Vom Behindertentransport zum Temporausch

- easyCab als grösster Konkurrent von Betax auf dem Platz Bern. (Foto: easycab.ch)
Von Tixi in Zürich über den Behindertentransport beider Basel bis zu Betax und easyCab in Bern führen schweizweit unzählige Unternehmen unterschiedlicher Grösse jährlich hunderttausende Behindertentransporte durch. Betax feiert nun seinen 25. Geburtstag.
Betax wurde 1984 von ehemaligen KIO-Fahrerinnen- und Fahrern, Fahrgästen und Sympathisanten gegründet und vom Bund und der Stadt Bern subventioniert. In den darauffolgenden Jahren fusionierte Betax mit anderen Behindertentransport-Unternehmen, erlebte ein rasantes Wachstum und erhielt einen Leistungsauftrag vom Kanton Bern und später vom Verbund Behinderten- und Betagtentransportdienste des Kantons Bern VBBT. 1998 wurde dieser durch die Stiftung Behindertentransport Kanton Bern BTB abgelöst, über die indirekt und bis heute die Abrechnung der kantonalen Beiträge an die Behindertentransporte – in diesem Jahr insgesamt 4,73 Mio. Franken - läuft.
Betax mit vielfältigem Dienstleistungsangebot
Auch heute noch ist Betax die Nummer Eins auf dem Platz Bern und führt mit über 20 Fahrzeugen jährlich über 40'000 Fahrten aus. Betax sieht sich als öffentlicher Verkehr all jener Behinderten, die aus eigener Kraft und ohne fremde Hilfe den ÖV nicht erreichen und deshalb auch nicht benützen können. Entsprechend vielfältig hat Betax sein Dienstleistungsangebot ausgestaltet: Transportdienst für Rollstuhlfahrer und behinderte oder betagte Fussgänger sind ebenso möglich wie Patiententransporte, Gruppen-Ausflüge und Nachtdienste. Ergänzt wird das Angebot durch verschiedene Support-Angebote wie zum Beispiel beim Umzug oder beim Umbau von Fahrzeugen.
Grosse Umwälzungen mit der Liberalisierung
Seit der 4. IV-Revision 2005 und der damit verbundenen Liberalisierung der Behindertentransporte sieht sich Betax aber zunehmender Konkurrenz ausgesetzt. Neben Betax arbeiten heute im Kanton Bern 34 weitere Transportunternehmen mit der Stiftung Behindertentransport Kanton Bern BTB zusammen, die die Fahrten abrechnet sowie Verfügbarkeit, Sicherheit und Zuverlässigkeit überprüft.
easyCab als erster Herausforderer
Grösster Konkurrent von Betax auf dem Platz Bern ist mittlerweile die easyCab GmbH. Gründer Bruno Richner setzte sich im Jahr der Liberalisierung von Betax ab und gründete seinen eigenen Fahrdienst. Heute führt easyCab mit rund 20 Mitarbeitern bereits gegen 25'000 Fahrten jährlich durch. Was für Betax gilt, gilt aber auch für easyCab, ohne Spenden oder im Falle von easyCab einem Förderverein wäre das Budget der Behindertentransportunternehmen nicht auszugleichen.
Attraktive Freizeitaktivitäten
Seit längerem verstärkt easyCab sein Angebot über den reinen Transport hinaus in Richtung Freizeitaktivitäten. Seit zwei Jahren ist beispielsweise das „Happy Weekend Ticket“ erhältlich. Mit diesem können Menschen mit Behinderung wieder einmal einem ganz speziellen Ereignis beiwohnen, so auch am 2. Dezember dem Konzert von Rockröhre Pink im Zürcher Hallenstadion. Geplant ist auch eine Reise ans U2-Konzert in Frankfurt im August nächsten Jahres. Aber auch Clubbing ist angesagt, so am 8. Januar 2010 im riesigen Macumba-Dancing in Saint-Julien bei Genf. Und wer es lieber etwas besinnlicher mag, den führen Ausflüge ins Elsass oder an den Christkindelmarkt nach Freiburg im Brei

- easyCab will Grenzen ausloten, was für Menschen mit Behinderung möglich ist. (Foto: Pixelio/annamartha)
Die Grenzen ausloten
Im kommenden Frühling geht easyCab noch einen Schritt weiter. „Wir versuchen, die Grenzen auszuloten, was für Behinderte möglich ist“, erklärte easyCab-Geschäftsleitungsmitglied Daniel Dickie jüngst gegenüber der Tageszeitung „Der Bund“. Dies hat dazu geführt, dass das Unternehmen ab Frühling 2010 Motorbootfahrten auf dem Thunersee anbieten wird. Für einen Adrenalinkick ist gesorgt, denn bei dem Boot handelt es sich um ein schnittiges Motorboot einer Wasserski- und Wakeboard-Schule mit nicht weniger als 345 PS.
Unterschiedliche Ansichten
Der Präsident der Stiftung Behindertentransport Kanton Bern BTB, Andreas Laubenberger, zog Anfang des Jahres eine positive Bilanz: „Die Anzahl an Behindertenfahrdiensten konnte ausgeweitet werden. Der Wettbewerb spielte. So konnten die Benützer und Benützerinnen in vielen Regionen unter mehreren Anbietern auswählen. Das vergrösserte die Chancen für spontane Fahrten. Als Kunde schätze ich das sehr.“
Nun wird diese Meinung nicht von allen Betreibern geteilt. So kritisiert Betax-Geschäftsführer Maurice Gerussi gegenüber „Der Bund“, der Wettbewerb habe nur den Kostendruck verschärft und die Abhängigkeit von Spenden erhöht. Kleine Firmen hätten sich die Rosinen herausgepickt und Betax die aufwändigen Aufträge überlassen.
Aus Sicht der Betroffenen lässt sich aber festhalten, dass auch im Bereich der Behindertentransporte die Konkurrenz das Geschäft belebt hat, zumindest hinsichtlich der Vielfältigkeit des Angebots zum Wohle der Menschen mit Behinderung.
Text: pg 10/2009
Bilder: easycab, pixelio
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Ob es sinnvoll ist mit 345PS über den Tunersee zu flitzen, das muss jeder für sich selber entscheiden. Für mich kommt dieser "Adrenalin-Schub" aus Überzeugung nicht in Frage. Wo bleibt da die Natur.
Was mich aber noch mehr ärgert ist der Begriff "Behindertentransport"! Sind wir Handicapierten eine Ware, die man transportieren muss! Verwendet doch besser den Begriff "Fahrdienst für mobilitätsbehinderte Menschen".