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Wenn Angst zur Krankheit wird

Weibliches Gesicht mit angstvollem Blick
Angst kann sich zu einer schweren seelischen Beeinträchtigung auswachsen (Falk/pixelio)

Die Angst ist grundsätzlich etwas Gutes, denn sie warnt den Menschen vor Gefahren. Sie ist unsere eigentliche „Alarmanlage“. Entstehen aber durch Angst Kontrollverluste, Panikattacken oder Lähmungen, liegt eine Angststörung vor, die häufigste psychische Erkrankung unserer Zeit vor.

Wir alle kennen Ängste von frühester Kindheit an. Angst, alleine zu sein. Angst vor der Dunkelheit, Prüfungsangst, Angst vor Gewittern, in späteren Lebensphasen Angst vor Krankheiten, Einsamkeit oder letztlich dem Tod. Ängste gehören zu unserer normalen Entwicklung. Sie kommen und gehen, mal sind sie ausgeprägter, mal einfach nur begleitend. Im Normalfall lernen wir, mit unseren Ängsten zu leben.

10 bis 15 Prozent der Bevölkerung betroffen

Dies ist aber nicht immer der Fall. Immer mehr Menschen, man schätzt 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung, werden von Angststörungen heimgesucht. Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer. Die Angst- und Panikhilfe Schweiz APhS hat die Zahlen der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2004 aufgeschlüsselt und geht von 713'000 Betroffenen aus.

Die Kosten von Angststörungen werden auf über 1 Mrd. Franken berechnet. Dazu gehören einerseits die Arztkosten, die sich bereits auf hohe Beträge summiert haben, bis überhaupt eine verlässliche Diagnose gestellt werden kann. Kann eine Angststörung nicht rechtzeitig und wirksam behandelt werden, droht eine dauernde Erkrankung, Arbeitsplatzverlust und somit hohe Ausfall- und Versicherungskosten (ALV, IV, EL).

Zur Störung wird Angst immer dann, wenn sie wiederholt in Situationen auftritt, in denen real und nach menschlichem Ermessen gar keine Gefahr oder Bedrohung vorliegt, wenn sie also unverhältnismässig ist. Die Angst äussert sich häufig mittels körperlicher Symptome wie beispielsweise Herzrasen, Schwindel, Zittern, Schweissausbrüchen, verminderter Belastbarkeit oder Beschwerden im Magen-Darm-Trakt.

Vielfältige Ursachen

Über die Ursachen von Angststörungen gibt es verschiedene Erkenntnisse. Grundsätzlich scheint es so zu sein, dass manche Menschen für die Entwicklung einer Angststörung besonders anfällig sind. Bei der Entstehung von Angsterkrankungen geht man heute davon aus, dass stark belastende Lebensumstände wie Unfälle, Scheidungen oder Stellenverluste, traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit oder im Erwachsenenalter, Kindheitserlebnisse und Erziehungseinflüsse einen starken Einfluss haben. Vermutet wird auch eine vererbte Bereitschaft, an einer Angststörung zu erkranken.

Es hat sich gezeigt, dass immer verschiedene Ursachen und Auslöser zusammen kommen müssen, damit es zum Ausbruch einer Angststörung kommt. Nur selten findet sich eine einzige Ursache. Angststörungen können aber auch durch einschneidende Angsterlebnisse gefördert werden. So können sich zum Beispiel erlebte Flugturbulenzen zu einer ausgeprägten Flugangst entwickeln.

verschwommen: Tunnel mit Auto
Wenn der Tunnel zum unüberwindbaren Hindernis wird (A. Dreher/pixelio)

„Phobische Störungen“ und „Andere Angststörungen“

Angststörungen werden im Klassifikationssystem ICD-10 (International Classification of Disorders) als neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen kodiert.

Die ICD-10 unterscheidet zwischen „Phobischen Störungen“ (Agoraphobie, Soziale Phobie, spezifische Phobien, sonstige phobische Störungen) und „Anderen Angststörungen“ (Panikstörungen, generalisierte Angststörung).

Agoraphobie: „Ich sitze in der Falle“

Die häufigste Phobie ist die sogenannte Agoraphobie. Diese liegt bei Menschen vor, die an bestimmten Orten ein starkes Unwohlsein, oder eben Angst empfinden. Dazu gehören öffentliche Plätze, Geschäfte oder Orte mit grossen Menschenmengen.

Auch bei weiten Reisen alleine kann dieses Phänomen auftreten. Gemeinsam ist diesen Situationen, dass die Betroffenen glauben, im Falle des Auftretens von Panik oder potenziell bedrohlichen Zuständen nicht schnell genug flüchten zu können, dass Hilfe nicht schnell genug vor Ort wäre oder dass sie in peinliche Situationen geraten könnten.

Das Grundgefühl, anderen Menschen ausgeliefert zu sein, setzt eine körperliche Stressreaktion in Gang, die zu den oben erwähnten Angstsymptomen bis hin zu Panikattacken führen kann. Die Betroffenen zeigen ein starkes Vermeidungsverhalten, das oft zu einem totalen Rückzug in die eigenen vier Wände führt – mit den Folgen neuer Ängste vor Isolation und dem Verlust vertrauter Personen.

Die Angst vor der Gesellschaft

Bei sozialen Phobien meiden Menschen Auftritte in der Gesellschaft. Sie fürchten, Erwartungen anderer nicht zu erfüllen und auf Ablehnung stossen zu können. Oder Sie haben Angst, dass man ihnen die Nervosität – zum Beispiel bei einem Vortrag vor vielen Menschen – ansieht. Die erwähnten Symptome können auftreten, ebenso Sprachhemmung, häufige Versprecher oder Atemnot, Übelkeit, wiederum bis hin zu Panikattacken.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Menschen mit sozialen Ängsten versuchen, „gefährdenden“ Situationen aus dem Weg zu gehen. Dies kann die schulische oder berufliche Karriere ebenso beeinträchtigen wie das Privatleben und zu einer völligen sozialen Isolation führen.

Flugzeuge, Aufzüge, Spinnen…

Und schliesslich gibt es die spezifischen Phobien, die sich gegen ein bestimmtes Objekt oder gegen eine bestimmte Situation richten. Zum Beispiel entwickeln Menschen Tierphobien wie die allseits bekannte Arachnophobie, die Angst vor Spinnen.

Bei situativen Phobien entstehen Angststörungen in Flugzeugen, in der Höhe oder in Aufzügen. Andere Menschen wiederum entwickeln eine Phobie vor Spritzen oder vor Blut.

Panik ohne ersichtlichen Grund

Das Hauptmerkmal der Panikstörung sind immer wieder auftretende, nicht durch äussere Umstände ausgelöste Panikattacken. Diese Panikattacken stellen eine extreme körperliche Angstreaktion aus scheinbar heiterem Himmel dar, die die Betroffenen als extreme Bedrohung ihrer Gesundheit erleben. Der Körper bereitet sich mit erhöhter Adrenalin-Ausschüttung blitzschnell auf eine Kampf-/Fluchtreaktion vor. Es kommt zu Symptomen wie Atemnot, Engegefühle in der Brust, Herzrasen- oder schmerzen, Zittern, Schweissausbrüchen, Übelkeit oder anderen Beschwerden.

Betroffene glauben oftmals, sie würden einen Herzinfarkt erleiden. In der Regel lassen die Symptome mit dem Adrenalin-Abbau nach einigen Minuten wieder nach. Das Auftreten vereinzelter Panikattacken ist noch keine Erkrankung. Erst wenn die Panikattacken wiederholt auftreten, wenn sich eine eigentliche Angst vor der Angst entwickelt, spricht man von einer Angststörung.

Spinne an einer Wand
Die Hausspinne. Schön? Weniger. Gefährlich? Nein. Dennoch entwickeln viele Menschen eine Spinnenphobie (Marco Barnebeck/pixelio)

Die Sorge um alles und jeden

Sehr häufig sind auch die sogenannten „generellen“ Angststörungen. Menschen mit einer generalisierten Angststörung sorgen sich krankhaft um alles und jeden, haben negative Vorahnungen. Es könnte sich ein Unfall ereignen, dem Kind könnte dieses und jenes passieren, das Gehalt könnte zu spät ausbezahlt werden usw.

Die Betroffenen sind sorgenvoll und ängstlich, ohne dass tatsächlich ein Anlass zur Sorge bestehen würde. Vor lauter Sorge und Angstzuständen sind sie kaum mehr in der Lage, die alltäglichen Herausforderungen zu meistern. Die Angst zeigt sich in Beschwerden wie Zittern, Herzrasen, innerer Unruhe, Hitzwallungen, Schlafstörungen und vielem mehr.

Isolation und Depression

Angststörungen können neben den jeweiligen akuten Symptomen längerfristig zu Depressionen und völliger Isolation führen, aber auch zu einem gesteigerten Suchtverhalten. Andauernde Ängste, Phobien und Panikattacken nehmen den Betroffenen alle Lebensenergie. Alles ist negativ beeinflusst. Die Betroffenen meiden die Öffentlichkeit, Orte, wo ihre Ängste noch akuter werden, wo Panikattacken entstehen könnten.

Patienten kapseln sich immer mehr auch von ihrem privaten Umfeld ab und isolieren sich. Um aufkommende Angst zu unterdrücken oder um sich einstellende körperliche Beschwerden zu bekämpfen, greifen viele Betroffene zu Medikamenten, Alkohol oder Drogen und geraten so in einen Kreislauf, aus dem auszubrechen nun noch schwieriger ist.

Frühestmögliche Diagnose wichtig

Dabei wäre es wichtig, die Diagnose so früh wie möglich stellen zu können. Denn bei rechtzeitiger Therapie ist eine Angststörung gut behandelbar. Der wichtigste Schritt ist dabei, dass sich Betroffene frühzeitig die richtigen Fragen stellen, wie

  • Beschäftige ich mich mehrmals täglich mit meinen Ängsten?
  • Habe ich wiederholt Symptome wie Herzrasen, Atemnot, Zittern usw.?
  • Beeinträchtigen meine Ängste meine normale Lebensführung?
  • Ist meine Stimmung gedrückt oder depressiv?
  • Bekämpfe ich meine Ängste mit Alkohol, Medikamenten oder Drogen?

und sich je nach Resultat eingestehen, dass sie Hilfe benötigen. Die Behandlung beruht meist auf einer individuell zugeschnittenen Psychotherapie, die bei starken Symptomen von einer medikamentösen Therapie begleitet wird. Eingesetzt werden dabei meist Antidepressiva, die einerseits die Ängste reduzieren und gleichzeitig eine mögliche Depression lindert. Bei der Psychotherapie lernen Betroffene zu verstehen, dass die Beschwerden nach einer gewissen Zeit wieder abklingen und die befürchteten Konsequenzen ausbleiben.

Bei der kognitiven Verhaltenstherapie der Phobien, Angst- und Panikstörungen geht es unter Einbezug von Wissensvermittlung, kognitiven Interventionen und Konfrontationsverfahren darum, sich den Ängsten oder mit Angst verbundenen Situationen gezielt und in zunehmender Dosis auszusetzen, bis alle zuvor gemiedenen Situationen wieder zu bewältigen sind und in das normale Leben integriert werden können.


Text: P. Gunti

Bilder: pixelio.de

 

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