestand rundum erneuert und damit hindernisfrei wird. Wenn ein Gebäude erneuert und gleichzeitig hindernisfrei gemacht wird, dann verursacht dies im Mittel Kosten von 3.5 Prozent des Gebäudewertes. Die Kosten hängen aber auch hier stark von der Grösse und der Art des Gebäudes ab. Relativ teuer sind nachträgliche Anpassungen bei kleinen Bauten.
Welche Massnahmen sind am teuersten?
Im Mittel fliessen 78 Prozent der Kosten für hindernisfreies Bauen in die stufenlose Erschliessung von Gebäuden, also in Aufzüge, Lifte oder Rampen. Und dies kommt allen zugute. Eine gute Erschliessung bedeutet mehr Komfort für alle, eine bessere Vermietbarkeit und steigert den Wert einer Immobilie. Damit steht den Zusatzkosten auch ein höherer Ertrag für den Eigentümer gegenüber. Spezielle Massnahmen hingegen, die ausschliesslich von Menschen mit Behinderung gebraucht werden, machen einen kleinen Teil der Kosten aus.
Wer profitiert von hindernisfreien Gebäuden?
Oft denken wir beim Stichwort "Hindernisfreies Bauen" nur an Menschen mit einer Behinderung. Das ist falsch. Eine hindernisfreie Umwelt kommt allen Benutzerinnen und Benutzern zugute - unabhängig von einer körperlichen Einschränkung. Denn zwei Drittel aller Massnahmen verbessern nicht allein den Zugang für Behinderte. Sie sorgen auch dafür, dass das Gebäude wirtschaftlich und komfortabel genutzt werden kann und davon profitieren alle.
Wie viel wird in hindernisfreie Bauten investiert?
Heute fliessen 0,8 Prozent der Bausumme in Hindernisfreiheit. Während neue öffentliche Bauten bereits oft hindernisfrei sind, herrscht bei Wohnbauten grosser Nachholbedarf. Heute wird in allen drei Gebäudekategorien etwa gleich viel in eine hindernisfreie Bauweise investiert: Bei öffentlichen Bauten sind es 1,09 Prozent, bei Bauten mit Arbeitsplätzen 0,8 Prozent und bei Wohnbauten 0,72 Prozent der Bausumme.
Ist hindernisfreies Bauen für die Eigentümer zumutbar?
In den meisten Fällen ist hindernisfreies Bauen nicht sehr teuer und lohnt sich sogar! Bei öffentlich zugänglichen Gebäuden, die mehr als 5 Mio. Franken kosten, liegen die Zusatzkosten für hindernisfreies Bauen unter einem halben Prozent. Und da hindernisfreie Gebäude komfortabler und attraktiver sind, lohnen sich diese Aufwendungen. Beim Wohnungsbau ist der Einbau eines Aufzuges ab einer Bausumme zwischen 4 und 5 Mio. Millionen verhältnismässig und wirtschaftlich zumutbar. Die übrigen Massnahmen, um eine Wohnung zum Beispiel für Besuche im Rollstuhl nutzbar zu gestalten, betragen weniger als ein Prozent der Bausumme. Etwas teurer ist es, alte "Sünden" nachträglich zu beseitigen und bestehende Barrieren zu beseitigen. Hier sind die Kosten stark abhängig von der Substanz und der Grösse des Gebäudes.
Ist hindernisfreies Bauen 13 volkswirtschaftlich verkraftbar?
Immer wieder ist die Befürchtung zu hören, dass die Kosten für hindernisfreies Bauen eine Belastung für unsere Volkswirtschaft seien. Das Gegenteil ist der Fall. Seit Anfangs 2004 regelt das Behindertengleichstellungsgesetz (BehiG) das hindernisfreie Bauen in der Schweiz. Es schreibt vor, dass Wohnbauten mit mehr als acht Wohnungen, Bauten mit mehr als 50 Arbeitsplätzen und öffentlich zugängliche Gebäude hindernisfrei erstellt werden müssen. Die Mehrkosten dafür werden bei Neubauten maximal 210 Mio., bei Umbauten höchstens 250 Mio. Franken betragen. Die Zahlen liegen deutlich unter einem Prozent des jährlichen Hochbauvolumens von 30 Mrd. Franken.
Text: pg 09/2007 - MyH
Quelle: Interdisziplinäres Forschungsvorhaben "Behindertengerechtes Bauen" Vollzugsprobleme im Planungsprozess im Rahmen des Nationalfonds-Projektes 45.
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